Postfinance setzt auf Digitalisierung – und baut Personal ab

Bis im Sommer verpasst sich Postfinance eine neue Struktur und beginnt mit dem Stellenabbau.

Die Zukunft soll online stattfinden: Ein Bankkunde an einem Postomaten in Bern. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Die Zukunft soll online stattfinden: Ein Bankkunde an einem Postomaten in Bern. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Die Postfinance schuf gestern Klarheit: Was im letzten Herbst skizziert worden war – dass die Finanztochter der Post sich grundlegend neu aufstellen wird –, wurde den 3600 Angestellten präsentiert. Ab Mitte Jahr unterteilt sich das Unternehmen unter Chef Hansruedi Köng neu in acht Einheiten. Sie heissen: Retail, Firmen, Anlagelösungen, Fabrik, Recht, Finanzen, Arbeitswelt und Geschäftsentwicklung. Von den acht Spitzenleuten, die diese Einheiten führen werden, sind erst fünf bestimmt, die restlichen drei sollen in den kommenden Wochen ernannt werden.

Mit der neuen Organisation will sich die Postfinance schlanker und schneller im Markt bewegen. Das ist nötig, die Firma leidet unter der Begrenzung des Geschäfts. Zwar ist sie eine Bank, ihr bleibt aber verwehrt, den Kunden direkt Kredite zu vergeben. Das kann die Postfinance nur über Partnerbanken machen. Die Limitierung stürzt die Postfinance in ein Dilemma. Sie ist als staatliches Institut begehrt als Bank und sitzt entsprechend auf viel Kundengeld. Nur kann sie dieses nicht gewinnbringend einsetzen. Die Minuszinsen verschärfen die Lage zusätzlich. Wenn sie keine andere Verwendung dafür hat, muss die Postfinance das überschüssige Geld bei der Nationalbank parkieren, wo sie 0,75 Prozent Zins auf die Einlagen zahlt. Kein Wunder, ist das Institut dazu übergegangen, Minuszinsen an Privatkunden weiterzugeben. Seit kurzem belastet sie alle Konten mit Vermögen von über 1 Million mit Negativzinsen.

Die Massnahme hilft. Aber nur vor­übergehend. Ebenso sind Depotgebühren für die Wertpapierkunden, die bisher ihre Titel gratis bei der Postfinance lagern konnten, noch keine Lösung. Mittelfristig braucht es mehr: Die Kosten müssen den Einnahmen angepasst werden. Deshalb die neue Organisation und deshalb der Abbau. Bis 2020, also in drei Jahren, sollen spürbar weniger Mitarbeiter für die Postfinance arbeiten.

Unklar, wie viele es trifft

Wie viel weniger, das wollte ein Sprecher des Finanzunternehmens auf Anfrage nicht sagen. Die Reduktion werde kontinuierlich bis 2020 erfolgen, also «ohne Big Bang», meinte er nur. In einer ersten Phase ab Juli würden die natürlichen Abgänge durch Pensionierungen und Kündigungen nicht oder höchstens «selektiv» ersetzt. Ob das schon genüge, bleibe offen. Im Herbst würde die Geschäftsleitung die Frage des Personalabbaus nochmals studieren und allenfalls weitere Massnahmen beschliessen. Die Postfinance sei bemüht, den Abbau sozialverträglich abzuwickeln.

Für die Mitarbeiter sind das keine ­guten Nachrichten. Sie wissen seit letztem Herbst, dass ihnen ein Abbau be­vorsteht. Damals informierte die Post­finance-Spitze erstmals über ein Umbauprojekt namens «Victoria 2017–2020». Die Gewerkschaften und Insider des Unternehmens warnten. Hunderte von Jobs könnten durch «Victoria» wegfallen. Die Gewerkschaft Transfair verkündete, es sei «mehr als bedauerlich, dass die Postfinance zu solchen Reorganisationen der Strukturen gezwungen» sei.

Mit der Information ans Personal über die neuen Strukturen bleiben die Angestellten bezüglich ihrer eigenen Zukunft weiterhin im Dunkeln. Sie wissen nicht, wie viele von ihnen es beim Sparen treffen könnte. Ihnen sagt die Führung nur, wohin die Reise gehen soll: noch mehr in Richtung Digitalisierung. «Unsere Gesellschaft und mit ihr die Bankenwelt werden rasant digitaler», sagt dazu der Postfinance-Sprecher. «Dies und das anhaltend schwierige Marktumfeld mit dem rückläufigen Zinsgeschäft zwingen uns zum Handeln.»

Ein Problem ist die Kommunikation

Die Analyse klingt düster. Das «klassische Bankgeschäft» sei «substanziell» bedroht, wenn man nicht sofort gegensteuern würde. Postfinance wolle sich «von einer klassischen Finanzdienstleisterin zum ‹Digital Powerhouse›» wandeln. Ziel sei die «Marktführerschaft im Bereich des digitalen Banking».

Worte, die auf Strategiepapieren gut klingen mögen. Das Problem ist die Umsetzung. Die heute führende Anbieterin im Schweizer Zahlungsverkehr leidet seit Monaten unter Ausfällen ihres Onlineangebots, das mit 1,7 Millionen Kunden mehr als jedes andere System benutzt wird. Das E-Banking war zeitweise mehr als 24 Stunden lang nicht aufrufbar. Diese Woche fiel das E-Banking der Postfinance erneut aus.

Ein Problem ist, dass der Glaube an eine baldige Besserung bei den Kunden zunehmend schwindet. Das hängt mit der Kommunikation der Postfinance-Spitze zusammen. Sie gab bei jedem neuen Crash einen anderen Grund an. Einmal fehlte es an genügend guten Tests im Vorfeld eines Updates, ein andermal gab es Probleme mit dem Abmelden vom System. Die wenig überzeugende Kommunikation führte dazu, dass IT-Spezialisten sich fragten, ob der «Hund» nicht tiefer begraben sei – im Kernsystem der Postfinance. Dieses stammt von einer indischen Softwarefirma namens TCS und heisst Banks.

Dass die Absturzserie damit zusammenhänge, bestreiten die Berner vehement. Banks von TCS laufe gut, heisst es am Postfinance-Hauptsitz. Laut einem Insider hat nun aber die Revisionsfirma der Postfinance, die KPMG, eine Untersuchung zu den Computerproblemen gestartet. Die Finanzmarktaufsicht habe dies angeordnet. Die Postfinance liess eine entsprechende Frage offen, auch die Finma schwieg.

Erstellt: 01.03.2017, 23:59 Uhr

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