Der Fall des Diamantenkönigs

Der israelische Multimilliardär Beny Steinmetz ist mit Diamanten und Rohstoffen reich geworden. Nun sind ihm die Korruptionsermittler in der Schweiz, den USA und in Afrika auf den Fersen.

Ein Mitarbeiter von Sotheby's präsentiert in Genf einen Diamanten mit 34 Karat. Der Wert beträgt rund 2 Millionen Dollar. Bild: Keystone

Ein Mitarbeiter von Sotheby's präsentiert in Genf einen Diamanten mit 34 Karat. Der Wert beträgt rund 2 Millionen Dollar. Bild: Keystone

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Als die Meldung seiner Verhaftung durch die Medien ging, fragten sich wohl viele Landsleute: «Beny – wer?» Benjamin «Beny» Steinmetz gilt zwar als einer der reichsten Männer Israels und manchmal auch als einer der Reichsten der Welt. Aber der grosse, braun gebrannte und sportliche 61-Jährige mit israelischer und französischer Staatsbürgerschaft macht seine Geschäfte mit Diamanten und Rohstoffen gern in aller Stille, in den vergangenen Jahren vor allem von Genf aus. Die Höhe seines Vermögens wird auf 4 bis 9 Milliarden Dollar geschätzt.

Bekannt ist sein Name in Justizkreisen. Gegen Steinmetz wird in Guinea, in Rumänien, in Frankreich, in den USA und in der Schweiz ermittelt. In Genf liess Staatsanwalt Claudio Mascotto vor vier Jahren Steinmetz’ Büro und Privatflugzeug durchsuchen. Seither laufen die Ermittlungen. Angeblich soll der Bericht des Staatsanwalts noch in diesem Jahr an das Gericht gehen. «Wir hoffen, dass es zu einer Anklage kommt», sagt Oliver Classen von der Schweizer NGO Public Eye. Staatsanwalt Mascotto will den Fall nicht kommentieren.

Public Eye, die ehemalige Erklärung von Bern, veröffentlichte 2013 eine Grafik des Firmennetzwerks, das Steinmetz zugeordnet wird. Es reicht von einer Diamantenmine in Sierra Leone über Tochterfirmen des Auktionshauses Sotheby’s bis zu Investmentfirmen auf den Kanal- und Jungferninseln. Im Zentrum steht eine Stiftung in Liechtenstein. Die Familie Steinmetz soll Begünstigte sein.

Möglicherweise waren die Schweizer Ermittlungen ein Grund, warum Steinmetz vor etwa zwei Jahren Genf verliess und nach Israel ging. Sein Genfer Anwalt beantwortet Fragen von Tagesanzeiger.ch/Newsnet nicht.

Immer erst Beny fragen

Sollte sich Steinmetz, dem das Magazin «New Yorker» sehr gute Beziehungen zum israelischen Geheimdienst nachsagt, in seiner Heimat sicher gewähnt haben, war dies eine Fehleinschätzung gewesen. Zum ersten Mal wurde Steinmetz in seiner Villa in Tel Aviv im Dezember 2016 verhaftet und für 14 Tage unter Hausarrest gestellt. Zum zweiten Mal bekam der Milliardär nun am 14. August 2017 Besuch von der Polizei. Steinmetz, sein Geschäftspartner Tal Silberstein sowie drei weitere Männer wanderten für mehrere Tage in Haft. Seither stehen Steinmetz und Silberstein wieder unter Hausarrest. Sie seien wegen des Verdachts der Geldwäsche, des Betrugs und der Behinderung der Justiz befragt worden, teilt die Polizei in einer Medienmitteilung mit. Steinmetz’ israelischer Anwalt entgegnet, sein Mandant sei unschuldig. Steinmetz sieht sich als Opfer einer Verleumdungskampagne des ungarisch-amerikanischen Milliardärs George Soros. Was Soros umgehend dementierte.

Die Verhaftung im August dürfte auf ein Rechtshilfegesuch der rumänischen Justiz zurückgehen. In Bukarest läuft seit Januar ein Verfahren gegen Steinmetz, seinen Partner Silberstein und 21 weitere Angeklagte. Dem TA liegt die 482 Seiten starke Anklageschrift in englischer Übersetzung vor. Darin wird beschrieben, wie die israelischen Geschäftsleute mittels rumänischer Mittelsmänner und ihrer zypriotischen Firma grosse Ländereien unter ihre Kontrolle brachten. Als Strohmann diente ihnen ein Nachkomme der rumänischem Königsfamilie, der die Grundstücke im Zuge von Restitutionsverfahren bekommen hatte. Er soll allerdings dazu gar nicht berechtigt gewesen sein.

Zahlreiche abgehörte Telefongespräche lassen die rumänische Anti-Korruptions-Behörde DNA zum Schluss kommen, dass Steinmetz die kriminelle Gruppe organisiert habe. Wann immer es um Geschäftsabschlüsse ging, musste erst «Beny» gefragt werden. Steinmetz soll seine rumänischen Partner mehrmals zu luxuriösen Festen nach Israel oder auf seine Jacht vor Monte Carlo geladen haben. Als ihn die rumänischen Korruptionsermittler vorluden, erschien er jedoch nicht.

Kontakte zu Politikern und Entscheidungsträgern

Aus der Anklageschrift geht auch hervor, wie die Arbeitsteilung zwischen den Partnern funktionierte: Der redselige Silberstein knüpfte Kontakte zu Politikern und Entscheidungsträgern der Verwaltung. Für Geschäftsabschlüsse und Finanzierung war Steinmetz zuständig.

Ein politisches Erdbeben löste die Verhaftung der beiden auch in Österreich aus. Dort war Tal Silberstein seit dem Jahr 2000 für die sozialdemokratische Partei (SPÖ) als Wahlkampfmanager tätig. Er hätte auch die Kampagne für die Parlamentswahlen im Oktober 2017 leiten sollen. Nach seiner Verhaftung löste Parteichef und Bundeskanzler Christian Kern sofort den Vertrag auf. Den Imageschaden für die SPÖ konnte er nicht mehr abwenden.

Besonders enge Beziehung zu Silberstein hat der ehemalige SPÖ-Chef und Kanzler Alfred Gusenbauer, der 2008 von der eigenen Partei demontiert wurde. Als Berater arbeitet Gusenbauer seither unter anderem für den kasachischen Despoten Nursultan Nasarbajew oder die Schweizer Stadler Rail. Vermutlich über die Vermittlung Silbersteins lernte Gusenbauer Steinmetz kennen. Heute ist der Sozialdemokrat Verwaltungsrat des Bergbaukonzerns Gabriel Resources. Steinmetz ist einer der wichtigsten Aktionäre.

Gabriel Resources will das angeblich grösste Goldvorkommen Europas im rumänischen Rosia Montana ausbeuten. Dabei soll eine Bergkuppe abgetragen, ein Dorf umgesiedelt und zum Abbau giftige Lösungen eingesetzt werden. Nach Kritik in Rumänien und den Nachbarländern scheiterte das Genehmigungsverfahren im rumänischen Parlament. Steinmetz’ Firma verklagte den rumänischen Staat auf 4,4 Milliarden Dollar Schadenersatz.

Es geht um das weltweit grösste Eisenerzvorkommen

Rumänien dürfte derzeit aber nicht Steinmetz’ grösste Sorge sein. Noch schwerer wiegen die Vorwürfe rund um die Aktivitäten seiner Firma in Afrika. Es geht um das weltweit grösste Eisenerz­vorkommen im unzugänglichen Landesinneren des westafrikanischen Staates Guinea. Wer hier das Erz der Simandou-Bergen fördert, kann mit Millionengewinnen rechnen. Nur müssten zuerst Millionen in den Aufbau einer Infrastruktur, in eine Bahn­linie und einen Hafen gesteckt werden. Der weltgrösste Bergbaukonzern, Rio Tinto, hatte dafür in den 1990er-Jahren die Rechte bekommen.

2008 jedoch wurden diese Rechte für zwei von insgesamt vier Abbaufeldern entzogen und der ­Beny Steinmetz Group Resources (BSGR) übertragen. Das kam nicht nur für die australische Rio Tinto überraschend: Der Deal liess viele in der Branche über Bestechung spekulieren. BSGR hatte keine Erfahrung im Erzabbau und musste vorerst nur 160 Millionen Dollar investieren. Der Wert der Minen wird auf zehn Milliarden Dollar geschätzt.

Keine zwei Jahre später bot der brasilianische Bergbaukonzern Vale 2,5 Milliarden Dollar für eine 50-Prozent-Beteiligung. Das Geschäft hätte Steinmetz’ Meisterstück werden können, ein «Jahrhundert-Deal», wie es damals hiess. Dummerweise starb jedoch Guineas Diktator Lansana Conté, und mit Alpha Condé kam ein demokratisch gewählter Präsident an die Macht. Der wollte den dubiosen Vertrag mit BSGR rückgängig machen und suchte nach Beweisen für Bestechung. Unterstützt wurde seine Suche durch eine von George Soros finanzierte NGO, weshalb Steinmetz heute von einer Intrige gegen ihn spricht und Soros auf 10 Milliarden Dollar Schadenersatz klagte. BSGR klagte den Staat Guinea an, weil dieser der Firma 2012 die Förderrechte wieder entzog.

Die Ermittlungen über den Minendeal von BSGR führten zur Witwe des Diktators Conté, die sich in die USA abgesetzt hat. An sie sollen Millionen an Bestechungsgeldern geflossen sein, über Schweizer Firmen und Bankkonten. Ein Manager von BSGR wurde verurteilt. Beweise, die für eine Anklage gegen Steinmetz reichen, fehlen jedoch bis heute. Das Firmennetzwerk, das Steinmetz von Genf aus aufbaute, ist kaum zu durchschauen und seine persönliche Verantwortung schwer nachweisbar. Steinmetz bezeichnet sich als Berater von BSGR, ohne leitende Funktion.

Für ihn sei der Himmel nicht das Ende, sondern «erst der Beginn». So beschreibt sich Beny Steinmetz auf seiner Website. Und lange schien es tatsächlich so, als seien seinen Geschäften keine Grenzen gesetzt. In einem Interview mit der «Financial Times» vor fünf Jahren beschrieb er sich als David im Rohstoffhandel, der im Kampf gegen Goliath nicht zimperlich sein dürfe. Damals begannen die Ermittlungen wegen des Guinea-Geschäfts, von einem Prozess in Rumänien war noch keine Rede.

Steinmetz wurde 1956 in Netanya als Sohn eines Diamantenhändlers geboren, der aus Polen nach Palästina ausgewandert war. Nach dem Militärdienst in den 70er-Jahren ging er nach Antwerpen und später nach Genf. Der Vater von vier Kindern wird als Familienmensch mit scharfem Verstand beschrieben. Gemeinsam mit seiner Frau leitete er eine wohltätige Stiftung. Mit seiner Steinmetz Diamond Group spezialisierte er sich auf die Verarbeitung richtig grosser Steine. Der von einer Steinmetz-Firma geschliffene Diamant «Pink Star» wurde dieses Frühjahr für 71,2 Millionen Dollar versteigert. Gleichzeitig investierte Steinmetz in andere Branchen, eine Zeit lang war er an der deutschen Kaufhausgruppe Karstadt beteiligt, über Vermittlung des Sozialdemokraten Gusenbauer.

«Verbunden über Schweizer Konten»

In Genf überschrieb Steinmetz laut der Zeitung «Le Temps» seine Anteile an der Steinmetz Diamond Group seinem älteren Bruder Daniel. Dessen Sohn Raz Steinmetz ist über Briefkastenfirmen mit mindestens 50 Millionen Dollar an Immobilienprojekten von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner beteiligt, wie die «New York Times» enthüllte. Die Geschäfte mit der Steinmetz-Familie könnten Kushner in Interessenkonflikte stürzen, schreibt die Zeitung: Kushner hat offizielle Funktionen im Weissen Haus, und gleichzeitig überwacht der von Präsident Trump bestellte Justizminister die Ermittlungen gegen Raz’ Onkel. Beny Steinmetz habe nichts mit den Immobiliengeschäften seines Neffen zu tun, sagen seine Anwälte. Die «New York Times» beschreibt die beiden jedoch als «verbunden durch Schweizer Bankkonten».

Nach seiner ersten Verhaftung im Dezember 2016 musste Beny Steinmetz seine Pässe abgeben. Seither kann er Israel nur mit Erlaubnis der Behörden verlassen. Viele seiner Firmen, die ihm in Genf zugeordnet wurden, sind mittlerweile aufgelöst oder im Zustand der Auflösung.

Dennoch erhält Steinmetz immer wieder schlechte Nachrichten aus der Schweiz. Der Versuch, die Auslieferung der 2013 in der Schweiz bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmten Dokumente an die USA, Guinea und Israel zu verhindern, scheiterte. Das Bundesstrafgericht lehnte alle Einsprüche ab. In der Öffentlichkeit trat Steinmetz zuletzt bei einem Hearing des Internationalen ­Zentrums für die Schlichtung von Investitionsstreite (ICSID) in Paris auf. Bei der Anhörung über Videoschaltung gab er sich kämpferisch, verlor zeitweise die Fassung. Er sei unschuldig und werde niemals aufgeben, kündigte er von Tel Aviv aus an: «Wir sind Israelis, wir können kämpfen.»

Erstellt: 24.08.2017, 18:31 Uhr

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