Pepper hat Gefühle und ist doch einsam

In Science-Fiction-Filmen helfen Roboter ihren Besitzern und werden ihnen manchmal sogar gefährlich. In der Realität sieht das anders aus.

Er plappert, wenn er nicht gefragt wird: Roboter Pepper. Foto: Akio Kon (Bloomberg, Getty)

Er plappert, wenn er nicht gefragt wird: Roboter Pepper. Foto: Akio Kon (Bloomberg, Getty)

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Pepper ist der jüngste Mitarbeiter im Laden des Mobilfunkanbieters Softbank auf der Ginza, Tokios Edelmeile. Doch die meisten Kunden ignorieren ihn. Spricht ihn endlich jemand an, reagiert er manchmal nicht. Dafür plappert er zuweilen los, obwohl niemand in der Nähe ist. Die Kunden stellen sich lieber in die Schlange am Empfangsdesk, um jene Auskünfte zu erhalten, die Pepper ihnen geben sollte.

Der weisse, 121 Zentimeter grosse Plastikkerl gilt als «erster ­Roboter mit Emotionen». Entwickelt wurde er von Aldebaran Robotics, einer französischen Firma, die vor vier Jahren von Softbank übernommen wurde. Die Entwickler des 28 Kilogramm schweren Wichtels mit 19 Sensoren, 20 Motoren, 4 Mikrofonen, zwei ­Kameras und WLAN haben das Unternehmen seither verlassen. Sie kamen mit Softbank nicht zurecht.

Emotionen bleiben abgeschaltet

Bisher hat Softbank etwa 10'000 Pepper verkauft, an Private für 1,2 Millionen Yen, etwa 10'600 Franken, an Firmen für das doppelte. Allerdings bleibt die «Emotions-Software» abgeschaltet. Sie funktioniert nicht zuverlässig genug. Und so ist Pepper in den meisten Fällen zu einem Dasein als Nebendarsteller ­verdammt. Zwar steht in mehr als 150 Softbank-Läden ein Pepper – meist aber steht er nur untätig herum.

Für Nestlé versucht er, Kaffeekapseln zu ­verkaufen, in einigen Bankfilialen sollte er Auskunft geben. Doch Morten Paulsen, Chefanalytiker für Robotik der Investmentfirma CLSA in Tokio, fällt ein hartes Urteil: Er hält ihn bloss für «ein animiertes iPad», das kaum beachtet werde.

In Taiwan nimmt Pepper in Pizza-Huts Bestellungen entgegen. Restaurants, in denen man per Tablet bestellt, gibt es in Japan schon länger. Dafür braucht es kein Männeken, das das Tablet hält. Die Eincheckroboter mancher japanischen Hotels sehen aus wie Fahrkartenautomaten. Doch im Gegensatz zu kalten Automaten appelliert Pepper an die Gefühle. Viele Japaner finden ihn «kawaii», «niedlich», hier eine wichtige Eigenschaft. Zudem könnte Pepper Hände schütteln und Menschen umarmen. Doch all das funktioniert nur, wenn die Emotions-Software eingeschaltet ist.

Humanoide Roboter gibt es auch von vielen anderen japanischen Firmen: Toyotas Roboterorchester spielte bereits auf der Weltausstellung 2005, Kirobo, ebenfalls von Toyota, so gross wie ein Eichhörnchen, flog zur Internationalen Raumstation, er kommt noch dieses Jahr in den Verkauf. Hondas Asimo kann gehen, rennen und sogar auf einem Bein hüpfen. Gleichwohl wird immer wieder gefragt: «Wozu?» Manche Experten werfen der Industrie vor, sie verschwende Ressourcen auf Spielereien, statt sich auf praktische Anwendungen zu konzentrieren. Immerhin verhelfen Asimo, Kirobo, Pepper und ihre Kollegen anderer Firmen ihren Herstellern zu viel ­Publizität.

Das Ergebnis: Kitakyushu in Westjapan gehörte einst zu den verschmutztesten Städten der Welt, der Himmel war rostrot, das Meer orange. Heute ist sie eine Stadt der Zukunftstechnologien, auch der Robotik, die mit viel Steuergeldern gefördert wird, anders erhalten Start-ups in Japan kein Kapital.

In Pflegepraxis bewährt

Reif ist ein solches Start-up, das Roboterlösungen für die Pflege entwickelt. Tree zum Beispiel, ein System, das Patienten hilft, wieder gehen zu lernen. Es kombiniert Sensoren an der Sohle und am Unterschenkel mit einem Tablet auf einem fahrbaren Gestell, das den Patienten führt. Anders als ein Therapeut wird Tree nicht müde und bleibt immer geduldig.

In der Pflegepraxis bereits bewährt haben sich «intelligente» Exoskelette, also flexible Gerüste um den Körper, die behinderten Patienten helfen, Bewegungsabläufe neu zu erlernen, oder dem Personal, Bettlägrige hochzuheben. «Solche Anwendungen wird es noch viele geben», sagt Reif-Gründer Masao Mori. Über humanoide Roboter, die er als Astroboy-Fantasien abtut, sagt er dagegen: «Einer unbekannten Umgebung können Roboter sich nicht anpassen. Wir müssen genau definieren, wozu wir sie brauchen und was die Maschine kann. Die einzige Verbraucheranwendung, mit der Profite gemacht würden, ist der Roboter-Staubsauger.» Das werde noch lange so bleiben.

«Die Roboter können nicht mehr als vor zehn Jahren. Sie sind bloss grösser und haben mehr Kapazität.»Hiroshi Ishiguro, Forscher an der Uni Osaka

Am Hafen von Kitakyushu hat Yaskawa seinen Sitz, ein führender Hersteller von Industrierobotern. Hier bauen einarmige Motoman-Roboter sich selbst, um dann in Fabriken rund um die Welt Autos oder Halbleiter herzustellen oder Stahlbleche zu formen. Auf Youtube zeigt ein Motoman Iaijutsu, die japanische Schwertkunst. Der Roboter übertrifft den berühmten Schwertkämpfer Isao Machii an Präzision und Tempo. Und wird nie müde. Dennoch zerstreut Ayumu Hayashita, Sprecher von Yaskawa, den Hype um künstliche Intelligenz: «Roboter sind nicht schlau, von sich aus können sie gar nichts.» Yaskawa unterhält trotzdem ein humanoides Roboterorchester – fürs Marketing.

Hiroshi Ishiguro, der Direktor des Roboterlabors der Uni Osaka, gilt als japanischer Robotikprophet. Er baut keine humanoiden Roboter, sondern Androide – Kopien von Menschen. Etwa von sich selbst: «mit einer perfekten Kopie meines Kopfes». Der 54-Jährige unterscheidet zwischen autonomen und ferngesteuerten Robotern. «Wenn ich zu einem Vortrag nach England eingeladen werde, ist es billiger, einen Studenten mit meinem Androiden zu schicken», lacht er. Ishiguro hält seinen Vortrag dann von zu Hause aus, die Software steuert die Gesichtszüge des Klons aufgrund der Sprache. Zurzeit entwickelt er einen Robo-Klon des Schriftstellers Natsume Soseki. Er soll Kinder animieren, Sosekis Bücher zu lesen.

Ishiguro glaubt, dereinst würden die Menschen billige humanoide Roboter wie Pepper als Gefährten akzeptieren wie heute das Smartphone, «den Personal Robot». Diese Personal Robots sollten nur nicht so gross sein wie Pepper, «so viel Platz haben wir in japanischen Häusern nicht. Eher ein Table-Top-Roboter wie Sharps Robohon», so Ishiguro. Das ist ein humanoides Smartphone, das aussieht wie ein Miniroboter. Das Projekt wurde jedoch gestoppt, als Hersteller Sharp kurz vor der Pleite stand.

Roboter haben Symbolkraft

«Der Mensch ist ein Tier plus Technologie», glaubt Ishiguro. «Schon heute akzeptieren wir Reiskocher, die reden, und steuern das Smartphone mit Sprache. Manche Athleten der Paralympics integrierten Technologie in ihre Körper. Die Grenze zwischen Mensch und Technologie verschwimmt.» Doch ausgerechnet Ishiguro dämpft die Erwartungen. «Was sind AI (künstliche Intelligenz) und Deep Learning? Die Computer können nicht mehr als vor zehn Jahren, sie sind bloss grösser und haben mehr Kapa­zität.» Der Roboter sei das Symbol der höchsten technischen Entwicklung, daher bildeten sich seit der Dampfmaschine und den Spieluhren immer wieder Roboterblasen. «Jetzt befeuern die Erwartungen an AI und Deep Learning die nächste.» Dazu das Geld der Regierung, die auf eine nächste industrielle Revolution hofft. Geld, das der Forscher gern annimmt. Auch Ishiguros Entwicklungen werden zu 100 Prozent vom Staat finanziert.

Erstellt: 13.02.2017, 23:09 Uhr

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