Pseudo-Teilzeit hilft der Sache nicht

Schweizer Firmen, die beim Vaterschaftsurlaub sparen, zementieren ein rückständiges Gesellschaftsbild. Das wird sich in rückläufigen Geschäftszahlen niederschlagen.

Der Vater soll das Baby spüren können, nicht nur auf dem Handybildschirm bewundern. Foto: iStockphoto

Der Vater soll das Baby spüren können, nicht nur auf dem Handybildschirm bewundern. Foto: iStockphoto

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Die UBS prescht in Sachen Vaterschaftsurlaub vor. Zusätzlich zu zwei Wochen bezahlter Auszeit haben Jungväter künftig ein Anrecht auf maximal einen Monat unbezahlte Ferien. Alternativ können sie ihr Pensum während höchstens sechs Monaten auf 80 Prozent reduzieren. Die Personalverantwortlichen der Bank klopfen sich auf die Schultern: Was Leistungen für junge Eltern angeht, wird die UBS eines der fortschrittlichsten Unternehmen in der Schweiz.

Aber gerade das ist frustrierend. Es zeigt: In Sachen Gleichberechtigung hinkt die Schweiz den meisten europäischen Ländern weit hinterher. Und darum geht es, wenn man darüber redet, den Vätern Möglichkeiten zu geben, die eigenen Kinder nicht nur als Hintergrundbild auf dem Smartphone zu Gesicht zu bekommen.

Ein falscher Begriff

Das Problem beginnt beim Wort Vaterschaftsurlaub. Die vom Bundesrat abgeschmetterte Initiative trägt diesen Titel, die UBS und viele andere Firmen verwenden den Begriff. Dabei suggeriert «Vaterschaftsurlaub» ja schon, dass Mütter und Väter verschieden behandelt werden. Der Begriff Elternzeit, wie ihn etwa Deutschland verwendet, zielt dagegen in die richtige Richtung. Er drückt aus, dass sowohl Väter als auch Mütter die Auszeit von der Arbeit frei aufeinander aufteilen können. Klar, auch im nördlichen Nachbarland bleiben immer noch weitaus mehr Frauen als Männer in den zugestandenen 18 Monaten daheim bei den Kindern. Aber der Begriff Elternzeit stellt doch klar, dass Männer und Frauen denselben Anspruch haben.

Dieser zentralen Idee wird auch die UBS nicht gerecht. Grundsätzlich ist es ja toll, wenn Männer das Anrecht darauf haben, ihr Pensum zu reduzieren. Aber wenn die Grossbank wirklich ein Zeichen für Gleichberechtigung setzen will, darf sie das Recht auf reduziertes Pensum bei Vätern nicht auf sechs Monate beschränken. Denn noch immer ist Teilzeitarbeit überwiegend Frauensache. Der Anteil der Frauen mit Teilzeitpensum liegt hierzulande bei 59 Prozent. Bei den Männern zeigt sich zwar ein Trend nach oben, er liegt aber noch immer bei nur 17 Prozent. Und das macht es für Arbeitnehmerinnen schwierig, sich im Vergleich mit männlichen Kollegen zu behaupten, die Vollzeit arbeiten.

Wer sich vor den Kosten fürchtet, denkt zu kurzfristig.

Unter Männern gilt es in vielen Branchen noch als kurios, das Pensum zu reduzieren. Dass das auch bei der UBS ein Problem ist, zeigen ihre eigenen Zahlen: Der Teilzeitanteil von Männern beträgt 10, der von Frauen 40 Prozent. Und genau das wird sich durch die Pseudo-Teilzeit von sechs Monaten nicht ändern. Die Teilzeit­option ist zudem kein zusätzliches Angebot zu einem unbezahlten Urlaubsmonat. Väter müssen sich entscheiden. Mit nur einem Monat ist auch die Länge des unbezahlten Urlaubs zu kurz, wenn man es mit dem Angebot für Frauen vergleicht. Jungen Müttern stehen bei der Grossbank sechs bis sieben Monate Mutterschaftsurlaub zu. Diese Ungleichheit ist insofern sinnvoll, als Frauen sich nach der Geburt erst erholen müssen. Doch diese Phase wird auch für Mütter einfacher, wenn ihnen dabei die helfenden Hände des Vaters zur Verfügung stehen.

In den Fortschritt investieren

Warum bieten also weder grosse Konzerne noch mittlere und kleine Unternehmen in der Schweiz Männern und Frauen dieselben Möglichkeiten an? Wohl, weil man nicht bereit ist, in gesellschaftlichen Fortschritt zu investieren.

Doch wer sich vor den Kosten durch Elternurlaub fürchtet, denkt zu kurzfristig. Das ist auch das Problem des Bundesrats, der den Aufwand für einen Vaterschaftsurlaub als zu hoch für die Wirtschaft einstuft. Denn wenn sich hierzulande in Sachen Elternurlaub nichts tut, wird es die Wirtschaft auf längere Sicht immer schwerer haben, Fachkräfte zu rekrutieren. Denn viele von ihnen kommen aus Ländern, wo es um die Gleichstellung besser steht.

Dieser Personalpool ist ein Erfolgsfaktor. Aber der Rückstand der Schweiz bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird Jobinteressenten abschrecken. Ändert sich nichts am rückständigen Gesellschaftsbild der Schweiz, wird sich das in rückläufigen Geschäftszahlen niederschlagen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.11.2017, 18:55 Uhr

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