Schwerfälliger Kapitalismus

Die Wirtschaft tut sich schwer, vergangene Fehler nicht zu wiederholen. Das könnte sich rächen.

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Es ist eine enorme Herausforderung. Zwanzig Jahre nach der ersten digitalen Revolution erscheint die zweite wie ein Tsunami einer ganz neuen Grössenordnung. Praktisch kein Land und auch keine Branche (Finanzen, Industrie, Lebensmittel, Medizin, Bildung oder Transport) werden von diesem technologischen Umbruch verschont bleiben. Unternehmen werden fusionieren oder verschwinden, andere werden sich weiterentwickeln – entsprechend dem klassischen Schema, das der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Schumpeter beschrieben hat. Dabei könnten Millionen von Arbeitsplätzen verschwinden. Kaum alle dürften von den neu geschaffenen Jobs ersetzt werden, die diese zweite digitale Revolution mit sich bringt. Dass diese das Leben der Menschen in vieler Hinsicht erleichtern wird, daran gibt es allerdings keinen Zweifel.

Gefahr von rechts

Doch der Schock könnte auch heftige Unruhen im sozialen Bereich auslösen. Daraufhin könnten sich die populistischen Bewegungen verbinden und an Macht gewinnen – mit Ideen, die zum Teil vom Faschismus und Nationalsozialismus inspiriert wurden.

Die Herausforderung betrifft somit Politik und Wirtschaft gleichermassen – auch Unternehmen, die unter einer stabilen Politik normalerweise blühen würden. Unter diesen neuen Voraussetzungen muss sich der Kapitalismus selbst neu erfinden. Was durchaus im Bereich des Möglichen liegt: Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die im Sog des Subprime-Skandals entstand (Immobilienkredite, die an Personen ohne die finanziellen Mittel für die folgenden Hypothekenzinsanhebungen vergeben wurden), hat die grosse Belastbarkeit des Systems unter Beweis gestellt.

Veraltete Instrumente

Darüber hinaus zeichnet sich die Finanzwelt durch einen bemerkenswerten Mangel an Fantasie aus. Die beiden Hauptwerkzeuge des Kapitalismus – Obligationen und Aktien – stammen aus dem 16. und dem 17. Jahrhundert. Sicherlich gibt es auch noch andere Mittel und Wege in der Wirtschaft, mehr oder weniger verknüpft und strukturiert, doch die sind zu komplex. Und man hat ja bei den Subprimes gesehen, wohin diese Art von Finanz-Engineering führen kann.

Wenn der Kapitalismus in seiner klassischen Form – Herstellung des Kontakts zwischen Geldanlage und Kredit mithilfe der Finanzmärkte – wirklich für die Finanzierung der globalen Branchenriesen in Industrie und Dienstleistung unerlässlich ist, können wir uns fragen, ob zumindest der Rest der Wirtschaft es nötig hat, sich dem Diktat der Börse zu unterwerfen.

«Die Wirtschaft muss sich neu erfinden.»

Doch wie soll man diesen Rest der Wirtschaft finanzieren, der aus kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) besteht? Die neuen, alternativen Finanzierungsmethoden (Tauschhandel, Crowdfunding, Crowdlending) sind zwar ganz nett, aber noch nicht wirklich glaubwürdig. Infrage stellen sollte man allerdings die veröffentlichten Quartalsergebnisse, an denen sich die angelsächsischen Finanzkreise festklammern und in denen eine simple Doktrin einen operativen Gewinn von 15 Prozent, 20 Prozent oder sogar 25 Prozent (je nach den Umsatzzahlen) beansprucht. Bisher hat niemand den Beweis erbringen können, dass ein Unternehmen, dessen Aktionäre einen derartigen Gewinn fordern, auf lange Sicht eine bessere Überlebenschance hat als eines, in dem man sich mit einem Ergebnis von 5 bis 10 Prozent zufriedengibt.

Aktionäre sind oft zu profitgierig. Sie sollten lieber eine geringere Rendite akzeptieren, damit die Unternehmen ihr Kapital für Investitionen in die neuen Technologien nutzen können, die derzeit die Arbeitswelt so grundlegend verändern.

Aus dem Französischen von Bettina Schneider

Erstellt: 14.08.2016, 20:51 Uhr

Der Autor

Roland Rossier Wirtschaftsexperte der «Tribune de Genève».

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