Raiffeisen-Genossenschafter greifen die Bankspitze an

Droht Gisel eine Niederlage? Delegierte wollen Geschäftsleitung und Verwaltungsrat die Entlastung verweigern.

Pascal Gantenbein (l.) führt den Verwaltungsrat interimistisch, Patrik Gisel sitzt der Geschäftsleitung vor. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Pascal Gantenbein (l.) führt den Verwaltungsrat interimistisch, Patrik Gisel sitzt der Geschäftsleitung vor. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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Die Aussicht ist prächtig. Das moderne Kongresszentrum LAC in Lugano liegt direkt am See und gibt den Blick frei auf das malerische Dorf Paradiso. Am Samstag werden sich hier die wichtigsten Raiffeisen-Genossenschafter treffen. Sie werden kaum Augen für die schöne Aussicht haben. Denn an keiner der 114 vorhergehenden Delegiertenversammlungen von Raiffeisen dürfte es im Vorfeld zu so hitzigen Diskussionen gekommen sein wie in diesem Jahr.

An der Basis brodelt es. Noch steht auf der Traktandenliste der Tagesordnungspunkt, Geschäftsleitung und Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz die Entlastung zu gewähren. Intern wird aber laut mehreren Quellen bis in die Raiffeisen-Spitze diskutiert, dieses Votum auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.

Die finale Entscheidung soll erst am Freitag fallen. Eine Raiffeisen-Sprecherin kommentierte eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung nicht.

Entlastung ist in Gefahr

«Es laufen mehrere Untersuchungen zur Affäre Vincenz. Und ohne deren Ergebnis zu kennen, sollen wir die Bankführung entlasten», schimpft der Verwaltungsratspräsident einer Raiffeisenbank aus der Deutschschweiz. «Wenn ich mich bei Delegierten aus meinem Regionalverband so umhöre, wollen viele der Bankspitze die Entlastung unter diesen Umständen verweigern», meint ein ranghoher Genossenschafter.

Kern der Aufregung sind die Vorgänge um den Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Er sitzt weiterhin in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Zürich ermittelt gegen Vincenz, seinen ­Geschäftspartner Beat Stocker sowie drei weitere Beschuldigte wegen des Verdachts der untreuen Geschäftsführung. Vincenz und Stocker werden verdächtigt, bei Firmenübernahmen von Aduno und der Investmentgesellschaft Investnet ein Doppelspiel betrieben und sich privat an den Transaktionen bereichert zu haben. Beide bestreiten die Vorwürfe.


400 Prozent Rendite in einem Jahr Der damalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz verdiente Millionen – gedeckt durch ein Gutachten von Starjurist Forstmoser. (Abo+)


Neben den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft laufen zwei weitere Untersuchungen in dem Fall: Die Finanz­aufsicht Finma prüft in dem Kontext, ob bei Raiffeisen Schweiz in Sachen guter Unternehmensführung alles vorschriftsgemäss ablief. Und Raiffeisen selbst hat Bruno Gehrig, Ex-Swisslife-Präsident und ehemaliges Direktoriumsmitglied der Schweizerischen Nationalbank, mit einer Prüfung aller Übernahmen aus der Ära Vincenz beauftragt. Gehrig arbeitet dabei eng mit einem Anwaltsteam der Kanzlei Homburger zusammen.

164 Vertreter von 21 Verbänden

Die Delegiertenversammlung ist das oberste Organ der Bank und besteht aus 164 Vertretern. Sie werden von den 21 Regionalverbänden der genossenschaftlichen Bankengruppe bestimmt. Jeder Regionalverband stellt jeweils zwei Delegierte. Hinzu kommt ein Anspruch auf zusätzliche Delegierte für Raiffeisenbanken mit vielen Mitgliedern oder einer grossen Bilanz. Die Liste der Delegierten hält Raiffeisen Schweiz unter Verschluss.

Derzeit laufen in vielen Regionen die Gespräche, wie die Delegierten abstimmen sollen. Sie kommen in den nächsten Tagen zusammen und besprechen die Traktandenliste. Die Meinungen seien noch nicht gemacht, sagt ein ­Delegierter. Auch nicht dazu, ob die ­Decharge verweigert werden soll. Die Präsidenten einer Handvoll Raiffeisenbanken erhöhen nun den Druck auf die Bankführung. Sie kontaktieren die ­Delegierten, um dafür zu werben, die Bankführung nicht zu entlasten. «Das Echo ist sehr positiv», sagt einer der Beteiligten, viele Delegierte seien unzufrieden und würden die Decharge verweigern wollen.

Auch die Präsidenten der einflussreichen Regionalverbände sind aktiv, wie zu hören ist. Sie stehen mit der Bankführung in Kontakt, um über den strittigen Punkt der Tagesordnung zu beraten. «Wird das Traktandum nicht gestrichen, droht der Bankführung, dass ihr die Delegierten die Entlastung verweigern», sagt ein Top-Raiffeisenbanker.

Auch ohne Votum zur Decharge droht der Führung am Samstag Ungemach.

Laut der Traktandenliste soll der Geschäftsleitung sowie dem Verwaltungsrat in einem Votum die Entlastung erteilt werden. Bankchef Patrik Gisel hat offenbar die Gefahr erkannt, dass die Geschäftsleitung unter seiner Führung nicht per Sondervotum entlastet werden soll. Daher gibt es auch im Umfeld der Raiffeisen-Spitze Stimmen, die für eine Verschiebung des Votums offen sind. Mit einer möglichen Entlastung würde Raiffeisen zudem die eigene interne Untersuchung unter der Leitung von Bruno Gehrig entwerten, heisst es.

Das strittige Votum der Bankspitze könnte auf die ausserordentliche Delegiertenversammlung im November verschoben werden. Dann soll auch ein neuer Verwaltungsratspräsident gewählt werden.

Auch ohne Votum zur Decharge droht der Führung am Samstag Ungemach. Denn einige Regionalverbände haben auf die Tagesordnung setzen lassen, dass der Verwaltungsrat die umstrittene Lohnerhöhung um rund 40 Prozent wieder rückgängig machen soll. Die beschauliche Kulisse in Lugano droht also zur Bühne einer Abrechnung der Basis mit der Raiffeisen-Führung zu werden.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2018, 07:33 Uhr

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