TGV und ICE aus einer Hand

Siemens und Alstom haben sich auf die Zusammenlegung ihres Bahngeschäfts geeinigt.

Europäische Hochgeschwindigkeitszüge unter sich: Ein deutscher ICE 3 und ein französischer TGV im Gare de l’Est. Foto: Charles Platiau (Reuters)

Europäische Hochgeschwindigkeitszüge unter sich: Ein deutscher ICE 3 und ein französischer TGV im Gare de l’Est. Foto: Charles Platiau (Reuters)

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Wenn sich die Grossen im Bahngeschäft zusammentun, stellt sich unweigerlich die Frage: Ja, was bedeutet das denn nun für Stadler Rail, den Schweizer Bahnbauer? Peter Spuhler, der Besitzer, lässt sich jeweils nicht gern in die Karten blicken. So auch jetzt nicht, da die deutsche Siemens ihre Mobilitätssparte mit dem französischen TGV-Hersteller Alstom zusammenlegen wird. In Bussnang TG wollte man sich am Dienstag nicht dazu äussern.

Auf dem Papier entsteht ein Bahn- und Signalisationskonzern mit umgerechnet rund 17 Milliarden Franken Umsatz – die weltweite Nummer 2. Bei dieser Grössenordnung firmiert Stadler Rail mit einem Umsatz von 2,1 Milliarden Franken unter «ferner liefen». Und auf die Grösse einer Spielzeugeisenbahn schrumpfen die Ostschweizer, stellt man sie der Nummer 1 gegenüber, dem chinesischen Bahngiganten CRRC, der 33 Milliarden Franken umsetzt.

Als ihn das deutsche «Handelsblatt» vor einem Jahr fragte, ob er sich eine Annäherung an Siemens vorstellen könnte, bezeichnete Peter Spuler das als eine «interessante» Frage. Um dann das «Aber» nachzuschieben: «Grösse ist per se kein strategischer Vorteil.» Jeder Auftraggeber habe andere Vorstellungen davon, wie ein Zug aussehen müsse. «Da haben Sie als flexibler Mittelständler eine viel bessere Ausgangslage als ein grosser Konzern.» Als Spuhler vor Wochenfrist die Übergabe der operativen Leitung der Stadler-Gruppe an seinen Stellvertreter bekannt gab, deutete er Medienvertretern angesichts der Fusionsgerüchte an, das sei für Stadler eher eine Chance. Konzerne seien nach Fusionen bekanntlich vor allem mit sich selber beschäftigt.

Politik unterstützt Fusion

Diese absehbaren Reibungsverluste will man in Frankreich und Deutschland aber in Kauf nehmen. Am Schluss soll ein «europäischer Champion» entstehen, wie aus dem Umfeld von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und bei den deutschen Befürwortern zu vernehmen ist. Selbst führende Gewerkschaftsfunktionäre befürworten das Zusammengehen der beiden Sparten, obwohl sich Siemens und Alstom bis vor noch nicht so langer Zeit eher feindselig gegenüberstanden.

Der europäische Champion soll gegen den «dominierenden Spieler» antreten, wie Siemens-Chef Joe Kaeser die Chinesen nennt. Deren Marktmacht ist ihm schon lange ein Dorn im Auge. CRRC bietet Hochgeschwindigkeitszüge an, die 30 bis 50 Prozent billiger sind als die Konkurrenzprodukte aus Europa. Weil der chinesische Markt Sättigungszeichen aufweist, jagen die vom Staat gestützten CRRC-Firmen rund um den Globus neuen Aufträgen nach, wobei sie mit äusserst attraktiven Vorfinanzierungsmodellen operieren können.

Die Pläne sehen vor, dass Siemens am neuen Unternehmen 50 Prozent plus eine Aktie hält und den Verwaltungsrat präsidiert. Die Franzosen stellen dafür mit dem 48-jährigen Alstom-Chef Henri Poupart-Lafarge den künftigen Konzernleiter. Obwohl der Siemens-Mobilitätsbereich sowohl umsatz- als auch beschäftigungsmässig grösser als Alstom ist, soll der Hauptsitz in Paris sein.

Alstom beschäftigt in Frankreich

8500 Mitarbeiter – in Deutschland über 2500. In der Siemens-Mobilitätssparte sind hingegen fast 28'000 beschäftigt, davon gut 11'000 in Deutschland. Um die französischen Interessen, sprich Arbeitsplätze, zu schützen, soll eine mindestens vierjährige Garantie abgegeben werden.

Die Verwaltungsräte beider Unternehmen haben gestern Abend die Zusammenlegung beschlossen. Geplant sei eine «Fusion unter Gleichen», teilte Siemens mit. Der Deal muss nun noch von den europäischen Wettbewerbsbehörden abgesegnet werden müssen.

Ausschreibung in Gefahr

Für Stadler Rail könnte die deutsch-französische Fusion just in Indien zu einem Problem werden. Die Schweizer haben es in die Endausscheidung für eine milliardenschwere Ausschreibung der staatlichen indischen Eisenbahnen Indian Railways geschafft. Dabei geht es um den Bau von 5000 elektrischen Zügen in einem Joint Venture. Mit dabei sind auch Siemens und Alstom, allerdings in zwei sich konkurrenzierenden Konsortien. Gemäss der Nachrichtenplattform Swissinfo verbieten es die indischen Bietervorschriften, dass sich Konkurrenten während der Bieterphase verbandeln oder gar fusionieren. In einem solchen Fall könnten die indischen Behörden das Verfahren annullieren. Indian Railways müssten das Verfahren komplett neu ausschreiben. Für Stadler Rail hiesse das: zurück an den Start. Die Bieterfrist läuft am 17. Dezember aus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2017, 22:26 Uhr

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