Skandal bedroht finanzielles Erbe von Michael Jackson

Die neuen Vorwürfe des Kindsmissbrauchs drücken auf das Nachlass-Geschäft des King of Pop. Auch für seine Ranch finden sich keine Käufer.

Michael Jackson auf einem Foto von 2004. Foto: Mark J. Terill (AP)

Michael Jackson auf einem Foto von 2004. Foto: Mark J. Terill (AP)

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Als Michael Jackson 2009 an einer Überdosis von Medikamenten verstarb, war er mit über 400 Millionen Dollar verschuldet. Doch der Tod bedeutet nicht das Ende des Geldsegens für seine Nachkommen. Mehr als zwei Milliarden Dollar, schätzt das Wirtschaftsmagazin «Forbes», flossen seither dank den Tantiemen, der Merchandiseware und Musikrechten an anderen Künstlern in die Taschen der Jacksons. Das ist die gleiche Summe, die der King in seiner ganzen Karriere verdient hat und die ihn zum finanziell erfolgreichsten aller verstorbenen Künstler machte.

Doch seit diesem Frühling bedroht ein Film das finanzielle Erbstücks des King of Pop. Ein von HBO produzierter, über vierstündiger Dokumentarfilm erneuert nicht nur frühere Anschuldigungen, sondern zeigt die Geschichte von zwei Männern, wie sie mit brutaler Direktheit die Missbräuche durch Jackson in ihrer Kindheit schildern.

Immer mehr Boykotte

Die Aussagen der beiden Opfer in «Leaving Neverland» erschienen so glaubhaft, dass mehrere Firmen und Institutionen umgehend zum Boykott schritten. Der drohende Imageschaden war der Hauptgrund, weshalb die Modemarke Louis Vuitton eine Jackson-inspirierte Kollektion fallen liess. In der Woche nach der Ausstrahlung des Filmes ging das Hörerinteresse für Jackson-Songs an den amerikanischen Radiostationen um 18 Prozent zurück. Den Tantiemenverlust schätzen Marktforscher auf 1,3 Millionen Dollar pro Woche.

Ein Kindermuseum in Indianapolis nahm die weissen Glitzerhandschuhe und den schwarzen Filzhut des Künstlers aus der Ausstellung, und das nationale Fussballmuseum in Manchester entfernte eine überlebensgrosse Statue des Künstlers. Auch strichen Radiostationen in Kanada, Neuseeland und Grossbritannien Michael Jackson aus ihren Programmen, und die Wiederholung einer fast 30 Jahre alten Fernsehsendung der «Simpsons», in der Jackson nur als Sprecher in Erscheinung trat, fiel den Enthüllungen zum Opfer.

Für die Familie Jackson steht viel auf dem Spiel. Jahr für Jahr fliessen Einnahmen in dreistelliger Millionenhöhe auf ihre Konten. Mehr als zwei Milliarden insgesamt seit 2009. Sie strahlte eine Gegendarstellung zum Dokumentarfilm in Form eines Youtube-Videos aus und verklagte HBO auf einen Schadenersatz von 100 Millionen Dollar. Doch gleichzeitig mussten die Jacksons die Pläne für ein neues Jukebox-Musical in Chicago fallen lassen, weil der Skandal ein geringes Publikumsinteresse befürchten liess.

Noch nicht betroffen scheint hingegen die ONE-Show des Cirque de Soleil in Las Vegas, die der Familie schon über 370 Millionen Dollar eingetragen hat. Das aber könnte sich ändern, glaubt Showpromotor Brock Jones.«Die Shows haben eine Toxizität erreicht, die sie vor einem Monat noch nicht hatten.» Die meisten Zuschauer hätten eine negative Sicht des Künstlers gewonnen. «Wenn das so bleibt, ist die Franchise massiv entwertet.»

Deutlich entwertet wurde bereits die Neverland Ranch, wo Jackson Überwachungs- und Warnanlagen eingebaut hatte, um nicht im Beisein seiner Knaben erwischt zu werden. Das Anwesen in Südkalifornien hatte er 1987 für 19,5 Millionen Dollar erworben und zu einem Vergnügungspark ausgebaut. Nach seinem Tod verschwanden das Riesenrad und die Karussells; dafür begannen Immobilienhändler nach Interessenten zu suchen. 100 Millionen Dollar verlangten die Jacksons zunächst, bevor sie vor zwei Jahren den Preis auf 76 Millionen reduzierten. Käufer blieben aus, und das Anwesen wurde vorübergehend vom Markt genommen. Seit diesem Frühjahr ist es wieder ausgeschrieben, für noch 31 Millionen Dollar.

Musik ist skandalresistent

Die Musik aber habe sich erstaunlich gut gehalten, sagt Jim Urie, ehemaliger Manager von Universal. So verlängerte Sony erst kürzlich einen 250-Millionen-Deal, der das Recht auf die Verwertung seiner Songs für weitere sieben Jahre sichert. Der Deal ergebe durchaus Sinn, meint Urie, denn die Meisterwerke «Off the Wall», «Thriller» und «Bad» seien skandalresistent.

Wie lange der Backlash andauert, ist schwer zu sagen. Die Klage gegen HBO sei sicher die falsche Taktik, meint Erbschaftsanwalt Donald David, der das Vermächtnis des Rappers Tupac Shakur verwaltet hat. «Die beste Taktik ist, nichts zu tun und zu warten, bis sich der Sturm gelegt hat. Es gab schon früher Anschuldigungen, und dennoch wurden seine Werke gekauft. Warum sollte das nun anders sein?», fragt David.

Erstellt: 23.04.2019, 06:05 Uhr

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