Russlands Ungerechtigkeit

Eigentlich ist Russlands Wirtschaft stabil. Die Regierung legt gar Geld auf die Seite. Viele Russen können aber nur mit Schwarzarbeit überleben.

Auch Taxifahrer verdienen in Russland nicht sonderlich gut – also setzen sie nebenbei auf Schwarzarbeit. Foto: Sergei Bobylev (Tass, Getty Images)

Auch Taxifahrer verdienen in Russland nicht sonderlich gut – also setzen sie nebenbei auf Schwarzarbeit. Foto: Sergei Bobylev (Tass, Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mehrmals im Jahr hat der russische Präsident Wladimir Putin Gelegenheit, als sorgender Landesvater aufzutreten. Meistens spricht er dann als Erstes über die Wirtschaft, etwa bei der Jahrespressekonferenz oder der Rede an die Nation. Er hat viele Zahlen dabei, und alle sollen zeigen, wie gut es läuft und dass es bald noch besser wird. Putin spricht davon, wie er Russland zur fünftgrössten Wirtschaftsmacht der Welt machen will. Dabei liegt das Land laut Internationalem Währungsfonds (IWF) derzeit auf Platz zwölf. Er spricht von seinen «nationalen Projekten», die aber kaum ein Russe durchblickt.

Putins Publikum hat ohnehin meist andere Sorgen. Die Menschen spüren, dass die russische Wirtschaft seit 2014 stagniert, für ihre Einkommen können sie sich von Jahr zu Jahr weniger leisten. Seit Anfang des Jahres zahlen sie zudem zwei Prozent mehr Mehrwertsteuer. Die meisten müssen nun fünf Jahre länger arbeiten, bevor sie ihre Renten bekommen. Vor allem diese Rentenreform hat Putin viel Unmut eingebracht. 2018 wurde er zum vierten Mal Präsident, seither sinken seine Zustimmungswerte.

Drei Probleme

Die russische Wirtschaft wächst zu langsam, und Putin steckt in der Klemme. Denn er kann das Wachstum kaum ankurbeln, ohne das System ins Wanken zu bringen, dem er seine Macht verdankt. Die russische Wirtschaft leidet vor allem unter drei Dingen. Erstens unter den Sanktionen wegen der Annexion der Krim und des Kriegs in der Ostukraine. Die haben aber laut IWF einen geringeren Effekt auf das Wachstum als Grund Nummer zwei: der Ölpreis, der 2014 eingebrochen ist und den Rubelkurs mit sich riss. Von Öl und Gas ist die russische Wirtschaft weiterhin abhängig. Das dritte Problem ist die Reaktion der Regierung auf diese Probleme: Sie spart, häuft Reserven an und hält die Verschuldung niedrig.

An Geld mangelt es dem russischen Staat dank Spardiktat und Öleinnahmen nicht. Ein Nationaler Wohlstandsfonds soll Putin in Krisen absichern. Dieses Jahr wird er wahrscheinlich die vorgeschriebenen sieben Prozent des Bruttoinlandprodukts übersteigen. Was darüberliegt, darf die Regierung nach Belieben ausgeben. Schon jetzt wird spekuliert, wer davon profitiert. Meist ist es ein kleiner Kreis von Vertrauten Putins und von mächtigen Leuten, oft mit Verbindungen zu Militär oder Geheimdienst, auf die er angewiesen ist.

Der Regierung fällt es offenbar schwer, Geld sinnvoll auszugeben. Mit ihren Investitionen in Putins «nationale Projekte» liegt sie weit hinter Plan. Mit ihnen möchte der Präsident das Wachstum stärken und die Wirtschaft moderner machen. Dabei ist Putins Riesenprojekt so umfassend und so unübersichtlich, dass es offenbar weder das Publikum noch alle Minister verstehen. Die Projekte sind in 13 Bereiche unterteilt und sollen mehr als 360 Milliarden Euro kosten. Putin will neue Strassen bauen, in Schulen und Krankenhäuser investieren, er will Exporte stärken, Wälder retten und neue Kriegsdenkmäler errichten.

Etwa 30 Prozent der Gesamtsumme sollen zudem von privaten Unternehmen kommen. Private Investitionen aber sind das, was Russland überall fehlt. Der Staat ist für mehr als ein Drittel des wirtschaftlichen Ergebnisses verantwortlich. Jeder zweite Arbeitnehmer, der einen offiziellen Job hat und Steuern zahlt, ist bei Behörden und staatlichen Unternehmen angestellt.

Leute helfen sich selbst

Die grossen Staatsaufträge bekommen vor allem staatliche Holdinggesellschaften wie das Technologieunternehmen Rostec. Sie entwerfen Waffen und Maschinen, entwickeln Medikamente und versorgen das Land mit Strom. Diese Grossbetriebe werden von einigen Oligarchen geleitet, die Putin Bericht erstatten. Private Unternehmen dagegen haben das Problem, dass die private Nachfrage in Russland gering ist. Zugleich ist der Export schwierig, nicht allein der Sanktionen wegen. Sie sind oft auch einfach nicht konkurrenzfähig. Weil damit die Zahl der gut bezahlten Jobs in der Privatwirtschaft abnimmt, sinken auch die Einkommen.

Stabil ist die russische Wirtschaft deshalb bisher vor allem, weil sich die Leute selber helfen. Viele Russen halten sich mit Schwarzarbeit über Wasser, sie arbeiten beispielsweise als Fahrer, reparieren Autos oder vermieten ihren Garten als Parkplatz. Diese Grauzone macht laut IWF mehr als ein Drittel der russischen Wirtschaft aus.

«Wer vor der Rente nichts hat», sagt Alexander, «der kann von der Rente allein nicht leben.»Alexander, Rentner aus Moskau

Der Staat hat bereits einige Anläufe unternommen, diese Jobs in steuerpflichtige, offizielle Arbeit umzuwandeln. Doch das ist riskant: Mit den Nebenverdiensten retten sich viele Russen vor der Armut. Auch des­wegen stützt sich der Staatshaushalt vor allem auf die Mehrwertsteuer. Und aufs Öl.

«Das Gesetz ist biegsam», sagt Alexander, Rentner aus Moskau. «Jeder hilft sich selbst.» Alexander hat 50 Jahre lang als Fahrer für verschiedene Unternehmen gearbeitet, heute fährt er Leute schwarz durch die Stadt und verdient ausserdem als Putzhilfe etwas dazu. Offiziell bekommen er und seine Frau gemeinsam 41000 Rubel, etwa 575 Euro. Sie liegen dabei in Moskau, wo die Renten höher sind als im Rest des Landes, ungefähr im Schnitt.

Sie leben in ihrem eigenen Haus ausserhalb der Stadt, zahlen dort 5000 Rubel monatlich an Nebenkosten, dazu kommen 20000 bis 30000 Rubel für Lebensmittel.

Alexanders Frau ist krebskrank, die Medikamente muss er selbst bezahlen. Das sind mindestens 15000 Rubel im Jahr, letztes Jahr waren es 200000. «Die zur Seite zu legen, fällt schwer», sagt er. Vom Schwiegervater haben sie eine Wohnung geerbt, die sie vermieten. Das Geld sparen sie für die Medizin. «Wer vor der Rente nichts hat», sagt Alexander, «der kann von der Rente allein nicht leben.»

Erstellt: 15.10.2019, 23:03 Uhr

Artikel zum Thema

Russland baut das Kreml-Net

Die Russen sollen sich nur noch im eigenen Internet bewegen. Ein Testlauf ist schon geplant. Mehr...

Hat Wladimir Putin mit seinem Nachfolger Pilze gesammelt?

Zu seinem 67. Geburtstag ist der russische Präsident mit Verteidigungsminister Sergei Schoigu durch die Berge gewandert. Das ist kein Zufall. Mehr...

Und plötzlich wollen alle mit Putin reden

Als Russland 2015 in Syrien eingriff, spielte sein Präsident in der Region eine Nebenrolle. Heute spielt er mehrere Hauptrollen – eine Übersicht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...