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Reisebüros wollen gleich lange Spiesse

Geht eine Airline in Konkurs, haftet der Reiseveranstalter für bereits verkaufte Flugtickets. Die Branche wehrt sich auf europäischer Ebene gegen diese Praxis.

Die Liste von konkursiten Luftfahrtgesellschaften ist lang: Air-Berlin-Maschine in Berlin-Tegel. Foto: Paul Zinken (DPA, Keystone)
Die Liste von konkursiten Luftfahrtgesellschaften ist lang: Air-Berlin-Maschine in Berlin-Tegel. Foto: Paul Zinken (DPA, Keystone)

Jetzt hat es die Skywork Airlines erwischt. Die Schweizer Fluggesellschaft wollte mit ihren fünf Kleinflugzeugen über die Wintermonate täglich Passagiere von Bern-Belp und Basel nach Amsterdam, Berlin, Hamburg, London, Wien, München und Palma de Mallorca befördern. Daraus wird wohl nichts. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) hat Skywork wegen fehlender Finanzmittel per Ende Oktober die Betriebsbewilligung entzogen. Wenn nicht schnellstens neue Investoren gefunden werden, stehen die Maschinen ab 1. November still.

Alle bereits gebuchten und bezahlten Tickets verfallen ersatzlos. Die Rückerstattung der Gelder an jene Kunden, die eine Pauschalreise gebucht haben, obliegt zu 100 Prozent den Reisebüros. Diese brauchen von Gesetzes wegen eine Kundengeldabsicherung mit entsprechenden Zahlungsgarantien. Dass diese Praxis auch für den Fall von Airline-Konkursen gilt, an denen die Reisebüros keinerlei Schuld haben, ist für die Branche ein grosses Ärgernis. «Es ist unverständlich, dass im Rahmen des geltenden Pauschalreisegesetzes die Reisebüros vollumfänglich für die Fehler der Fluggesellschaften geradestehen müssen», sagt Walter Kunz, Geschäftsführer des Schweizer Reise-Verbands (SRV). Was ihn besonders stört: Für ein KMU, wie es die allermeisten Reisebüros sind, könne jedes Grounding einer Fluggesellschaft sofort existenzbedrohend sein.

Ein Drittel der Fluggesellschaften verschwunden

Die Gefahr ist real, wie die sich häufende Zahl von Airline-Pleiten belegt. Allein in den letzten sechs Jahren ist rund ein Drittel aller europäischen Linienfluggesellschaften aus finanziellen Gründen verschwunden. In kurzer Folge mussten zuletzt auch die zwei grossen Ferienflieger Air Berlin aus Deutschland sowie die britische Monarch ihre gesamten Flotten am Boden lassen. Im Fall von Monarch blieben 110'000 Passagiere an ihren Ferienorten sitzen, für weitere 300'000 wurde das bereits bezahlte Ticket über Nacht zum wertlosen Stück Papier.

Walter Kunz erinnert an den für die Branche schmerzhaften Konkurs der Schweizer Hello Airlines im Jahr 2012. Diese hatte ihre Tickets fast ausschliesslich via Reisebüros verkauft und dort hohe Schadenssummen hinterlassen. Die Liste der «ehemaligen Airlines» auf «Wikipedia» ist ellenlang.

Sperrkonto gefordert

Da es sich nicht um ein nationales Anliegen der Reisebürobranche handelt, ist der SRV nun gemeinsam mit Vertretern des europäischen Dachverbands der Reisebüros beim europäischen Ministerium für Transport und Verkehr vorstellig geworden. «Wir haben die EU-Kommissarin Violeta Bulc aufgefordert, eine Lösung zu erarbeiten, die der Reisebranche gleich lange Spiesse zusichert und die Airlines im Konkursfall in die Pflicht nimmt», sagt Walter Kunz. Eigene Ideen wurden in Brüssel auch bereits deponiert: «Flugtickets werden grossmehrheitlich lange im Voraus bezahlt. Wir haben den Vorschlag gemacht, dass dieses Geld auf einem Sperrkonto deponiert wird und erst zur Airline fliesst, wenn die Leistung erbracht wurde.» Die Chance auf Erfolg dieses Vorschlags sei indes gering, da Fluggesellschaften auf Liquidität angewiesen seien.

Auch andere Vertreter der Reisebranche sprechen klare Forderungen aus. «Die der Reisebranche vom Staat verordnete Kundengeldabsicherung muss auch für Fluggesellschaften eingeführt werden», sagt etwa Stephan Roemer, CEO des Asienreisespezialisten Tourasia. Diverse Airlines würden heute nur auf Kredit der Reisenden verkehren, indem das Geld oft Monate im Voraus einkassiert werde. Diese Praxis sei nicht nachhaltig und dürfe von der Politik nicht länger akzeptiert werden. Die historisch gewachsenen Privilegien der früher zumeist staatlichen oder halbstaatlichen Airlines seien im Zeitalter der Liberalisierung nicht mehr zeitgemäss. «Dazu gehört etwa auch die Steuerbefreiung auf Treibstoff, von der ausser den Airlines kein anderer Verkehrsdienstleister profitieren kann.»

Insolvenzrisiko wird geteilt

Die Airline-Branche wehrt sich gegen die Vorwürfe. Die Swiss betont, dass man sich nicht aus der Verantwortung stehle. So seien in der Vergangenheit bei Konkursen von Partnerfluggesellschaften wie etwa Spanair (2012) sogenannte Rettungsflüge bereitgestellt worden, um gestrandete Passagiere nach Hause zu bringen, betont die Sprecherin Karin Müller. «Wir erachten diesen Ansatz als fair, weil so das Insolvenzrisiko zwischen Fluggästen und Luftfahrtindustrie geteilt wird.» Von einer obligatorischen Kundengeldabsicherung für die Airlines will die Swiss nichts wissen. «Es sollte immer jene Partei die Versicherungsprämien bezahlen, die im Schadensfall auch die Versicherungsleistung erhält», sagt Karin Müller. Ferner sei zu beachten, dass insbesondere die Liberalisierung des europäischen Luftverkehrsmarktes seit den 1990er-Jahren zu deutlich tieferen Flugpreisen geführt habe. «Davon profitieren die Fluggäste erheblich.»

Als weiteres Argument führt Tobias Pogorevc, Finanzchef der Helvetic Airways, die strengen Auflagen ins Feld, denen die Fluggesellschaften unterliegen. Neben quartalsweisen Abschlüssen und Budgets müssten die Airlines dem Bazl auf Aufforderung monatliche Bankauszüge vorlegen. Das alles habe seinen Preis. «Die Einführung einer Kundengeldabsicherung würde die Ticketpreise verteuern. Die Kunden wären kaum bereit, diesen Aufpreis zu bezahlen.»

Für Walter Kunz vom SRV sind dies nur Ausreden. «Dass sich Airlines eine Kundengeldabsicherung aufgrund der tiefen Ticketpreise nicht leisten können sollen, ist aus meiner Sicht lächerlich.» Fakt sei, dass die Airline-Branche in der Politik über eine grössere und bessere Lobby verfüge, um den aus Sicht der Reisebranche unfairen Status quo zu bewahren. Der Vorkämpfer für die Reisebüros gibt nicht auf und will in Brüssel insistieren. «Wir hoffen, dass uns die aktuelle Häufung von Groundings in die Karten spielt.»

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