«Schweiz könnte für EU Vorbild sein»

Der Ökonom Markus Brunnermeier glaubt, dass die Differenzen zwischen Frankreich und Deutschland zur Währungsunion überwunden werden können.

Am Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt fallen die Entscheide zur Währungsunion. Foto: Frank Rumpenhorst (Keystone)

Am Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt fallen die Entscheide zur Währungsunion. Foto: Frank Rumpenhorst (Keystone)

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Sie sind Mitautor eines Buches über die kulturellen Differenzen innerhalb der Eurozone. Wird diese letztlich an diesen Differenzen zerbrechen?
Nein. Der Euro hat eine Zukunft und ist sicherlich nicht dem Untergang geweiht. Es gibt zum Euro keine bessere und funktionierende Alternative.

Wo sehen Sie die wesentlichen kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich?
Wir können es so zuspitzen: In Deutschland stehen strikte Regeln, Haftung, Solvenz, Reformen und Austerität im Vordergrund. In Frankreich dagegen sind es Prinzipien wie das Handeln nach Bedarf, Solidarität, Bereitstellen von Liquidität und Stimulierungsmassnahmen.

Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat vorgeschlagen, die Eurozone in drei Währungen zu spalten. Was halten Sie davon?
Das funktioniert nicht. Kurzfristig würde es beim Übergang zu Spekulations­attacken kommen. Langfristig kann es zu starken Währungsausschlägen kommen, die in vielen Ländern auch zu grossen Wirtschaftskrisen führen können.

Die Wahl von Emmanuel Macron, der ein zentrales Budget und einen Finanzminister fordert, könnte die kulturellen Differenzen zu Deutschland doch verschärfen, was meinen Sie?
Ja, sowohl Macron als auch die deutsche Regierung wollen einen europäischen Finanzminister. Aber beide haben sehr unterschiedliche Vorstellungen von ­dessen Funktion. Frankreich will das Amt mit einem gemeinsamen Budget verbinden. Deutschland will jemanden, der die Länder zu Strukturreformen und Budgetdisziplin zwingt.

Und was denken Sie, wer sich hier durchsetzen wird?
Der Brexit und der mögliche Rückzug der Amerikaner aus der militärischen Verpflichtung für Europa zwingt die Europäer, bei der Verteidigung mehr zu tun und zusammenzuarbeiten. Das hat zu einem Erwachen geführt. Allein das kann ein europäisches Budget ­erfordern.

Welcher Haltung würden denn Sie selbst beim Kulturunterschied zwischen Deutschland und Frankreich eher zuneigen?
Ich würde eher zu der deutschen Haltung neigen. In einem föderalen System wie der EU sind Regeln wichtig. Im zentralistisch regierten Frankreich hat das eine andere Bedeutung. Die Schweiz könnte für die EU Vorbild sein.

Besonders die Regel, dass ein Land maximal ein Budgetdefizit von 3 Prozent ausweisen darf, hat kaum ein Land immer einhalten können. In Krisen war das besonders schwer. Machen solche Regeln Sinn?
Die 3-Prozent-Budgetregel könnte man kurzfristig flexibler auslegen – hier bin ich etwas weniger deutsch –, unter der Bedingung, dass man sie eng mit der  Umsetzung von Strukturreformen ­verknüpft.

In einem föderalen System wie der EU sind Regeln wichtig. Im zentralistisch regierten Frankreich hat das eine andere Bedeutung.

Ist es denn sinnvoll, auch mitten in einer Krise Strukturreformen umzusetzen?
Die deutschen fordern auch in der Krise Strukturreformen. Das ist aus ökono­mischer Sicht nicht weise, weil das die ­Gesamtnachfrage weiter mindert. Die Deutschen befürchten aber, dass Strukturreformen politisch nur dann umsetzbar sind, weil in konjunkturell guten Zeiten der Druck fehlt.

Und wie kann der Graben zwischen den beiden Kulturen geschlossen werden?
Es bräuchte einen Zwischenweg, der beiden Philosophien gerecht wird: Ein europäischer Währungsfonds, der fordert, aber auch einspringt, wäre eine Möglichkeit. Ein weiterer Baustein wäre die von uns vorgeschlagene «Safe-Bonds»-Struktur, mit Wertpapieren, die die Staatsanleihen der Euroländer enthalten. Staatsanleihen sind Schuldtitel, über die Länder auf den Kapitalmärkten Geld aufnehmen. Bei der «Safe-Bonds»-Struktur haftet kein Land für ein anderes, und dennoch kann damit ein Markt für europaweite Schuldpapiere geschaffen werden. Sie entsprechen damit dem deutschen Prinzip, dass niemand für andere haften soll und dem französischen Solidaritätsprinzip.

Und was für einen Vorteil hat ein solches neues Wertpapier, wenn es zu einer Krise kommt? Bisher sind dann die Kurse der Staatsanleihen von schwächeren Ländern deutlich gefallen und die Zinssätze gestiegen.
Ja, in Krisen gibt es jetzt immer eine Flucht aus den Anleihen der schwächeren Länder in die deutschen Staatsanleihen. Wir haben eine vorrangige und eine nachrangige europäische Anleihe vorgeschlagen. Die Flucht würde es dann nur noch von der nachrangigen Anleihe in die vorrangige geben. Wir ­haben durchgerechnet, dass ein Ausfall der vorrangigen Anleihe praktisch ­ausgeschlossen ist.

Die Idee, die Staatsanleihen der Euroländer in neuen Anleihen zu bündeln, erinnert an die CDO, diese komplexen Hypothekenpapiere, deren Zerfall stark zur Finanzkrise beigetragen haben.
Unser Konstrukt gleicht zwar vom Aufbau her einem einfachen CDO, aber hier herrscht anders als einst bei denen vor der Finanzkrise Transparenz über den Inhalt. Es sind ja nur die Staatsanleihen der Euroländer.

Wie beurteilen Sie die Ausgangslage für die Schweiz? Insbesondere für die Schweizerische Nationalbank, die eine Aufwertung des Frankens zu verhindern sucht.
Die Schweizer Geldpolitik kann erst vom Notmodus wegkommen, wenn sich Europa stabilisiert. Dafür hilft auch das Wachstum in Europa. Doch eine nachhaltige Stabilisierung zurück zur Normalität wird noch etwas dauern.

Erstellt: 30.06.2017, 22:27 Uhr

Markus Brunnermeier
Top-Ökonom aus Deutschland

Brunnermeier ist Professor an der Princeton University in den USA. Zusammen mit Harold James und Jean-Pierre Landau hat er das Buch «The Euro and the Battle of Ideas» (Der Euro und der Kampf der Ideen) verfasst. Das Interview wurde am Rande des NZZ Swiss International Finance Forum in Bern geführt. (mdm) Foto: Tobias Everke

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