So teuer wird der Brexit für die Schweiz

Die finanziellen Folgen eines harten oder weichen Brexit – heruntergerechnet auf Land, Region und Einwohner.

Wird mit den finanziellen Verlusten nach dem Brexit zu kämpfen haben: Die britische Hauptstadt London.

Wird mit den finanziellen Verlusten nach dem Brexit zu kämpfen haben: Die britische Hauptstadt London. Bild: Keystone

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Der Austritt Grossbritanniens aus der EU wird für ganz Europa negative Auswirkungen haben, das gilt als sicher. Doch wie hoch wird der finanzielle Schaden sein? Das hat die renommierte Bertelsmann-Stiftung in ihrer neusten Studie berechnet. Demnach müssten die 27 verbliebenen EU-Mitgliedsstaaten Verluste von 40 Milliarden Euro jährlich hinnehmen. Und auch Island, Norwegen und die Schweiz, die alle durch Abkommen wirtschaftlich eng mit der EU verflochten sind, würden die ökonomischen Folgen deutlich spüren.

Bei einem harten Brexit müsste die Schweiz pro Jahr mit einem Einkommensverlust von fast 1,34 Milliarden Euro (derzeit 1,51 Milliarden Franken) rechnen. Damit liegt sie auf dem zehnten Rang von 31 Ländern. Für die Nachbarn Italien, Frankreich und vor allem Deutschland wären die Folgen noch schwerwiegender.

Am stärksten betroffen wäre aber das Vereinigte Königreich selbst: Die Briten würden durch einen harten «No-Deal-Brexit» pro Jahr 57 Milliarden Euro einbüssen. Auch die Iren müssten hohe Einkommensverluste schultern, Malta dagegen dürfte die Folgen eines Austritts kaum spüren. Die Untersuchung zeigt, dass die geografische Nähe zur britischen Insel grundsätzlich zu einer stärkeren Brexit-Betroffenheit führt.

Das gilt auch regional. Die Bertelsmann-Stiftung hat auf Basis der Veränderungen des Bruttoinlandsprodukts berechnet, wie viel Geld pro Einwohner in rund 300 Regionen Europas verloren gehen würde. In London wären es im Schnitt 2821 Euro. Die britische Hauptstadt und die kontinentalnahen Regionen in Südengland sind europaweit am stärksten betroffen.

Aber es trifft auch andere europäische Gebiete mit exportorientierten Unternehmen und Handelsplätzen, etwa die Schweiz. Gemessen an den Einwohnern wäre die Region Zürich hierzulande der grösste Verlierer mit –157 Euro pro Kopf und Jahr. Danach folgen die Nordwestschweiz (–144) und die Genferseeregion (–136). «Gerade Regionen mit produktiven Mittelstandsunternehmen wären von einem Brexit stark betroffen», sagt Dominic Ponattu, der die Studie mitverfasst hat.

Die Einbussen gründen sich auf mehrere Faktoren: Einerseits würden Waren und Dienstleistungen bei einem ungeregelten EU-Austritt Grossbritanniens durch neue Zölle im Binnenmarkt teurer. Andererseits hätte ein schwächerer Handel mit Grossbritannien ebenfalls Preisaufschläge zur Folge, weil in vielen europäischen Branchen dann ein schwächerer Wettbewerb herrschen könnte. Anreize für neue Investitionen und Innovationen würden fallen, worunter schliesslich die Produktivität der Unternehmen leiden würde – eine gedämpfte Lohnentwicklung wäre die Folge.

China und USA profitieren

Bei einem weichen Brexit würden die Einkommensverluste deutlich geringer ausfallen, in der Schweiz könnten sie sich laut der Untersuchung auf 743 Millionen Euro fast halbieren. In Grossbritannien fielen die Einbussen auf 32 Milliarden Euro, in ganz Europa sänken sie von 40 Milliarden auf 22 Milliarden Euro.

«Brüssel und London müssen alles tun, um den Ausstieg vertraglich zu regeln», sagt deshalb Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann-Stiftung. Sonst könnte der Brexit das Fundament des grössten gemeinsamen Wirtschaftsraums der Welt schwer beschädigen.

Einige Länder ausserhalb Europas könnten nach Angaben der Forscher aber sogar vom Brexit profitieren. Dazu zählen besonders die USA und China, in geringerem Umfang auch Russland. Das liegt daran, dass ein Brexit negative Auswirkungen auf europäische Wertschöpfungsketten hätte. «Dadurch würde der Handel innerhalb Europas teurer und die Wirtschaftsbeziehungen mit dem Rest der Welt attraktiver», erklärt Dominic Ponattu von der Bertelsmann-Stiftung.

Während die EU-Staaten bei einem harten Brexit mit einem Verlust von über 40 Milliarden Euro rechnen müssten, würden die Einkommen in Russland jährlich um 260 Millionen steigen und diejenigen in China und den USA sogar um 5,3 respektive 13,2 Milliarden.

Bei ihren Berechnungen berücksichtigten die Forscher die Marktgrösse und Entfernung von Handelspartnern. Zugrunde liegen aktuelle Daten über internationale Handelsströme, sowohl innerhalb Europas als auch zwischen europäischen Ländern und anderen OECD- und Bric-Staaten. Die Zahlen wurden unter anderem aus der Handelsstatistik der UNO sowie von der Eurostat-Datenbank bezogen.

Erstellt: 21.03.2019, 16:56 Uhr

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