Syngenta hat nach der Übernahme ungewisse Zeiten vor sich

Der Verkauf an Chemchina führt zur Dekotierung. Und die Zukunft des Hauptsitzes in Basel ist noch offen.

Neustart: Syngenta-Setzlinge in der Forschungsabteilung. Foto: Keystone, Syngenta

Neustart: Syngenta-Setzlinge in der Forschungsabteilung. Foto: Keystone, Syngenta

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Am 18. Mai soll die 43 Milliarden Dollar teure Übernahme von Syngenta durch den chinesischen Staatskonzern Chemchina endlich perfekt sein. Über ein Jahr hat Chemchina gebraucht, um Wett­bewerbshüter in aller Welt zu einem Ja zu bewegen. Nun ist Chemchina sich ihrer Sache so sicher, dass gestern die vorgeschlagene Zusammensetzung des Syngenta-Verwaltungsrates nach dem Besitzwechsel vorgestellt wurde.

Dabei haben die Chinesen Befürchtungen aus der Schweiz aufgenommen: Sie verzichten darauf, im Kontroll­gremium von Syngenta künftig sechs von zehn Verwaltungsräten zu stellen. Stattdessen schlägt Chemchina vor, den Verwaltungsrat auf acht Mitglieder zu verkleinern und ihn paritätisch zu besetzen. Syngenta kann vier Mitglieder zur Wahl vorschlagen, darunter ihren Präsidenten Michel Demaré als künftigen ­Vizepräsidenten. Chemchina stellt vier Verwaltungsräte, darunter ihren Vorsitzenden Ren Jianxin als neuen Präsidenten von Syngenta. Via Stichentscheid des Präsidenten wird Chemchina im Kontrollgremium von Syngenta das Sagen haben, wenn es hart auf hart geht.

«Gut ausgewogen»

Vollzogen wird der Machtwechsel an der Generalversammlung vom 26. Juni mit der Wahl des neuen Kontrollgremiums. «Der Vorschlag für den neuen Ver­waltungsrat ist gut ausgewogen», sagt Syngenta-Präsident Demaré. «Syngenta bleibt Syngenta und erhält lediglich einen neuen Eigentümer.»

Wie lange das so bleibt, wird sich ­zeigen. Chemchina hat im Übernahmevertrag einige Zusicherungen gemacht. Bei bestimmten Entscheiden ist die Zustimmung von mindestens zwei Ver­waltungsräten erforderlich, die von Syngenta gestellt werden. Diese Sicherung gilt bei einigen besonders heiklen oder einschneidenden Themen. Dazu gehören etwa die Verlegung des Hauptsitzes aus Basel weg, übermässige Kürzungen der Forschungsgelder, die Aufweichung von Umwelt- und Sozialstandards – aber auch interne Geschäfte zwischen Chemchina und Syngenta, die nicht zu Marktbedingungen abgeschlossen werden. All diese Zusicherungen und Garantien sollen ab Übernahme für fünf Jahre gelten.

Im Management von Syngenta, das hinter der Übernahme steht, gibt es vorderhand keine Veränderungen. Und dass die Basler mit dem chinesischen Staat als neuem Besitzer gute Ex­pansionschancen im Agrogeschäft des Riesenlandes haben, bestreitet kaum ­jemand. Mögliche Probleme sind, wie meist in solchen Fällen, im Klein­gedruckten des Übernahmevertrags zu finden. Ein grosser Verlust für die Schweizer Börse ist etwa, dass Syngenta nach der Übernahme aller Aktien innert einem halben Jahr dekotiert werden soll. Auch die Zweitkotierung in New York soll aufgehoben werden. Aus Sicht der Investoren verschwindet mit Syngenta also erneut ein grosses Schweizer Unternehmen vom Radar. Chemchina sagte bereits bei der Ankündigung des Megadeals im Februar letzten Jahres, dass Syngenta zu einem späteren Zeitpunkt wieder an die Börse gebracht werden soll. Im Kaufangebot vom März 2016 steht dazu, dass die erwähnten Garantien in Kraft bleiben «bis zu einer er­neuten Kotierung der Syngenta-Aktien mittels eines Börsengangs, aber nicht länger als 5 Jahre» nach Vollzug des Deals. Anders gesagt: Die Garantien ­haben maximal fünf Jahre Bestand; ­bringen die Chinesen Syngenta vor ­diesem Zeitpunkt erneut an die Börse, erlöschen sie vorzeitig. Dass dem so ist, macht eine weitere Bestimmung im Vertrag deutlich: Die gemachten Zusicherungen «sollen bestehen bleiben bis zum früheren Datum» von zwei Ereignissen – dem Ablauf der Fünfjahresfrist oder dem erneuten Börsengang.

Wächst Syngenta in China nach der Übernahme wie erhofft, ist absehbar, dass eine erneute Börsenkotierung nicht in der Schweiz, sondern in Shanghai oder Hongkong erfolgt. Die Schweiz und die USA kommen dann allenfalls noch für eine Zweitkotierung infrage. Enden die gemachten Garantien mit einem ­erneuten Börsengang, ist auch der Konzernsitz in Basel nicht mehr sakrosankt. Mit dem chinesischen Staat als neuem Besitzer wird Syngenta ihren Schwerpunkt in Asien haben. Daher dürfte in absehbarer Zeit auch der Hauptsitz dorthin verlagert werden.

Übernommen wird Syngenta von einer Chemchina-Tochter mit Sitz in Amsterdam. Nicht auszuschliessen ist da, dass Basel zwar ein wichtiger Standort für Forschung und Produktion bleibt, der eigentliche Europasitz aber mittelfristig nach Holland verlegt wird.

Dass Chemchina demnächst in Basel alles auf den Kopf stellt, ist nicht zu erwarten. Auch das gegenwärtige Management dürfte auf absehbare Zeit im Amt bleiben, wenn es seine Sache gut macht. Aber nach einem erneuten Börsengang, spätestens aber nach Ablauf der fünf Jahre, geht die Schonfrist für Syngenta, wie wir sie kennen, zu Ende.

Erstellt: 26.04.2017, 21:59 Uhr

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