Schlag gegen Schattenwirtschaft sorgt für Chaos in Indien

Die Regierung Modi schafft im Kampf gegen Schwarzgeld die grössten Banknoten ab. Der überraschende Schritt hat heftige Nebenwirkungen.

Geduldiges Anstehen: Die Schlange vor einem Bankomaten in der indischen Stadt Lucknow.

Geduldiges Anstehen: Die Schlange vor einem Bankomaten in der indischen Stadt Lucknow. Bild: Pawan Kumar/Reuters

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Es ist ein seltsames Gefühl, das sich nun unter Indern breitmacht. Ein Consultant in Delhi redet gerne darüber, solange sein Name nicht in der Zeitung erscheint. «Viele von uns spüren diese schräge Mischung aus Freude und Qual», sagt er. «Es ist herrlich, zu sehen, dass die Korrupten in unserem Land nun Berge von Geld verlieren und auf die Nase fallen. Geschieht ihnen ganz recht.» Aber der Inder sagt auch: «Natürlich nervt es alle, dass sie jetzt so schwer an Bargeld kommen, der Alltag in diesen Tagen ist hart.»

Seit einer Woche geht es drunter und drüber zwischen Mumbai und Kalkutta, weil Bargeld rar geworden ist. Kaum zu glauben in einem Land, dessen Wirtschaftskreislauf noch weit stärker als anderswo an Geldscheinen hängt. Bank- und Kreditkarten gibt es natürlich auch, aber am häufigsten nutzen Inder immer noch: Cash. Das ist nun aber zu einem nervenaufreibenden Abenteuer geworden, seitdem die Regierung angeordnet hat, Banknoten im Wert von mehr als 220 Milliarden Dollar abrupt und innerhalb weniger Wochen durch neue Scheine zu ersetzen.

Kalt erwischt

Seit Tagen berichten die Medien über chaotische Szenen vor den indischen Banken, am Montag war sogar schon von Todesopfern zu lesen. So sollen sich etwa Ärzte geweigert haben, alte Scheine als Bezahlung anzunehmen, weshalb mehrere kranke Kinder nicht rechtzeitig behandelt wurden.

Premier Narendra Modi hatte den Geldwechsel am 8. November verkündet, wenige Stunden später trat er in Kraft, und die grösseren Scheine wurden aus dem Verkehr gezogen. Es war ein Donnerschlag: Die Regierung hat zur Gross­offensive gegen die Schattenwirtschaft geblasen. Der Wechsel kam für alle überraschend, was natürlich Methode hatte, um all die Trickser kalt zu erwischen. ­Finanzminister Arun Jaitley spricht von einer «riesigen Operation, die gerade erst angefangen hat». Gelingt es der Regierung, das Problem mit dem Schwarzgeld einzudämmen, so wäre dies ihr grösster Erfolg seit der Wahl 2014.

«Lagerhallen voller Cash»

Indiens Steuerfahnder vermuten nämlich, dass nicht nur Hunderte Milliarden Dollar im Ausland versteckt liegen, sondern dass in indischen Häusern riesige Beträge in bar gebunkert werden, um Steuerflucht und Korruption zu verschleiern. «Sie müssen sich vorstellen: Hier gibt es Leute, die haben ganze ­Lagerhallen voller Cash,» sagt der indische Ökonom Rajiv Kumar vom Centre for Policy Research in Indien.

Nach Schätzungen hat die indische Schattenwirtschaft einen Umfang von mindestens 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, wie schon etwas ältere Untersuchungen nahelegen. Die Regierung hat das Ergebnis mehrerer neuerer Studien noch nicht öffentlich gemacht, doch Experten in Indien setzten einen Umfang von etwa 500 Milliarden Dollar für das illegale Paralleluniversum als realistische Grösse an. Diese Schattenwelt zu bekämpfen, gilt als kompliziert, weil die sogenannte Black Economy mit der regulären Wirtschaft stark verwoben ist, wie ein anderer Ökonom, Arun Kumar, anmerkt. Der Professor hat ein Buch über die indische Schattenwirtschaft verfasst und ist skeptisch, ob der Schritt Modis viel bringen wird, solange die Mechanismen, Schwarzgeld anzuhäufen, intakt bleiben.

Geld verbrannt

Modis Regierung allerdings hat angekündigt, dass der Kampf weitergeht, um Indiens Wirtschaft zu säubern. Bis zum 30. Dezember können Bürger alte Noten auf der Bank einzahlen, bis zu einem Maximum von knapp 3500 Euro. Im Gegenzug können sie dann neue Scheine abheben. Wer mehr einzahlt, wird der Steuerbehörde gemeldet. Seither macht sich in manchen Kreisen Panik breit.

In Uttar Pradesh wurden Säcke mit verbrannten Banknoten gefunden, andernorts haben Besitzer ihre Bestände einfach tütenweise neben dem Müll deponiert. Das sorgt für eine gewisse Genugtuung bei all jenen, die ihr Geld ehrlich verdienen und versteuern. Doch spürt die Masse der Inder nun auch den «Kollateralschaden» der Bargeldreform, wie das eine Zeitung nennt. Die Banken scheinen überfordert. Sie geben zwar neue Banknoten aus, aber viele Kunden stehen acht Stunden in der Schlange und kriegen am Ende doch nichts.

Es gibt Schlupflöcher

Am härtesten trifft es Menschen ganz unten: zum Beispiel Uma Kumari, eine Köchin aus Westbengalen. Sie lebt in ­Delhi und hat drei Arbeitgeber, um sich und ihre beiden Töchter zu ernähren. Ihre Erfahrungen hat sie dem TA über das Smartphone eines Bekannten übermittelt. Die Köchin besitzt 11'000 Rupien (160 Franken), die sie angespart hat. Leider sind es alles 500er-Scheine, die sie nun nicht mehr nutzen kann.

Wie kann sie nun das Geld in neue Scheine tauschen? Sie müsste das Ersparte auf der Bank einzahlen, doch hat sie kein Konto – und bekommt auch keines, weil ihr ­Dokumente fehlten. Für Uma Kumari heisst das, sie müsste jemanden finden, der ihr Geld auf sein Konto einzahlt und später in Form neuer Scheine wieder abhebt. Das ist kaum umsonst zu haben.

Bevölkerung zahlt hohen Preis

Denn viele, die ein Konto besitzen, lassen sich für solche Dienste nun bezahlen, vor allem von jenen, die schmutziges Geld gebunkert haben. Grosse Summen auf diese Weise zu verstecken, dürfte indes mühsam werden, weil man das Geld auf viele Konten verteilen müsste. Doch die Schlupflöcher existieren. Dennoch findet der Ökonom Rajiv Kumar, dass Modi das Richtige tut: «Die Schattenwirtschaft frisst sich wie ein Krebs durch die Wirtschaft.»

Anfangs wurde Modi für seine Aktion von vielen gepriesen. Doch nach der ersten Woche der Blitzreform und mutmasslichen Toten mischen sich kritische Töne in die Diskussion. Es wird immer deutlicher, welchen Preis die Massen für den Überraschungsangriff auf mutmassliche Schwarzgeldsünder bezahlen. Dem Premier ist das nicht entgangen, er bat am Wochenende um Geduld: «Diese Not dauert nur 50 Tage», sagte er. «Bitte, gebt mir 50 Tage.»

Erstellt: 14.11.2016, 22:53 Uhr

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