Tabubruch der Postfinance

Die Postbank erhebt von Privatkunden mit über einer Million Franken ab Februar 2017 Negativzinsen. Bankenprofessor Maurice Pedergnana kritisiert den Schritt vehement.

Geld am Postomaten abheben ist noch gratis. Foto: Thomas Egli

Geld am Postomaten abheben ist noch gratis. Foto: Thomas Egli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist ein Tabubruch auf Raten: Mit Postfinance führt das erste grosse Schweizer Finanzinstitut Negativzinsen für Privatkunden ein. Wer über eine Million Franken auf dem Konto hat, bezahlt ab nächstem Februar 1 Prozent auf jenen Betrag, der die Millionengrenze übersteigt. Die Einführung dieser «Guthabengebühr» erklärt Postfinance mit dem tiefen Zinsniveau und den Negativzinsen der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Seit Anfang 2015 verlangt die SNB 0,75 Prozent Zins auf den Giroguthaben, die von den Geschäftsbanken bei ihr deponiert werden. Postfinance seien dadurch im laufenden Jahr Kosten von über 10 Millionen Franken entstanden.

Da es der Postfinance nicht erlaubt sei, eigenständig Kredite zu vergeben, sei es immer schwieriger, die ihr anvertrauten Kundengelder noch gewinnbringend anzulegen, erklärt das Institut den Schritt in einer Mitteilung. Bereits Mitte Jahr senkte Postfinance die Zinsen bei den Privatkonten auf null.

«Ein völlig falsches Signal»

Keinerlei Verständnis für diesen Vorstoss hat Maurice Pedergnana, Professor für Banking und Finance an der Hochschule Luzern. «Ich kann den Schritt schlicht nicht nachvollziehen», sagte er, «die Postfinance setzt damit ein völlig falsches Signal.» Der Bankenprofessor verweist zur Begründung auf das Zinsumfeld: Dieses habe sich in den letzten 48 Stunden – seit dem Wahlsieg von Donald Trump – grundlegend verändert. Insbesondere die längerfristigen Zinssätze zogen seither merklich an – nicht nur in den USA, auch hierzulande.

Der Luzerner Bankenprofessor geht mit Blick auf die rundherum steigenden Zinsen und Inflationserwartungen davon aus, dass die Negativzinsen «in absehbarer Zeit» der Vergangenheit angehören werden. «Von daher liegt der Entscheid der Postfinance quer in der Landschaft», betont Pedergnana. Und fügt hinzu: Wenn die Bankentochter der Post die Negativzinsen nicht umgehend rückgängig mache, «steht ihre Reputation – vor allem bei vermögenden Privatkunden – auf der Kippe». Postfinance wollte dazu keine Stellung nehmen.

Pedergnana fordert vom Post-Verwaltungsrat ein Machtwort. Dieser müsse die Postfinance schnellstmöglich zurückpfeifen. Bleibe es bei den Negativzinsen, so der Bankenprofessor, werfe dies kein gutes Licht auf die Handlungsfähigkeit des Verwaltungsrats.

Was machen andere Banken?

Vor der Postfinance hat bereits die Alternative Bank Negativzinsen eingeführt. Sie hat rund 30'000 Kunden, womit der Kreis der Betroffenen klein ist. Bei der Migros-Bank heisst es auf Anfrage, man sei am Prüfen, ob man bald Negativzinsen von Privatkunden verlangen werde. Ein Sprecher sagte auf Anfrage, dass es aber «bestimmt nicht Kleinsparer mit ein paar Zehntausend Franken» treffen würde. Man spreche von Privatkunden mit Barbeständen im siebenstelligen Bereich. Noch sei aber nichts beschlossen.

Die Credit Suisse hält an früheren Aussagen fest, wonach derzeit keine Einführung von Negativzinsen auf Sparguthaben von Individualkunden geplant sei. Anders sieht es bei Firmenkunden, Finanzinstituten und institutionellen Kunden aus. Dort gebe es schon seit ­einiger Zeit Minuszinsen.

Auch die UBS belastet Minuszinsen auf Guthaben bisher einzig von Firmenkunden und Institutionellen wie Pensionskassen. «Wir beobachten die Entwicklungen und Veränderungen im Markt genau und evaluieren weiterhin, ob zusätzliche Massnahmen notwendig werden», meint eine Sprecherin.

Der Zürcher Kantonalbank entstehen durch den Minuszins der Nationalbank laut ihrem Chef Martin Scholl Kosten von rund 75 Millionen Franken im Jahr. Trotzdem wartet die Bank weiter ab mit der Weitergabe der Belastung an ihre Privatkunden. «Für Kleinsparer und Kleinunternehmen sind keine Negativzinsen vorgesehen, solange die SNB ihre Politik nicht verschärft», sagt ein Sprecher. Die Ankündigung der Postfinance führe nun dazu, dass die ZKB «die weitere Entwicklung sehr eng» verfolgen werde.

Sofern die Nationalbank ihre Negativzinsen nicht weiter senkt, will auch die Raiffeisen-Gruppe nichts unternehmen. «Wir haben absolut keine Absicht, unseren Kunden Negativzinsen zu verrechnen», nimmt eine Sprecherin Stellung. Allerdings hat die Raiffeisen den Freibetrag, den die SNB gewährt, bis jetzt nicht ausgeschöpft und ist deshalb noch gar nicht von den Minuszinsen der Nationalbank betroffen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.11.2016, 21:21 Uhr

Artikel zum Thema

Ein unnötiges Vorpreschen

Kommentar Mit der Weitergabe der Negativzinsen an ihre Kunden schafft Postfinance einen gefährlichen Präzedenzfall. Mehr...

Welche Bank für Sie die beste ist

Nachdem Postfinance für Kleinsparer an Attraktivität verloren hat, fragt sich: Mit welchem Angebot fährt man am besten? Ein Vergleich. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Ganz in weiss: Josephine Skriver posiert vor der Vorführung des Films «Roubaix, une lumière» in Vannes auf dem roten Teppich. (22. Mai 2019)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...