Swisscom löscht Fotos und Videos von Kunden

Ferienfotos, Heimvideos und Musikfiles von Nutzern des Speicherdienstes MyCloud sind weg – unwiderruflich.

Kein Glück mit MyCloud: Das Swisscom-Logo vor einem wolkenverhangenen Himmel. Foto: Pascal Lauener (Reuters)

Kein Glück mit MyCloud: Das Swisscom-Logo vor einem wolkenverhangenen Himmel. Foto: Pascal Lauener (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Speichern Sie Ihre kostbarsten Momente dort, wo sie am sichersten sind: zu Hause.» Mit diesem Slogan tritt die Swisscom seit drei Jahren mit dem eigenen Online-Speicherdienst MyCloud gegen die übermächtige internationale Konkurrenz an wie Dropbox, Google Drive oder Apples iCloud. Die Standortfrage als Hauptargument für MyCloud hat gegriffen: Heute speichern über 400'000 Schweizerinnen und Schweizer Privatbilder und Videos auf MyCloud.

Hunderte Schweizerinnen und Schweizer mussten in den letzten Tagen allerdings feststellen, dass es nicht die beste Idee gewesen ist, dem Mobilfunkanbieter die kostbarsten Momente anzuvertrauen – Ferienerinnerungen, Hochzeitsbilder oder wichtige Zeugnisse und Diplome. Die Swisscom bestätigte auf Anfrage dieser Zeitung, dass die Firma Daten ihrer Kunden kürzlich aus Versehen und unwiderruflich gelöscht hat.

Das Malheur sei komplett selbst verschuldet, sagt die Swisscom. Man bedauere das ausserordentlich. «Es handelt sich um einen Fehler, der bei der internen Entwicklung einer Software-Komponente entstanden ist.» Wie viele Kunden genau betroffen seien, wollte die Swisscom nicht angeben. Sie spricht von «einigen Hundert MyCloud-Nutzern». Passiert ist die Löschung vor rund zwei Wochen, offiziell kommentiert hat sie die Swisscom erst auf Anfrage dieser Zeitung. **

Finanzielle Entschädigung

Der Swisscom fiel offenbar umgehend auf, dass ein Computer-Skript sich selbstständig gemacht hatte. Anstatt öffentlich über die Panne zu informieren, entschied sich das Unternehmen, betroffene Kunden telefonisch zu benachrichtigen. In persönlichen Gesprächen wurden die Kunden auf die gelöschten Dateien aufmerksam gemacht. Dazu bot die Swisscom den Kunden finanzielle Entschädigung an, in einem Tagesanzeiger.ch/Newsnet bekannten Fall zum Beispiel 50 Franken. Mit allen betroffenen Nutzern habe man eine einvernehmliche Lösung gefunden, sagt die Swisscom.

Statt öffentlich über die Panne zu informieren, benachrichtigte die Swisscom die Betroffenen.

Um wie viele gelöschte Daten es sich genau handelte, wollte die Swisscom nicht angeben. Im Schnitt seien pro Kunde nur 5 Prozent Daten von der Löschung betroffen gewesen. Die Bandbreite der betroffenen Daten war allerdings gross. Der MyCloud-Nutzer Beat Schmid* etwa gab an, dass rund 80 seiner Dateien verschwunden seien: «Viele Fotos, einige Videos und etwas Musik.» Es habe sich dabei aber nur um einen Bruchteil aller Files gehandelt, die Schmid auf MyCloud geladen hätte. Beim Fotografen Stefan Meier* hingegen waren rund 90 Prozent der Daten nicht mehr auffindbar – er verlor einen Grossteil der gespeicherten Dateien. Zu seinem Glück hat er diese aber auch lokal abgespeichert.

Für die Swisscom ist der Vorfall nicht nur peinlich, sondern auch geschäftsschädigend. Abgesehen vom Standort – die Gewissheit für Kunden, dass deren Daten in der Schweiz bleiben und nicht etwa einem Internetkonzern oder gar fremden Geheimdienst in die Hände fallen – hat der Schweizer Mobilfunkanbieter gegenüber der Konkurrenz wenig zu bieten. Die Internetkonzerne haben grössere Technikteams, die sich um die Weiterentwicklung der Produkte kümmern, weil sie auf ein globales Publikum zielen.

Nicht verschlüsselt

So ist zwar die Übertragung von Daten auf MyCloud verschlüsselt, die Datenspeicherung ist es allerdings nicht. Das heisst: Für Servicemitarbeiter der Swisscom sind sie frei einsehbar. Das ist etwa beim Dienst Dropbox anders. Hier sind alle Daten verschlüsselt und nur für den Nutzer einsehbar.

Das ist die zweite grössere Datenpanne bei der Swisscom, die in jüngster Zeit bekannt wird. So stellte die Swisscom Ende 2017 fest, dass die Daten von 800000 Privatkunden – Namen, Adressen, Geburtsdaten und Telefonnummern – in falsche Hände geraten waren, darunter auch diejenigen des Swisscom-Chefs Urs Schäppi. Betroffen vom Leck war nicht die Swisscom selber, sondern eine Partnerfirma. Der Name der Firma ist bis heute nicht bekannt.

Am Ende ist es allerdings nicht die Swisscom, sondern sind es die Kunden, die am meisten an den Löschungen zu beissen haben. Wenn sie mit der Wiedergutmachung von 50 Franken nicht einverstanden sind, haben sie nur wenige rechtliche Möglichkeiten. Der Zürcher Internetanwalt Martin Steiger sagt: «In den Nutzungs- und Teilnahmebedingungen schützt sich die Swisscom gegen jegliche Haftung – wie das bei solchen Internetverträgen oft der Fall ist.» Hier hat sich die Swisscom die grossen Internetkonzerne wie Amazon oder Google zum Vorbild genommen.

Wer dennoch Schadenersatz fordern möchte und sich mit der Swisscom nicht einvernehmlich einigen kann, dem empfiehlt Steiger den Gang vor den Friedensrichter. Ohne erfolgreiche Schlichtung sei dann immer noch eine Klage möglich. «Aber ob sich das lohnt?», fragt sich Steiger. Es werde teuer, und die Daten seien ohnehin weg – für immer.

* Name ist dieser Zeitung bekannt.

** Die Swisscom hat nachträglich darauf hingewiesen, dass sich der Vorfall bereits im Jahre 2018 ereignet habe. Die Swisscom hat mittlerweile auf ihrer Website auch einen Faktencheck publiziert. Er ist hier zu finden.

Erstellt: 11.07.2019, 21:58 Uhr

Was Nutzer über Cloud-Speicher wissen sollten

Cloud-Speicher bedeutet nichts anderes, als seine Daten auf einer Festplatte zu speichern, die man nicht selber hat. Die irgendwo ist. In einem Keller, einer Lagerhalle, einem Berg oder in einer speziell dafür gebauten Server-Farm. Das klingt nach einem Privatsphären-Albtraum, ist aber im Alltag komfortabel.

Einem grösseren Publikum wurde der Cloud-Speicher ab 2007 durch Dropbox ein Begriff. Dem amerikanischen Unternehmen gelang etwas, woran zuvor Microsoft und Apple gescheitert waren: Daten bequem über das Internet zwischen zwei oder mehreren Computern zu synchronisieren.

Jobs war begeistert

Dem Vernehmen nach war Apple-Gründer Steve Jobs so begeistert, dass er die Firma kaufen wollte. Als sich diese weigerte, drohte er, Dropbox sei keine Geschäftsidee, sondern nur eine Funktion, die sich leicht nachbauen lasse. Jobs sollte recht behalten. Inzwischen bieten alle Techkonzerne eigene Cloud-Speicher-Dienste an, die eng mit den eigenen Betriebssystemen verwoben sind. Bei Apple heisst das iCloud, bei Microsoft OneDrive, und bei Google heisst der Dienst Google Drive. Dazu kommen Cloud-Spezialisten, wie Box oder eben Dropbox. Da sich mit Cloud-Speicher gutes – dank Abos –, regelmässiges Geld verdienen lässt, mischen auch andere Anbieter mit, die zu ihren Produkten auch noch Cloud-Speicher verkaufen.

Aus den verschiedenen Angeboten das richtige für sich zu finden, ist ähnlich mühsam, wie das richtige Handy-Abo zu wählen. Gratis gibt es zwischen 2 und 15 Gigabyte. Das reicht für ein paar Dokumente, aber für ein Handy-Backup ist das schon zu knapp. Komfortable 2 Terabyte gibt es bei Apple, Google und Dropbox für 10 Franken pro Monat. Bei Microsoft bekommt man für 70 Franken pro Jahr 1 Terabyte und alle Office-Programme, wie Word oder Excel. Die Faustregel empfiehlt, das Abo des Herstellers des Endgeräts zu nehmen. Wer verschiedene Hersteller mischt, sollte vorher prüfen, wie gut welcher Dienst mit welchem Betriebssystem harmoniert. Sonst droht Stress bei der Datenübertragung.

Rafael Zeier

Artikel zum Thema

Swisscom will Kunden mit «SMS 2.0» zurückholen

Der SMS-Nachfolger RCS soll eine Alternative zu Whatsapp und Messenger sein. Der Dienst funktioniert aber nicht auf allen Geräten. Mehr...

Kirchen verhindern 5G-Antennen in Glockentürmen

Kirchtürme sind ideale Standorte für Sendemasten. Doch nun wehrt sich das Kirchenvolk dagegen – nicht nur aus gesundheitlichen Bedenken. Mehr...

War der Glasfaser-Ausbau unnötig?

Telekom-Anbieter investierten Milliarden ins schnelle Festnetz. Mit der 5G-Einführung stellt sich nun die Frage, wofür. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wollen Sie einen echten Cyborg treffen?

Ihnen gehen Technik und Innovation unter die Haut? Gewinnen Sie 2x2 VIP-Tickets für die Volvo Art Session.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...