SBB verbannen Glyphosat von den Gleisen

Der Unkrautvernichter steht im Verdacht, Krebs zu verursachen. Nun ersetzen die Bundesbahnen das Mittel durch eine Schocktherapie.

Um ihre Gleisanlagen unkrautfrei zu halten, benötigten die SBB bislang zwei bis drei Tonnen Glyphosat pro Jahr. Foto: Urs Jaudas

Um ihre Gleisanlagen unkrautfrei zu halten, benötigten die SBB bislang zwei bis drei Tonnen Glyphosat pro Jahr. Foto: Urs Jaudas

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Kein Schweizer Unternehmen setzt für die Unkrautbekämpfung so viel Glyphosat ein wie die SBB. Auf ihrem über 7600 Streckenkilometer langen Schienennetz versprühen sie jährlich zwei bis drei Tonnen des umstrittenen Wirkstoffs. Das entspricht einer Menge von rund 5500 Litern – oder gut einem Prozent des Schweizer Absatzes.

Doch Glyphosat ist schwer in die Kritik geraten. Die Internationale Agentur für Krebsforschung, eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation, bezeichnete das Pflanzengift 2015 als «wahrscheinlich krebserregend für Menschen». Rückstände davon finden sich im Wasser, in Pflanzen und sogar im menschlichen Urin.

Obwohl bis heute nicht eindeutig geklärt ist, ob Glyphosat krebserregend ist, hat die Bayer-Tochter Monsanto, Hersteller des bekanntesten Glyphosat-Mittels Roundup, in den USA mehrere Klagen von krebskranken Nutzern erstinstanzlich verloren.

Heisswasser tötet Unkraut

Nun reagieren die SBB und wollen bis 2025 auf den Einsatz von Glyphosat verzichten, wie Sprecherin Ottavia Masserini bestätigt. Als die Redaktion Tamedia vergangene Woche wissen wollte, welcher Ersatz geplant sei, sagte die Sprecherin, dazu werde am 9. Juli im Detail informiert. Doch nach der Anfrage haben es sich die Bundesbahnen anders überlegt und den Termin auf den heutigen Donnerstag vorverlegt. Im Bahnhof Däniken SO wollen die SBB zeigen, wie sie Glyphosat ersetzen wollen.

Im Vordergrund steht der Einsatz von heissem Wasser, eine umweltschonende Methode zur Bekämpfung von Unkraut. Sie ist denkbar einfach: Das Wasser wird einem Tankwagen entnommen, mit Durchlauferhitzern auf 100 Grad erwärmt und mittels Düsen auf Unkraut und Moos gesprüht, die danach absterben.

Die SBB haben damit bereits Erfahrungen gemacht. Sie arbeiten seit eineinhalb Jahren mit der Weedcontrol GmbH aus Oberramsern SO zusammen, wie deren Mitinhaber Beat Wyss bestätigt. In Pilotversuchen versprüht die Firma auf SBB-Parkplätzen und -Kiesplätzen auf 100 Grad erhitztes Wasser, das die grünen Pflanzenteile von Unkraut und Moos verbrüht.

Die gleiche Methode auf dem Tausende Kilometer langen Schienennetz anzuwenden, ist jedoch eine andere Schuhnummer. Darum haben die SBB in den vergangenen Monaten ein neues Heisswasserspritzfahrzeug entwickelt. Es ist eine Art Tankwagen auf Schienen und mit einer speziellen Funktion ausgestattet, die Pflanzen erkennen kann.

Volksinitiative für ein Verbot

Die SBB reagieren mit der Glyphosat-Alternative auf den zunehmenden politischen Druck gegen das umstrittene Unkrautmittel. Als eines der ersten europäischen Länder verkündete Frankreich vor zwei Jahren, ­Glyphosat ab 2021 zu verbieten. Die EU-Kommission verlängerte zwar vor zwei Jahren die Verwendung von Glyphosat, aber nur auf fünf Jahre befristet. Brasilien und Kolumbien haben den Einsatz des Pestizids komplett untersagt. Weitere Länder werden folgen. In der Schweiz ist der Einsatz von Glyphosat auf Plätzen, Strassen und Wegen seit 2001 verboten, um die Gewässer vor dem Gift zu schützen. Bauern dürfen es jedoch auf ihren Feldern ein­setzen, und auch die Bahnen verfügen über eine Ausnahmebewilligung. Doch diese ist nicht in Stein gemeisselt.

Der Druck für ein Totalverbot nimmt auch in der Schweiz zu. So hat die Grüne Partei im September 2017 eine entsprechende Motion eingereicht. Sie wird vom Bundesrat abgelehnt, wurde aber im Parlament noch nicht behandelt.

Noch grösseren Druck setzt die eidgenössische Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» auf. Sie fordert ein umfassendes Verbot von chemischen Pflanzenvernichtungsmitteln, und zwar nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch «in der Boden- und Landschaftspflege». Deshalb gehen die Bundesbahnen nun voran, bevor sie allenfalls verfassungsmässig zum Verzicht auf Glyphosat gezwungen werden.

Idee von Mitarbeiter

Doch eigentlich hätten sie schon lange wissen können, dass Unkrautbekämpfung mit heissem Wasser eine der effizientesten Methoden ist. Denn ihr langjähriger Mitarbeiter Werner Kurfess, der seit dem Jahr 2000 bei den SBB arbeitet, verfasste zuvor als wissenschaftlicher Mitarbeiter der deutschen Universität Hohenheim eine Doktorarbeit «zum Einsatz von Heisswasser zur thermischen Unkrautregulierung». Er schrieb darin, auf 100 Grad erhitztes Wasser sei so wirkungsvoll, dass sich sein Einsatz «besonders auch in kommunalen Bereichen und auf Gleisanlagen» anbiete.

Heisses Wasser wirkt etwa gleich lang wie Glyphosat. Bei beiden Methoden wächst nach sechs bis sieben Wochen neues Unkraut nach. Der SBB-Gesamtprojektleiter für die Glyphosat-Alternativen, der Umweltexperte Gunter Adolph, rechnet jedoch mit nur vier Behandlungen mit heissem Wasser pro Jahr – deutlich weniger als mit Glyphosat.

Ein Nachteil der Schockmethode mit dem heissen Wasser ist jedoch, dass es kleine Tiere tötet. Auf ihrer Website kündigen die SBB darum an, «aufgrund der Vielfalt der natürlichen und baulichen Gegebenheiten entlang der Bahnstrecken» würden mehrere Ersatzlösungen zu Glyphosat zum Einsatz kommen.

Denkbar sind zwei andere Verfahren, die derzeit von der Deutschen Bahn getestet werden, mit der sich die SBB austauschen: Beim ersten Verfahren, das bislang vereinzelt in der Landwirtschaft angewandt wird, wird Unkraut mittels Strom vernichtet. Beim zweiten Vorgehen werden Pflanzen mit energie­reicher Ultraviolettstrahlung verbrannt. Diese Methode ist vollkommen neu und wurde bisher noch nie angewendet.

Erstellt: 27.06.2019, 06:31 Uhr

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