Sparsame Versicherte zahlen 3,1 Milliarden zu viel Prämien

Die Krankenkassenprämien steigen nächstes Jahr durchschnittlich um 0,2 Prozent. Je nach Franchise zahlen Versicherte aber mehr, als sie kosten.

Ordentliche Franchise oder Rabatt? Blutentnahme in einer Zürcher Notfallpraxis. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Ordentliche Franchise oder Rabatt? Blutentnahme in einer Zürcher Notfallpraxis. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Bundesrat Alain Berset hat am Dienstag die Krankenkassenprämien für das nächste Jahr bekannt geben. Allgemein wurde erwartet, dass sie weniger stark steigen werden als während der vergangenen Jahre. Berset verglich dazu die durchschnittlichen Prämien dieses Jahres mit den vom Bundesamt für Gesundheit genehmigten Prämien des kommenden Jahres. Sie steigen durchschnittlich bloss um 0,2 Prozent.

Doch wie viele Grundversicherte tatsächlich die Durchschnittsprämie bezahlen, ist fraglich. Insgesamt gibt es 250'580 verschiedene Prämien in der Schweiz. Und die Versicherten entscheiden sich zunehmend für Modelle, mit denen sie sparen können.

Die Zahl derjenigen, die die Standardprämie mit 300 Franken Franchise zahlen, wird jedes Jahr kleiner. Im vergangenen Jahr waren das noch 1,5 Millionen Versicherte. Eine Million wählte eine andere Franchise. Das bedeutet, dass sie mehr als 300 Franken selber zahlen, bevor die Versicherung einspringt. Weitere sechs Millionen Versicherte wählten ein besonderes Versicherungsmodell, zum Beispiel mit einem Hausarzt oder einer HMO-Praxis als erster Anlaufstelle oder der Pflicht, einen Arzt telefonisch zu kontaktieren. Dies nennt man integrierte Versorgung. Mit beiden Massnahmen lassen sich Prämien sparen.

790 Franken zu viel

Doch die Rabatte in den integrierten Modellen sind beschränkt. Die Krankenkassen dürfen höchstens einen Rabatt von 50 Prozent gewähren. Dies auch dann, wenn die Kosteneinsparungen eigentlich grösser wären. Das führt dazu, dass die Versicherten mit einer höheren Franchise oder mit einem Modell mit integrierter Versorgung mehr zahlen, als sie kosten. Umgekehrt zahlen jene Versicherten mit einer Standardprämie zu wenig.

Weil es immer mehr Versicherte mit Rabattmodellen gibt, nimmt die Quersubventionierung seit 1996 mit Unterbrüchen zu. 2017 – dem letzten Jahr, für das die Zahlen verfügbar sind – zahlte eine in einem Rabattmodell versicherte Person 790 Franken mehr, als sie Leistungen bezog. Eine im Standardmodell versicherte Person zahlte dagegen 1952 Franken weniger, als sie im Durchschnitt kostete.

Insgesamt findet eine Umverteilung von den Versicherten in einem Rabattmodell zu jenen mit einer ordentlichen Franchise von 3,1 Milliarden Franken pro Jahr statt. Da vor allem ältere Versicherte standardversichert sind, sind es vor allem die Jüngeren, die zu viel zahlen.

Dies hat der Gesundheitsökonom Pius Gyger im Auftrag des Prämienvergleichsdienstes Comparis ausgerechnet. Er schlägt eine Lösung vor, die für die Versicherten attraktiv sein könnte. Der Rabatt bei den Wahlfranchisen würde demnach nicht mehr einen bestimmten Betrag, sondern 25 Prozent der Prämie betragen. Das liesse höhere Rabatte bei der integrierten Versorgung zu, ohne dass der höchstmögliche Rabatt von 50 Prozent angehoben werden müsste.

Die zweite Massnahme betrifft die Berechnung des Rabattes bei der integrierten Versorgung. Die Krankenkassen müssen heute aufwendig einen Nachweis erbringen, wie hoch die tatsächliche Kosteneinsparung ist. «Weil immer weniger Kunden standardmässig versichert sind, wird das aufwendiger», sagt Gyger. Das führt dazu, dass sich eine echte integrierte Versorgung nicht mehr überall lohnt.

Gegen Pseudomodelle

Einige Versicherer bieten dann ein Pseudomodell an, indem sie Ärzte, die mit einer anderen Kasse einen Vertrag haben, auf ihre Liste setzen, ohne dass die das wollen. Die Kassen sparen damit Geld. Pius Gyger nennt sie «Trittbrettfahrer», weil sie ein Versicherungsmodell anbieten, ohne tatsächlich eines aufzubauen.

Das Vorgehen ist in der Branche umstritten, aber zulässig. Vor drei Jahren klagten Hausärzte gegen die Krankenkasse Assura und verlangten, von deren Liste gestrichen zu werden. Das Bundesverwaltungsgericht entschied allerdings im April 2018, dass die Leistungserbringer dies nicht fordern können. Das Gesetz sehe dies nicht vor.

Gygers Vorschlag ist, genau dies zu ändern. Dann könnten Ärzte entscheiden, bei welchen Modellen von welchen Kassen sie mitmachen. «Die innovativen Versicherer, die nicht nur günstige Prämien, sondern eine gute Versorgung anbieten möchten, wären im Vorteil.» Damit wären Versicherungsmodelle mit integrierter Versorgung nicht nur zum Prämiensparen attraktiv, sagt Gyger, sondern auch interessant für ältere Personen, die ab und zu krank sind und eine gute Versorgung wollen. Ein einziger Absatz eines Artikels im Gesetz müsste angepasst werden. Versicherungsmodelle mit Rabatten würden wohl noch häufiger werden, die Kosten im Gesundheitswesen dafür weniger stark steigen.

Erstellt: 24.09.2019, 09:07 Uhr

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