Warum Jeff Bezos seinen Angestellten die Löhne erhöht

Der Unternehmer ist auch ein politischer Kopf. Das Timing seines neuesten Schachzugs ist perfekt.

Erfolgreiche Imagekorrektur: Jeff Bezos. Foto: Getty Images

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Mit einer Lohnerhöhung für 350’000 Angestellte hat Jeff Bezos diese Woche den Weg für landesweit höhere Minimallöhne geebnet und ein permanentes Anliegen der Demokraten zu seinem eigenen gemacht. Das Timing des Amazon-Chefs ist perfekt. Amazon und die grossen Konkurrenten wie Costco und Walmart erwarten einen starken Weihnachtsverkauf und stellen derzeit Saisonarbeiter ein. Dieses Jahr ist der gegenseitige Abwerbekampf besonders heftig, da der Arbeitsmarkt ausgetrocknet ist.

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten können Arbeitnehmer Lohnforderungen stellen. Und Jeff Bezos reagiert: Ab dem 1. November bezahlt er den 250’000 Festangestellten in den USA und Grossbritannien sowie den 100’000 Saisonarbeitern einen Mindestlohn von 15 Dollar pro Stunde, vier Dollar mehr als Walmart. Für Arbeiter entspricht dies einer Verbesserung von rund zwei Dollar pro Stunde. Der minimale Jahreslohn im landesweiten Durchschnitt dürfte von rund 28’500 Dollar auf 33’000 Dollar steigen. Damit ernährt kein Amazon-Angestellter eine Familie, weshalb die meisten weiterhin auf soziale Zulagen angewiesen sind.

Bezos ist kein Wohltäter, aber er macht einen Anfang, dem andere wohl oder übel folgen müssen. In Seattle, dem Geschäftssitz von Amazon, ist ein Mindestlohn von 15 Dollar bereits Gesetz, weshalb Bezos auch konzernintern den Druck zur Gleichstellung aller Angestellten zu spüren bekam. Keine Freunde schaffte er sich auch diesen Sommer, als er den Versuch der Stadtregierung zu Fall brachte, mit einem Aufschlag auf der Verkaufssteuer die von Amazon mitversurachte Wohnungsnot und das Los der Obdachlosen zu lindern.

Derweil geriet der Konzern auch in Washington zunehmend in Misskredit. Bernie Sanders, der für 2020 eine weitere Präsidentschaftskandidatur anpeilt, deponierte im Senat ein «Stopp-Bezos-Gesetz» und attackierte Bezos als geldgierigen, unsozialen Unternehmensboss. Auch im rechten Lager wuchs die Kritik an den harschen Arbeitsbedingungen in den Amazon-Versandzentralen, während Präsident Trump offen mit Sanktionen drohte, ohne diese allerdings je zu konkretisieren.

Kurz: Amazon hat ein Imageproblem und drohte ähnlich wie Facebook weitherum in Ungnade zu fallen. Dieses Risiko mindestens scheint fürs Erste gebannt. Senator Sanders stellte Bezos unmittelbar nach der Ankündigung der Lohnerhöhung eine wertvolle politische Versicherungspolice aus. Die Aktion sei nicht allein für die Amazon-Angestellten wichtig, so Sanders, sondern «ist ein Schuss, der rund um die Welt gehört werden wird».

Gemeint sind die USA, wo die Demokraten permanent für höhere gesetzliche Mindestlöhne kämpfen, in der aktuellen politischen Konstellation damit aber keine Chancen haben. Mit Bezos wissen sie nun einen Verbündeten auf ihrer Seite, worin das konservative «Wall Street Journal» bereits eine «Verschwörung zwischen Big Business und Big Government» wittert. Ganz falsch ist das nicht, aber auch nicht ungewöhnlich. Bezos kopiert letztlich nur das Rezept, mit dem sich Big Oil oder Big Pharma schon früher politische Freunde geschaffen hatten.

Erstellt: 04.10.2018, 10:49 Uhr

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