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Toxische Chefs – und wie Sie mit ihnen umgehen sollten

Undankbarkeit von Vorgesetzten setzt den Untergebenen zu. Was lässt sich dagegen unternehmen?

Schreien, schimpfen, schikanieren, mit der Faust auf den Tisch hauen: Der toxische Vorgesetzte. Foto: Getty Images
Schreien, schimpfen, schikanieren, mit der Faust auf den Tisch hauen: Der toxische Vorgesetzte. Foto: Getty Images

Wann hat sich Ihr Chef zuletzt bei Ihnen bedankt? Wenn Sie mehr als drei Sekunden überlegen, ist es sicher länger her. Das tut mir leid, denn das tut weh. Sie arbeiten ja nicht nur fürs Geld, sondern auch für Zuspruch und Anerkennung. Ein Trost: Sie sind nicht allein. Undankbarkeit von Vorgesetzten ist eine der häufigsten Klagen am Arbeitsplatz, noch vor zu wenig Lohn und zu viel Arbeit.

Mangelnde Wertschätzung ist nicht das einzige Merkmal schlechter Führung. Manche Führungskräfte verhalten sich unfair, unehrlich oder unterkühlt. Andere schreien, schimpfen und schikanieren. Und viele sind einfach nur unfähig, sich anständig und respektvoll zu verhalten. Man sollte das Wort «toxisch» nicht leichtfertig verwenden, aber hier passt es. Denn Mitarbeiter toxischer Führungskräfte zeigen Symptome, die emotionaler Vergiftung gleichkommen.

Zwischenmenschliche Aussetzer von Vorgesetzten lösen zunächst Erstaunen aus, später Ernüchterung. Scheitern Versuche, die Beziehung zu kitten, folgen Enttäuschung, Ärger, Bedauern und Hilflosigkeit. Leistungsmotivation und Leistungsfähigkeit schwinden, der Stress nimmt zu. Irgendwann kommt es zum Trickle-Down-Effekt: Unwürdig Geführte nehmen ihre Sorgen mit ins Privatleben und belasten damit Freunde und Familie. Am Ende stehen Depressionen und körperliche Beschwerden.

Fast alle haben schon von solchen Erfahrungen gehört oder mussten sie sogar selber machen. Da ist es schon erstaunlich, dass bis vor kurzem weder Wissenschaft noch Unternehmen Interesse zeigten, destruktives Führungsverhalten zu verstehen. Man befasste sich lieber mit dem Charisma, der Vorbildfunktion und der Begeisterungsfähigkeit erfolgreicher Leader. Doch eklatantes Führungsversagen ist häufig und belastet nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch den Unternehmenserfolg. Es ist daher ökonomisch sinnvoll und moralisch geboten, genauer hinzusehen.

Toxische Chefs weisen eine typische Kombination aus «dunklen» Persönlichkeitsmerkmalen auf, die als «toxische Triade» bezeichnet wird: Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Sie sind also tendenziell selbstverliebt, machthungrig und gefühlskalt. Ironischerweise kann eine Prise dieser Verhaltensweisen sogar von Vorteil sein, wenn sie sich in Selbstsicherheit, Gestaltungswille und Gelassenheit manifestieren. Doch wie bei jedem Gift kommt es auch hier auf die Dosis an. Es gibt ein Gegengift, aber dieses fehlt in vielen Firmen und Organisationen.

Es besteht aus internen Kontrollen, damit destruktive Führungsstile frühzeitig eingedämmt werden können, und aus Mitarbeitern, die sich wehren können. Und die das auch wollen. Nicht alle wollen sich wehren, manche verbünden sich sogar mit toxischen Führungskräften und werden zu deren Günstlingen. Und längst nicht alle können sich wehren, denn gerade in vielen kleineren Firmen fehlen die dazu notwendigen Anlaufstellen: Mediatoren, ausgebildete Personalfachleute oder Betriebsräte. Am besten wäre es, man würde die Persönlichkeit von Führungskräften schon vor der Anstellung auf toxische Tendenzen überprüfen. Aber dafür fehlt es meist an Wissen oder Zeit.

Reality-Check: Nicht jeder Chef ist toxisch. Und wenn es Ihnen trotzdem so vorkommt: Überlegen Sie sich, ob es vielleicht an Ihnen liegt. Chefs müssen Entscheidungen fällen, die oft nicht allen passen. Akzeptieren Sie das. Auch Chefs dürfen mal schlechte Laune haben. Nehmen Sie das nicht persönlich. Chefs müssen führen. Lernen Sie, zu folgen. Chefs müssen Leistung einfordern. Strengen Sie sich an. Was aber, wenn es nicht an Ihnen liegt und kein Gegengift da ist? Es gibt leider nur zwei Möglichkeiten: sich dem Gift durch einen Stellenwechsel entziehen. Oder ausharren, Bälle flach halten, gute Miene zum bösen Spiel machen – und langsam zugrunde gehen. Wofür entscheiden Sie sich?

Christian Fichter ist Professor für Wirtschaftspsychologie. Seine gesammelten Kolumnen finden Sie unter wip.tagesanzeiger.ch.

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