Schnappt Spotify Major-Labels die Superstars weg?

Künstler können Labels umgehen und ihre Musik neu direkt beim Streamingdienst lizenzieren. Damit begibt sich Spotify jedoch auf einen schmalen Grat.

Wie lange bleibt er noch bei Universal? Eminem bei einem Auftritt in New York. Foto: Keystone / Jason DeCrow

Wie lange bleibt er noch bei Universal? Eminem bei einem Auftritt in New York. Foto: Keystone / Jason DeCrow

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Zwischen Spotify und den Plattenlabels kommt es zum Showdown. Denn der Musikstreamingdienst hat die Labels verärgert. Klammheimlich hat er Künstlern die Möglichkeit eröffnet, Musik direkt auf Spotify anzubieten. Das bestätigte CEO Daniel Ek an der Präsentation der Quartalszahlen im Juli, nachdem Medien darüber berichtet hatten. Mit diesem Schritt stellt Spotify die Daseinsberechtigung der Majors infrage, besteht ihre Aufgabe doch darin, Musik an den Mann zu bringen.

Egal ob Eminem, Lady Gaga oder Madonna, sie alle haben einen Vertrag bei einem der grossen Labels Universal, Sony oder Warner. Diese kümmern sich darum, dass die Musik ihrer Schützlinge auf den richtigen Kanälen gespielt wird, um den Verkauf von Tonträgern und Konzertbilletten anzukurbeln. Das Geschäftsmodell des Mittelmanns gerät aber immer mehr unter Druck. Erstens haben Andere die Funktion der Promotoren übernommen, und zweitens harzt der CD-Verkauf.

Der globale Umsatz mit physischen Tonträgern sinkt gemäss dem Branchenverband IFPI seit 2001 ohne Unterbruch. Starkes Wachstum zeigt hingegen das Streaminggeschäft. Seit 2010 befindet sich das jährliche Umsatzplus im zweistelligen Prozentbereich. Im vergangenen Jahr erzielte die Musikindustrie erstmals mehr Geld mit Streaming als mit dem Verkauf von Tonträgern. Streamingdienste sind heute das, was früher Radiostationen und Plattenläden waren.

Umsatz Musikindustrie

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Grösster Profiteur von diesem Trend ist Spotify. Das Unternehmen, das seit April in New York kotiert ist, ist die Nummer Eins im Streaminggeschäft. Das schwedische Unternehmen hat weltweit 83 Millionen zahlende Kunden. Hinzu kommen noch 100 Millionen Personen, die den mit Werbung unterbrochenen Gratisdienst benutzen. Nummer zwei ist Apple. Das soll laut dem Spotify-CFO so bleiben.

Marktanteil bezahltes Musikstreaming

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Barry McCarthy erläuterte am Investorentag im Frühjahr, dass Spotify weiter wachsen werde, «auf Kosten der Profitabilität». Denn unter dem Strich resultierte 2017 ein Verlust von 1,4 Milliarden Dollar. Einen Gewinn erwarten die Analysten erst 2020.

Einen wichtigen Schritt in Richtung Profitabilität hat Spotify dank neuen Verträgen mit den drei grössten Plattenlabels 2016 und 2017 gemacht. Den Umsatzanteil, den Spotify Universal & Co. weiterleitet, konnte um mehre Prozentpunkte reduziert werden. Entsprechend stieg die Bruttomarge 2017 sieben Prozentpunkte auf 21 Prozent. Laut McCarthy «handelten die Plattenlabels im Eigeninteresse, um die Profitabilität von Spotify zu verbessern, da das Unternehmen für die Musikindustrie immer wichtiger wird».

Für Musiker ist die direkte Lizenzierung bei Spotify attraktiv.

Es ist aber unwahrscheinlich, dass die Labels während der nächsten Ausmarchung des Verteilschlüssels 2019 wieder so nachsichtig sind. Wie das Branchenportal Music Business Worldwide berichtete, zeigten sich Vertreter der Labels wenig begeistert von Spotifys Vorstoss, Musik von Künstlern direkt zu lizenzieren. Auch Ek weiss, dass dies ein heikles Thema ist. «Dass wir die Musik direkt lizenzieren, macht uns nicht zu einem Label. Wir wollen kein Label werden und besitzen keine Rechte an der Musik», versuchte der Spotify-CEO zu beruhigen. Ob diese Beschwichtigung reicht, wird sich zeigen.


Die Grammys 2018 in New York


Für Musiker ist die direkte Lizenzierung bei Spotify attraktiv. Denn im Gegensatz zum gängigen Plattenvertrag behalten sie die Rechte an der Musik und müssen die Einnahmen nicht mit einem Label teilen. Auch für Spotify ist der Umsatzanteil grösser. Doch die Gesellschaft sitzt im Vergleich zu den Majors am kürzeren Hebel. Gemäss einer Analyse der Grossbank UBS stammen von fünf auf Spotify gestreamten Liedern vier aus der Schmiede von Sony, Universal oder Warner.

Zudem ist die Hälfte der Musik, die auf Spotify gespielt wird, über drei Jahre alt (vgl. nachfolgende Grafik). Beispielsweise gehört «Wonderwall» von Oasis auch 23 Jahre nach Veröffentlichung zu den 200 am meisten gestreamten Songs weltweit. Dieses Repertoire ist das wichtigste Argument für die Majors in der Preisverhandlung mit Spotify. Darum darf es sich Spotify mit keinem Label verscherzen. Denn eine Lücke kann sich Spotify nicht leisten, sitzen doch dem Primus mit Apple und Amazon zwei IT-Konzerne im Nacken, für welche die Profitabilität ihres Streaminggeschäfts nicht oberste Priorität hat.

Gestreamte Musik auf Spotify

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Und auch sonst schläft die Konkurrenz nicht. Tencent Music hat vergangene Woche den US-Börsengang angekündigt, und Sirius, der Betreiber von Radiostationen, hat Ende September die Übernahme vom US-Streaminganbieter Pandora für 3,5 Milliarden Dollar bekannt gegeben.

Musikunternehmen

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Attraktiv sind für Investoren die Aktien von Vivendi. Der französische Konzern besitzt das Plattenlaben Universal. Eine Alternative sind aber auch Spotify, sofern das Unternehmen den Streit mit den Majors abwenden und den Wachstumskurs der vergangenen Jahre fortsetzen kann.

(Von Martin Lüscher, Finanz & Wirtschaft)


«Es gibt keine Intros mehr»

Interview Musikwissenschaftler Hubert Léveillé Gauvin erklärt, wie sehr Spotify die Popmusik verändert hat.

Der in Kanada lebende Musikwissenschaftler Hubert Léveillé Gauvin hat sich die Top-Hits der US-Charts der vergangenen Jahrzehnte sehr genau angehört. In einer Studie hat er untersucht, wie sehr sich die Songs in ihrem Aufbau in den vergangenen Jahren verändert haben. Derzeit schreibt er an der Ohio State University an seiner Doktorarbeit. Gauvins Erkenntnis: Vor allem Streaming-Dienste wie Spotify haben dazu beigetragen, dass Lieder sich verändert haben – sie verplempern zum Beispiel nicht mehr allzu viele Takte für die Einleitung.

Herr Gauvin, warum haben Sie die Hits der vergangenen 30 Jahre analysiert?
Wir leben in einer Welt, in der Aufmerksamkeit ein rares Gut ist. Auch in der Musik: Es gibt mittlerweile ein unendlich grosses Angebot an Songs, die wir jederzeit hören können.

Wir können die Lieder nicht nur jederzeit hören, wir können sie auch jederzeit überspringen.
Genau. Früher zahlte man Geld, um ein Album zu kaufen, das aus zwölf Songs bestand. Das Überspringen einzelner Lieder war schon deshalb schlecht, weil weniger zum Hören übrig blieben. Heute haben wir dieses Problem nicht mehr. Ich wollte wissen, ob die Songs dadurch schneller auf den Punkt kommen.

«Spotify bringt den Künstlern so gut wie kein Geld. Was sie bekommen, ist Aufmerksamkeit.»

Was genau meinen Sie damit?
Wenn man als Künstler weiss, dass die Menschen Lieder einfach überspringen können, bauen sie ihre Songs dann anders auf? Also habe ich 300 Lieder analysiert, die alle zwischen 1986 und 2016 in den Top-Ten der Billboard-Jahrescharts waren.

Was haben Sie herausgefunden?
Den Liedern ist deutlich anzumerken, dass sie viel schneller beginnen. Es gibt praktisch keine Intros mehr. In den 1980er Jahren dauerte es im Durchschnitt 23 Sekunden, bis der Song wirklich begann. Heute sind wir bei fünf Sekunden angekommen. Man hat gewaltig gekürzt.

Haben Sie Beispiele dafür?
Nehmen Sie «How will I know» von Whitney Houston. Es dauert ganze 40 Sekunden, bis sie das erste Mal singt. Der Refrain beginnt erst nach 73 Sekunden. «Happy» von Pharell Williams, beginnt nach sage und schreibe zwei Sekunden mit dem Gesang, der Refrain kommt nach 25 Sekunden. Das sind jetzt extreme Beispiele, aber sie zeigen gut, in welche Richtung sich die Kompositionen entwickelt haben.

Das Intro dauert 40 Sekunden: Der Song «How will I know» von Whitney Houston. Video: YouTube

Daran sind Streaming-Dienste wie Spotify schuld?
Sie sind auf alle Fälle ein wesentlicher Faktor. Es ist zwar auch möglich, grosse Hits zu haben, die aus diesem Muster ausbrechen. Denken Sie nur an Gotye und «Somebody that I Used to Know». Aber ich würde schon sagen, dass Künstler ihre Songs mittlerweile eher dafür verwenden, um Werbung für sich selbst zu betreiben.

Dieser Song lässt sich auch heute noch Zeit beim Intro: «Somebody that I Used to Know» von Gotye. Video: YouTube

Wie bedeutet das?
Spotify bringt den Künstlern so gut wie kein Geld. Was sie bekommen, ist Aufmerksamkeit. Das ist Zeit, die sie nutzen können, um für sich selbst Werbung zu machen, damit die Leute zum Beispiel auf ihre Konzerte kommen. Damit verdienen sie Geld. Musik war immer schon selbstbezogen, aber das Umfeld heutzutage ist viel kompetitiver. Musik ist mehr denn je auf Promotion ausgerichtet.

Das klingt traurig.
Das sehe ich anders. Wir wissen zum Beispiel, dass der Einsatz der Gitarre als Band-Instrument dazu führte, dass Musik anders komponiert wurde. Damals beschwerte sich auch niemand, dass die Vielfalt in der Musik abnimmt, weil das Klavier nicht mehr verwendet wird. Menschen sind einfach nostalgisch.

(Mit Hubert Léveillé Gauvin sprach Hakan Tanriverdi, «Süddeutsche Zeitung») (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2018, 16:23 Uhr

Tencent, die Antwort aus China

Die Ansage ist klar und deutlich. Tencent Music strebt eine Bewertung von 25 bis 30 Mrd. $ an. Damit entspräche der Marktwert beim geplanten Börsengang demjenigen von Spotify bei deren Direktplatzierung vom April. So wie Spotify der Branchenprimus im Westen ist, dominiert Tencent Music das Streaminggeschäft in China. Trotz der Gemeinsamkeiten gibt es signifikante Unterschiede zwischen den beiden Gesellschaften.

Tencent Music erreicht 644 Mio. aktive monatliche Benutzer. Die Anzahl von Spotify ist viermal kleiner. Hingegen zählt das Tochterunternehmen von Tencent nur 23 Mio. Kunden, die für den Dienst bezahlen. Bei Spotify sind es fast viermal so viele. Geld macht Tencent Music auch nicht primär mit dem Verkauf von Abonnenten. Denn Tencent Music ist viel mehr als nur eine Musikstreamingplattform. Sie hat die vier wichtigsten Musik-Apps von China im Sortiment, die mitunter Dienstleistungen rund um Musik anbieten, wie beispielsweise Karaoke oder Livekonzerte.

Zwei Drittel des Umsatzes des vergangenen Jahres von 1,7 Mrd. $ stammten von Konsumenten, die anderen Karaokesängern und Karaokesängerinnen virtuelle Geschenke gemacht, die Livekonzerte geschaut oder die andere Zusatzservices gekauft haben. Nur jeder dritte Umsatzdollar stammt von Streamingabos, Downloads oder Werbeeinnahmen. Das Geschäft geht aber auf. Von 2016 bis 2017 hat sich der Umsatz verdoppelt und unter dem Strich resultierte im vergangenen Geschäftsjahr ein Gewinn von 199 Mio. $.

Mit einem Wachstum von 35% gehört China für die Musikindustrie zu den attraktivsten Flecken der Welt. Angetrieben wurde das Plus wie im Westen vom Streaminggeschäft. Dank der starken Entwicklung ist China laut dem Branchenverband IFPI unterdessen der zehntgrösste Musikmarkt der Welt.

Tencent Music und Spotify sind nicht nur Konkurrenten. Im Dezember 2017 gingen die beiden Unternehmen einen Aktientausch ein. Als Konsequenz hält das chinesische Unternehmen 2,5% an Spotify und das schwedische Unternehmen 9,1% an Tencent Music. Damit ist Spotify der drittgrösste Aktionär von Tencent Music. Nur die Muttergesellschaft Tencent (58,1%) und die Investmentgesellschaft PAG Capital Limited (9,8%) halten mehr am Unternehmen. Mit dem Börsengang will Tencent Music mindestens 1 Mrd. $ aufnehmen. Der Termin steht noch nicht fest.

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