Sie lehrte die Schweizer Banken das Fürchten

Ihr Leben lang suchte Greta Beer nach dem Konto ihres verstorbenen Vaters. Und wurde zum Gesicht für den Fall um die nachrichtenlosen Vermögen. Nun ist sie verstorben.

Auf der Suche nach dem verlorenen Vermögen ihres Vaters legte sich Greta Beer mit den Schweizer Banken an. Foto: Marty Lederhandler (AP Photo)

Auf der Suche nach dem verlorenen Vermögen ihres Vaters legte sich Greta Beer mit den Schweizer Banken an. Foto: Marty Lederhandler (AP Photo)

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1996 war das Jahr von Greta Beer. Damals sagte die Jüdin rumänischer Abstammung im ersten Hearing im US-Kongressausschuss gegen die Schweizer Banken im Fall der nachrichtenlosen Vermögen aus. Die Sammelklage der jüdischen Holocaustüberlebenden drehte sich um Vermögen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf Schweizer Bankkonten verschollen waren. Sie wurde zwei Jahre später mit einer Vergleichszahlung von über 1,25 Milliarden Dollar beigelegt.

Die Suche nach dem verlorenen Vermögen ihres Vaters war vergebens, die finanzielle Entschädigung soll für Greta Beer kein Trost gewesen sein. Am 23. Januar ist sie im Alter von 98 Jahren in ihrer Wohnung in Brighton bei Boston im US-Bundesstaat Massachusetts verstorben.

Ihre langjährige Freundin Doina Simovici erinnert sich, dass sich Greta Beer ihr Leben lang nie richtig damit abfinden konnte, das Vermögen ihres Vaters verloren zu haben. «Ich sagte ihr oft, sie solle es gut sein lassen, aber sie hörte nicht auf mich. Es hat sie sehr frustriert.» Bis zu ihrem Tod sei Beer bei klarem Verstand gewesen. Sie liebte die Kunst, die Literatur und die Oper. Einige Monate vor ihrem Tod besuchten die beiden Freundinnen noch eine Vorstellung in Boston. Wie so oft habe Beerjeweils bei verschiedenen Arien laut mitgesungen und die anderen Zuschauer gestört. «Mir war das immer sehr unangenehm, aber ihr war das völlig egal», erzählt Simovici.

«Der Stein in unseren Schuhen»

Als damals junger Diplomat wurde Thomas Borer im Oktober 1996 beauftragt, die Taskforce «Schweiz – Zweiter Weltkrieg» zu bilden und zu leiten. Und damit einen Weg zu finden, mit den jüdischen Interessenvertretern rund um die nachrichtenlosen Vermögen der Holocaustopfer eine Übereinkunft zu treffen. So traf er das erste Mal auf Greta Beer, die, wie Borer, im Kongress-Hearing in diesem Fall in den USA aussagte. «Sie war charmant, weltgewandt und zielstrebig – aber eine harte Nuss», sagt der Unternehmer. In der Folge habe er sie immer wieder getroffen – «da stand die Schweiz ein paarmal am Abgrund», sagt er. Beer argumentierte gut und hart – sie sei «der Stein in unseren Schuhen» gewesen, erinnert sich Borer.

Greta Beer 1996 vor dem Kongressausschuss. Foto: Keystone

In seinem Buch «Public Affairs – Bekenntnisse eines Diplomaten» beschreibt er, wie die Stimmung in den USA und Israel immer ungemütlicher wurde. «Vor diversen Gerichten wurden Sammelklagen eingereicht, und die amerikanischen Medien begannen gegen die Schweiz zu trommeln, als ginge es gegen den Irak oder Nordkorea.» Das, was Greta Beer und andere auslösten, sei die grösste Krise der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen.

Eine willensstarke Person

Zu Lebzeiten sei Greta Beer im Umgang mit anderen Menschen schwierig gewesen, Freunde habe sie am Ende nur noch wenige gehabt, erzählt ihre Freundin Simovici. «Sie war ein sehr direkter Mensch und hat jedem ohne Umschweife die Meinung gesagt», erzählt sie. Sie selbst habe sich immer geehrt gefühlt, von Beer als Freundin auserwählt worden zu sein. «Sie war eine ungemein willensstarke Person.»

Über ihre Vergangenheit und ihre Familie habe sie nie viel gesprochen, das Verhältnis zu ihrem Bruder, der 2012 verstarb, sei schwierig gewesen. Dem Kontakt zu dessen Sohn, ihrem Neffen Gregory, habe sie sich ihr Leben lang verweigert. Warum, habe sie nie erzählt.

Dass sie im Fall um die Schweizer Banken so eine grosse Rolle spielte, habe Beer mit Stolz erfüllt. Und ein wenig habe sie Angst gehabt, vergessen zu werden, sagt Simovici. Alle Dokumente rund um die Schweizer-Banken-Affäre habe Beer der Brandeis University gespendet. So lebt ihr Vermächtnis auch nach ihrem Tod weiter.

Eine Frage der Gerechtigkeit

Der Filmproduzent Daniel von Aarburg traf Beer vor drei Jahren während seiner Dreharbeiten zum Dokumentarfilm über die Affäre des Whistleblowers Christoph Meili. Die damals 95-Jährige lebte in einem Altersheim in Boston. «Der Auftritt war ihr wichtig, sie ging am Tag zuvor extra zum Friseur», erinnert sich von Aarburg. Nach dem Interview habe sie darauf bestanden, mit der Filmcrew in das, wie sie sagte, «beste Fischrestaurant der Welt zu gehen». Von ihren Freunden habe von Aarburg später erfahren, dass ihr das Filminterview noch einmal Kraft gegeben habe.

Neben ihrer Muttersprache Rumänisch sprach Beer Englisch, Deutsch, Italienisch und Französisch. Während des Interviews wechselte sie immer wieder von einer Sprache in die andere, erinnert sich Produktionsleiterin Moira Rehsche. Am Tag des Interviews habe Beer viele ihrer Freunde zu sich eingeladen. «Es waren sicher an die sieben Leute in ihrer kleinen Wohnung», sagt sie. Die alte Dame habe sie sehr beeindruckt. Man habe gespürt, dass der Fall um das verlorene Vermögen ihres Vaters für Beer nie ganz abgeschlossen war. «Für sie war es eine Frage der Gerechtigkeit, und dafür hat sie gekämpft.» Auch wenn sie mit den Schweizer Banken so ihre Probleme hatte, die Schweiz habe sie geliebt, erinnert sich Rehsche. Das habe sie ihr gesagt.

Erstellt: 13.02.2020, 08:28 Uhr

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