Roche steigt ins Softwaregeschäft ein

Das Programm soll die Krebsbehandlung verbessern. Mit Partner General Electric sollen weitere Anwendungen entwickelt werden.

Hilfe für die Ärzte: Mit der Roche-Software werden medizinische Daten digital aufbereitet. Foto: Jose Luis Pelaez (Plainpicture)

Hilfe für die Ärzte: Mit der Roche-Software werden medizinische Daten digital aufbereitet. Foto: Jose Luis Pelaez (Plainpicture)

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Vor dieser Diagnose hat jeder Angst: Krebs. Die Krankheit ist nicht nur heimtückisch, sondern auch sehr vielschichtig. Um Krebs zu besiegen, investiert die Pharmaindustrie jedes Jahr Milliarden in neue Wirkstoffe. In kein anderes Therapiegebiet fliesst so viel Geld.

Der Basler Pharmakonzern Roche setzt im Kampf gegen Krebs nun auf ein neues Werkzeug: Software. Die Diagnostiksparte von Roche hat ein Programm entwickelt, das Ärzte bei der Diagnose und der Wahl der Therapie von Krebspatienten unterstützten soll.

«Navify Tumor Board» heisst das Programm, das seit einigen Wochen auch in der Schweiz Krankenhäusern angeboten wird. «Der Einstieg in den Softwaremarkt ist für uns eine Erweiterung des Geschäftsmodells», sagt Roland Diggelmann, Chef der Diagnostiksparte von Roche, die ihren Sitz in Rotkreuz hat. «Bisher liefern unsere Tests Daten über einen Patienten, jetzt helfen wir mit der Software bei der Analyse der Daten.»

Um das eigene Softwareangebot zu erweitern, hat sich Roche mit dem US-Riesen General Electric (GE) verbündet. Dessen Medizintechniksparte zählt weltweit zu den grossen Adressen für bildgebende Systeme wie Computertomografie oder Ultraschallgeräte.

Erstes Modul auf dem Markt

Das erste Modul, das Ärzten dabei hilft, Krebspatienten zu behandeln, hat Roche aber noch allein programmiert. Es soll für einen besseren Überblick sorgen. Denn Krebspatienten werden von einem ganzen Team an Ärzten begleitet, etwa Onkologen, Radiologen, Pathologen und Strahlentherapeuten. Sie beraten sich regelmässig, um den besten Therapieansatz zu wählen. Dabei müssen die Ärzte eine Menge Daten analysieren, zum Beispiel Tumordaten, Biomarker oder Röntgenbilder. Die Roche-Software bereitet diese Daten digital auf und soll so helfen, dass die Beratungen effizienter ablaufen. «Die grosse Herausforderung liegt darin, dass die Informationen in den Kliniken oft in verschiedenen IT-Silos liegen und zusammengeführt werden müssen», so Diggelmann.

Beim Pilotprojekt zur Optimierung der Roche-Software war das Hospital del Mar in Barcelona beteiligt. «Es bleibt nun mehr Zeit für echte Diskussionen», urteilt Belen Lloveras, die Chef-Pathologin des Spitals, wo die Software nun seit rund zwei Monaten im Einsatz ist. Denn die behandelnden Ärzte seien weniger damit beschäftigt, nach Daten zu suchen. «Und wir Ärzte werden gezwungen, die Daten standardisiert aufzubereiten», erklärt sie. Das erleichtere die Abläufe. Doch verlangt das von den Ärzten auch, dass sie ihre Gewohnheiten ändern. Damit hätten einige Kollegen auch ihre Probleme gehabt. Rund 200 Krebspatienten würden derzeit mithilfe der neuen Software in Hospital del Mar begleitet.

Roche will nun das Softwaregeschäft zügig ausbauen. «General Electric entwickelt in Partnerschaft mit Roche ein neues Modul, das im Bereich Intensivmedizin eingesetzt wird», erklärt Roche-Manager Diggelmann, «Dieses neue Modul soll im Laufe des nächsten Jahres fertig sein.» Es geht auch beim neuen Projekt darum, in einer einfachen Übersicht alle relevanten Daten für den behandelnden Arzt verfügbar zu machen. Die Software wird eigenständig vermarktet. Das heisst, sie ist unabhängig davon erhältlich, ob ein Spital Geräte von Roche oder General Electric betreibt.

«Bisher liefern unsere Tests Daten über einen Patienten, jetzt helfen wir mit der Software bei der Analyse der Daten.»Roland Diggelmann, Roche-Manager

«Der Gesundheitssektor ist im Vergleich zu anderen Industrien wie Konsumgüter oder die Finanzindustrie eher langsam darin, Digitaltechnologien einzusetzen», urteilt Barri Falk, Partnerin der Unternehmensberatung Deloitte Schweiz und Spezialistin für die Life-Sciences-Industrie. Bei der Vernetzung von Patientendaten würden Europa und die Schweiz den USA hinterherhinken.

General Electric schätzt, dass der Markt für solche Entscheidungsfindungssysteme für Kliniken ein Volumen von 1,3 Milliarden Dollar hat und in den kommenden 4 Jahren mit durchschnittlich 12 Prozent pro Jahr wachsen wird. Eine ganze Reihe Wettbewerber tummelt sich in diesem Feld. Das Spektrum reicht von Start-ups über etablierte Medizintechnikanbieter wie Siemens, Anbieter von elektronischen Patientendaten bis hin zu den Internetgiganten Google und Amazon.

100 Spezialisten beteiligt

Welche Umsätze mit der neuen Kliniksoftware zu erwarten sind, dazu wollen weder Roche noch GE Angaben machen. Dass es beide Konzerne ernst damit meinen, sieht man daran, dass allein bei Roche rund 100 Spezialisten für das neue Softwareprojekt mit GE arbeiten. «Wir teilen sowohl die Entwicklungskosten als auch die Umsätze mit der neuen Software zu gleichen Teilen mit GE», sagt Roche-Manager Diggelmann.

Belen Lloveras vom Hospital del Mar in Barcelona sieht in solchen Softwarelösungen auch einen Nutzen für das Gesundheitssystem: «Wir können anonymisiert Daten über mehrere Kliniken sammeln und feststellen, welche Behandlung bei welcher Art Krebs am besten funktioniert hat.» Und das kann helfen, dass die Diagnose Krebs etwas von ihrem Schrecken verliert.

Erstellt: 05.05.2018, 07:55 Uhr

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