Ausgerechnet Pensionskassen zerzausen die Rentenreform

Erst kürzlich haben Arbeitgeber und Gewerkschaften einen Kompromiss erarbeitet. Der stösst nun auf Kritik von unerwarteter Seite.

Eine weiter steigende Lebenserwartung setzt der beruflichen Vorsorge zu. Foto: Deepol by Plainpicture

Eine weiter steigende Lebenserwartung setzt der beruflichen Vorsorge zu. Foto: Deepol by Plainpicture

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Nach jahrelangem Ringen um eine Reform der 2. Säule vermeldeten Arbeitgeberverband und Gewerkschaften Anfang Juli einen Durchbruch: Die Sozialpartner hatten sich auf einen Kompromiss geeinigt. Doch die Freude darüber war etwas getrübt, da der Gewerbeverband ausscherte und einen eigenen Vorschlag vorlegte.

Innenminister Alain Berset will bis Ende Jahr einen Gesetzesentwurf in die Vernehmlassung schicken. Informierte Kreise erwarten diesen für November. Der SP-Bundesrat dürfte sich dabei auf die Lösung der Sozialpartner stützen. Doch schon bevor der Vernehmlassungsentwurf überhaupt vorliegt, üben namhafte Pensionskassenverantwortliche am Kompromiss scharfe Kritik.

Der heutige Umwandlungssatz
lässt sich nicht mehr finanzieren.

Zentrales Element der Reform ist die Senkung des Umwandlungssatzes. Der Gewerbeverband wie auch die übrigen Sozialpartner wollen diesen von 6,8 auf 6,0 Prozent senken. Das würde bedeuten, dass bei einem Vorsorgekapital von 100'000 Franken die Jahresrente von 6800 auf 6000 Franken sinkt. Dieser Schritt ist unbestritten, da sich der heutige Umwandlungssatz aufgrund steigender Lebenserwartung nicht mehr finanzieren lässt.

Kritik gibt es dagegen am geplanten Rentenzuschlag. Diesen sollen Neurentner für eine Zeit von 15 Jahren erhalten, um neben weiteren Kompensationen Einschnitte bei der Rente zu verhindern. Etliche Pensionskassen – darunter vor allem auch die grossen – hätten ihre Hausaufgaben längst gemacht, den Umwandlungssatz gesenkt und allfällige Rentenausfälle der Übergangsgeneration abgefedert, sagen mehrere Pensionskassenverantwortliche und Experten.

Migros kritisiert Pläne

«Wie die meisten anderen Kassen haben wir die technischen Parameter angepasst und gleichzeitig Leistungseinbussen für die Versicherten abgefedert», sagt zum Beispiel Christoph Ryter, Geschäftsführer der Migros-Pensionskasse – eine der grössten Vorsorgeeinrichtungen der Schweiz. Würde der Kompromiss der Sozialpartner umgesetzt, müsste die Migros-Pensionskasse den Neurentnern einen Rentenzuschlag von monatlich 100 bis 200 Franken bezahlen, obwohl diese wegen der Senkung des Umwandlungssatzes keine Einbussen hätten, da die Migros-Pensionskasse ohnehin bereits grosszügigere Leistungen vorsieht. «Ich mag es jedem Rentner gönnen, wenn er mehr Geld erhält», so Ryter. Aber er würde das nicht fair finden, wenn Neurentner nach den bereits erfolgten Kompensationen zulasten der Kasse einen weiteren Zuschlag erhalten.

Auch Martin Wagner, Geschäftsführer der Pensionskasse der Credit Suisse, kritisiert den geplanten Rentenzuschlag. «Die von den Sozialpartnern vorgeschlagene Reform weist zwar positive Ansätze wie die Anpassung des Mindestumwandlungssatzes auf, sie verfehlt jedoch das Ziel einer nachhaltigen Finanzierung der Altersvorsorge», argumentiert Wagner.

Weitere Pensionskassenverantwortliche lassen am pauschalen Rentenzuschlag kein gutes Haar. Doch das Thema ist politisch heikel. Denn niemand will die Einigung der Sozialpartner schon torpedieren, bevor überhaupt ein Vernehmlassungsentwurf vorliegt. Von sechs kontaktierten grösseren Pensionskassen wollten deshalb einzelne keine Stellung beziehen. Hinter vorgehaltener Hand teilen aber manche die Kritik. Der Vorschlag des Gewerbeverbands kommt dabei nicht besser weg, da er auch eine zentrale Umverteilung vorsieht.

Es kursiert zudem die Vermutung, dass nicht alle Pensionskassen den umstrittenen Zuschlag für ihre Versicherten einführen müssten. Doch dies verneint Frédéric Pittet vom Arbeitgeberverband unmissverständlich: «Jeder, der künftig eine Rente bezieht, wird den Rentenzuschlag erhalten», sagt er. Denn bei allen Versicherten gebe es einen obligatorischen Teil, der von der Senkung des Mindestumwandlungssatzes betroffen sei.

Ungerechte Strafe

Pensionskassen-Experte Marco Jost von der Beraterin PPCmetrics beurteilt einen solchen Zwang für alle Vorsorgeeinrichtungen als «sehr störend». Denn damit würden jene Pensionskassen, die ihre Hausaufgaben gemacht hätten, bestraft, und jene belohnt, die bisher nichts unternommen hätten.

Positiver beurteilen die befragten Vorsorgeeinrichtungen ein drittes Modell, das der Pensionskassenverband Asip vorgeschlagen hatte: Der Vorschlag sieht vor, die Kassen beim Rentenzuschlag individuell in die Verantwortung zu nehmen. Pittet vom Arbeitgeberverband kritisiert die Asip-Lösung, weil sie die Altersgutschriftensätze älterer Mitarbeiter nicht senke und die Kompensation der Renteneinbussen den einzelnen Pensionskassen überlasse – eine Lösung, die das Parlament bereits einmal verworfen habe. Zudem sei sie kompliziert.

Dem widerspricht Asip-Direktor Hanspeter Konrad: «Unser Modell ist überhaupt nicht kompliziert, sondern lässt sich in der Praxis leicht umsetzen.» Zudem verhindere das Asip-Modell Einbussen für Rentner, ohne dass unnötig Geld umverteilt werde. Der Streit um die Pensionskassenreform geht nun richtig los.

Erstellt: 09.09.2019, 22:24 Uhr

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