Alkoholfreies Bier ist in – so feilen Brauereien am Geschmack

Schweizer trinken so viel alkoholfreies Bier wie noch nie: Jetzt wittern die Hersteller das grosse Geschäft.

Bier mit Alkohol wird weitaus häufiger getrunken, aber die Nachfrage nach alkoholfreiem wächst.

Bier mit Alkohol wird weitaus häufiger getrunken, aber die Nachfrage nach alkoholfreiem wächst. Bild: Peter Nicholls/Reuters

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Am Geschmack scheiden sich die Geister – und am Alkohol. Zwar enthält der überwiegende Teil aller Stangen und Flaschen, die tagtäglich in der Schweiz getrunken werden, weiterhin Alkohol, doch der Marktanteil von alkoholfreiem Bier steigt seit Jahren an.

Noch nie wurde in der Schweiz so viel alkoholfreies Bier getrunken wie heute, sagt der Schweizer Brauerei-Verband. Wurden 2010 von 100 Stangen gerade mal zwei als alkoholfreie Variante bestellt, dürfte der Anteil 2018 bei dreieinhalb Stangen liegen. Im internationalen Vergleich ist Deutschland weltweit führend in der Herstellung alkoholfreier Biere. Dort machen diese sechs Prozent der gesamten Bierproduktion aus.

Für die grossen Brauereien winken dort attraktive Wachstumsraten, während das restliche Geschäft beispielsweise durch eine zunehmende Anzahl kleiner Brauereien – heute gibt es über 1000 Braustätten in der Schweiz – und Importbiere bedroht wird.

Zudem sinkt der Pro-Kopf-Konsum beim Bier seit Jahren. In der Schweiz werden aktuell pro Jahr und Kopf noch rund 54 Liter Bier getrunken. Vor 30 Jahren lag dieser Wert noch bei über 70 Liter. Der Trend zum Alkoholfreien sei eine Entwicklung, die sich auch auf europäischer Ebene zeige. Eine Studie der UBS belegt die Entwicklung: Weltweit versprechen das alkoholfreie oder nur leicht alkoholhaltiges Bier für die Konzerne höhere Margen.

Am Geschmack gefeilt

Ein Grund für den häufigeren Griff nach der Flasche ohne Prozente: Die Brauereien haben auch dank verbesserter Herstellungsprozesse am Geschmack gearbeitet. Die Biere schmecken immer besser, und es sei eine grössere Vielfalt erreicht worden, sagt Christoph Lienert vom Brauerei-Verband. «Brotig, ein Geschmack wie Ovomaltine, honigartig»: Wenn Markus Brendel, Produktentwickler und Biersommelier bei Feldschlösschen, davon spricht, wie das alkoholfreie Bier früher meist geschmeckt hat, dann klingt das nicht nach einem erfrischenden Schluck aus der Flasche, sondern nach einem süssen Zmorge. Brendel feilt an Rezepturen und setzt dabei auf unterschiedliche Herstellungsmethoden.

Restalkohol enthalten

Bei Feldschlösschen wird der Alkohol entweder unter Vakuum aus dem fertig gebrauten Bier destilliert, oder die Gärung der Hefe im Bier wird nach kurzer Zeit gestoppt, indem die Hefe entfernt wird. Wird letztere Methode eingesetzt, hat das Bier 0,5 Volumenprozent Alkohol, sagt Brendel. In der Regel ist in diesem Bier dann noch eine Menge Malzzucker enthalten, was zum süsslichen Geschmack führt, dem die Brauer je nach gewünschtem Geschmack mit einem höheren Hopfenanteil entgegenwirken. Die Vakuumdestillation erlaubt, alkoholfreies Bier mit 0,0-Prozent herzustellen. Feldschlösschen macht das anders als Konkurrent Heineken nicht. «Die 0,5 Prozent Alkohol sind auch ein Geschmacksträger», sagt Brendel, während er vor der rund 13 Meter hohen Anlage im Braukeller von Feldschlösschen in Rheinfelden steht.

Während Alkohol unter normalen Bedingungen bei 78,3 Grad Celsius verdampft, geschieht dies im Vakuum schon bei rund 40 Grad. Für Brendel hat das den Vorteil, dass sich der Geschmack des Biers weniger verändert: «Das ist viel schonender.»

Streit um Gesundheitsrisiko

Allein am Geschmack liege es jedoch nicht, dass sich die Konsumenten häufiger fürs alkoholfreie Bier entscheiden: «Viele Menschen pflegen einen aktiven Lebensstil und achten auf eine bewusste Ernährung», sagte Brendel. Früher sei man in der Beiz möglicherweise noch belächelt worden: «‹Was, du nimmst Schwachstrom?› Diese Frage ist heute doch viel seltener zu hören», sagt Brendel, der bei Verkostungen häufig mal ein alkoholfreies Bier an den Anfang stellt, wie er sagt: «Die wenigsten erkennen den Unterschied auf Anhieb.»

Feldschlösschen hält sich bedeckt, wie hoch der eigene Marktanteil beim alkoholfreien Bier ist. Schätzungen gehen jedoch von rund 60 Prozent aus. Auch Konkurrent Heineken sieht grosses Potenzial beim alkoholfreien Bier. Vor allem junge Menschen seien interessiert an solchen Produkten.

Streit gibt es immer wieder um die 0,5 Prozent Alkohol im Bier: Die Brauer stützen sich bei ihrer Bezeichnung auf die Schweizer Getränkeverordnung, wenn sie sagen, dass ihr Bier auch bei 0,5 Volumenprozent als alkoholfrei gilt. Ein Sprecher des Bundesamtes für Gesundheit hatte vergangenen Sommer in einem Interview mit Nau.ch bestätigt: «Alkoholfreies Bier enthält Alkohol in so geringen Mengen, dass das BAG das Risiko für alkoholbedingte gesundheitliche Schäden als sehr klein einschätzt.»

Eine Studie des Universitätsklinikums im deutschen Freiburg hat dazu einen Trinktest veranstaltet: Nach fünftägiger Alkoholabstinenz hätten 67 Teilnehmer innerhalb von einer Stunde 1,5 Liter alkoholfreies Bier getrunken. Blutentnahmen belegten, dass die maximal festgestellte Konzentration 0,0056 Promille betragen habe. Nur bei 20 von 67 Teilnehmer sei überhaupt Alkohol im Blut nachweisbar gewesen. Ganz uneigennützig ist die Studie allerdings nicht entstanden: Sie wurde finanziell von der bayerischen Privatbrauerei Erdinger Weissbräu unterstützt.

Erstellt: 22.02.2019, 13:15 Uhr

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