Tricksereien mit Brancheneinträgen

Sogenannte Adressbuchschwindler erwecken am Telefon den Eindruck, seriöse Anbieter zu sein – und stellen Rechnung, ohne eine valable Gegenleistung zu erbringen.

Ein Anruf aus einem Callcenter kann ungeahnte Folgen haben. Foto: Keystone

Ein Anruf aus einem Callcenter kann ungeahnte Folgen haben. Foto: Keystone

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Praktisch, dachte Nadine Tiefenau (Name von der Redaktion geändert), als sie im Januar den Anruf entgegennahm. Am anderen Ende der Leitung fragte eine Frau Sommer, ob sie ihren Eintrag im Branchenbuch verlängern wolle. Was dann folgte, war ein Albtraum.

Frau Tiefenau ist Störköchin und hat ein eigenes Kochstudio, wo Gäste kochen oder sich bewirten lassen können. Der einzige Online-Eintrag, mit dem sie ihr Angebot bewirbt, ist jener bei Local.ch. Dieser Verzeichnisdienst gehört zur Swisscom.

Die Frauenstimme am Telefon sagte, Tiefenau sei ja bereits Kundin; es gehe darum, ob sie ihr Abo verlängern wolle. Sie las ihr jene Informationen vor, die bei Local.ch erscheinen, daher schöpfte Tiefenau keinen Verdacht. Stutzig wurde sie, als die Dame sagte, sie werde nun eine Tonaufzeichnung starten, und Tiefenau müsse ihr Einverständnis dazu mündlich zum Ausdruck bringen. Als Tiefenau aufgelegt hatte, beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Sie überprüfte die Telefonnummer und fand heraus, dass der Sitz der Firma, von der sie angerufen wurde, bei ihr um die Ecke liegt, mitten in Zürich. Das beruhigte sie. Trotzdem rief sie die Nummer an, um sich zu vergewissern, dass es sich wirklich um das Abo bei Local.ch handle: «Ja, natürlich, Frau Tiefenau», beschied man ihr.

Bereits am nächsten Tag ging per E-Mail eine Rechnung über den Betrag von 463 Franken ein: «Willkommen, Frau Tiefenau, bei Branchen Pro», stand in der Nachricht dazu. «Ich bin doch schon Kundin», dachte Tiefenau. Sie googelte den Namen Branchen Pro. Ihr wurde sofort klar, dass sie auf einen Adressbuchschwindel reingefallen war.

«Nur ein Klick zum Glück»

So warnt der «Beobachter» gemeinsam mit dem Schweizer Adressbuch- und Datenbankverleger-Portal (SADP) vor Adressbuchschwindlern – und erwähnt Branchen Pro explizit. Wer selber nach dem Firmennamen sucht, stösst auf den Eintrag «Warnung vor Branchen Pro der Rocket Concept AG». Bereits im letzten Jahr gab es Meldungen aus Deutschland über die Tricksereien des Unternehmens. Der Internetauftritt suggeriert, eine Suchmaschine für Unternehmer und Unternehmen zu sein. Angeblich können sich Gewerbetreibende und Freiberufler auf der Seite Branchenpro.de präsentieren, um so neue Kunden zu generieren. Die Seite wird daher mit dem Slogan «nur ein Klick zum Glück» beworben. Immer wieder erscheint beim Versuch, die Web­seiten von www.branchenpro.ch oder www.branchenpro.de aufzurufen, die Warnmeldung, dass es sich um eine Seite mit illegalem Inhalt handle.

Tiefenau rief umgehend die Zürcher Nummer der Firma an und erreichte Frau Sommer. Diese beschied ihr, sie habe alles falsch verstanden. Tiefenau habe bis jetzt keinen Eintrag, und man werde ihre Informationen in den nächsten Tagen aufschalten, wenn die Zahlung eingegangen sei. Tiefenau bestand darauf, dass ihr gegenüber der Eindruck erweckt worden sei, sie sei schon Kundin, und erklärte darauf Frau Sommer, sie wolle alles stoppen. Das sei nicht mehr möglich, da bereits alle weiteren Schritte in die Wege geleitet worden seien, tönte es am anderen Ende. Als Tiefenau sagte, sie werde die Rechnung nicht bezahlen, drohte ihr Sommer mit weiteren Kosten und einer Betreibung. Als Tiefenau vorschlug, sie werde persönlich vorbeikommen, um alles in Ruhe zu besprechen, ihr Kochstudio liege ja gleich um die Ecke, lautete die Antwort, man empfange grundsätzlich keine Kunden. Gleichentags erhielt Tie­fenau einen Anruf von einer Frau Braun derselben Firma, die sich als Rechtsanwältin vorstellte. Und ihr vorschlug, sie könne den Betrag auch in Raten zahlen.

Stutzig wurde sie, als die Dame sagte, sie werde nun eine Tonaufzeichnung starten, und sie müsse ihr Einverständnis dazu mündlich zum Ausdruck bringen.

Kurz darauf sass Frau Tiefenau mit ihrem Anwalt zusammen. Auf dessen Rat hin schickte sie einen eingeschriebenen Brief an die Betreiberfirma der Branchenpro-Webseite. Sie werde die Rechnung wegen des unlauteren Zustandekommens des Vertrages nicht zahlen. Die Firma Rocket Concept AG ist aktuell an der Zürcher Löwenstrasse domiziliert und hat als Geschäftszweck im Handelsregister «die Erbringung von Dienstleistungen im Bereich Suchmaschinenmarketing (.?.?.) sowie die Beratung, Verwaltung und Optimierung von Online-Marketing-Kampagnen» eingetragen.

Tiefenau meldete sich auch beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), das solche Adressbuchschwindel erfasst und regelmässig davor warnt. Dort riet man ihr, der Firma klarzumachen, dass man den angeblichen Vertrag wegen Irrtums und absichtlicher Täuschung (Art. 24 und 28 Obligationenrecht OR) anfechten werde und der fragliche Vertrag deshalb unverbindlich sei.

Rechtsvorschlag erheben

Tagesanzeiger.ch/Newsnet liegt die Tonaufzeichnung des angeblichen Vertragsabschlusses zwischen Tiefenau und Branchen Pro vor. Das Vorgespräch, bei dem Tiefenau glauben gemacht wurde, dass sie ein bereits bestehendes Abo verlängere, fehlt hingegen. Beim Seco heisst es, dass man auch andere Fälle kenne, wo ebenfalls ein Gesprächsausschnitt als angeblicher Beweis für einen behaupteten Vertrag angeführt wurde. «In der Regel zeigt der Gesprächsausschnitt jedoch ein verzerrtes Bild. Hört man das gesamte Verkaufsgespräch, wird meist schnell klar, dass die angerufene Person keineswegs einen solchen Vertrag abschliessen wollte respektive bezüglich des Sachverhalts irregeführt wurde», erklärt man beim Seco weiter. Falls das Unternehmen trotzdem eine Betreibung einleite, solle der Betroffene unbedingt innert 10 Tagen Rechtsvorschlag erheben. «Dann obliegt es dem Betreiber, seine Forderung vor Gericht zu belegen», so das Seco.

Eine Mahnung traf bei Frau Tiefenau prompt ein, drei Tage nach Verstreichen der 14-tägigen Zahlungsfrist und mit einer Mahngebühr von 10 Franken. Knapp einen Monat später traf eine zweite Mahnung ein. Beide Mahnungen wurden in Deutschland aufgegeben. Auch ein E-Mail wurde von der deutschen Branchen-Pro-Adresse versandt. Tiefenau bezahlte nichts. Nach Ablauf der Zahlungsfrist der einzelnen Mahnungen erhielt sie jeweils einen Anruf. Sie wiederholte, dass sie nicht zahlen werde, während die Anrufenden sagten, dass man sie am Ende betreiben werde.

Firma weiterhin operativ

Mittlerweile hört sie nichts mehr vom Unternehmen. Bis zum 22. März dieses Jahres war ein Axel Bernhard Bott als verantwort­liches Einzelmitglied des Verwaltungsrats von Rocket Concept im Handels­register eingetragen. Auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet erklärte dieser, dass er zum Zeitpunkt seines Austritts und auch danach nicht über solche Vorkommnisse informiert gewesen sei und auch nicht wisse, wer seine Nachfolge angetreten habe.

Die Firma ist weiterhin operativ, wie ein Anruf an die Schweizer Nummer zeigt, bei dem sich der Autor nicht als Journalist zu erkennen gab. Es gelang, zu erfahren, dass der Fall Nadine Tie­fenau jetzt angeblich bei einer Inkassofirma liege und dass ein Herr Axel Bernhard Bott nicht bekannt sei. Wer für das Unternehmen verantwortlich ist, wolle man nicht sagen, man empfinde diese Fragen als eigenartig, und das Gespräch sei deshalb beendet, erklärte die Person am anderen Ende der Leitung in barschem Ton – und legte grusslos auf. Tagesanzeiger.ch/Newsnet schrieb das Unternehmen per E-Mail an und lud es zur Stellungnahme ein. Eine Antwort gab es nicht.

Nadine Tiefenau würde heute sicher nicht mehr in dieselbe Falle tappen. «Ich habe meine Lektion gelernt. Wichtig ist mir jetzt, dass andere von meiner schlechten Erfahrung profitieren können und nicht Opfer solcher Adressbuchschwindler werden», sagt die Unternehmerin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2017, 23:05 Uhr

Seriös oder unseriös?

Prüfen lohnt sich

Die zur Swisscom gehörende Localsearch,
die Local.ch betreibt, empfiehlt, folgende Punkte in den Schreiben zu Verzeichnis­einträgen genau zu prüfen:


  • Der Branchenverzeichnisanbieter muss mit Firmenname, Adresse und Telefonnummer aufgeführt sein. Bei dubiosen Anbietern fehlen diese oft.


  • Im Schreiben sollten Informationen zu einer Kontaktperson angegeben sein.


  • Ist eine Internetadresse vorhanden, soll die Website des Anbieters geprüft werden. Ist das Unternehmen nicht bekannt, könnte es sich um ein unseriöses Angebot handeln.


  • Unbedingt auf das Kleingedruckte achten. Hier entpuppt sich in der Regel das fragwürdige Angebot. Dieses ist absichtlich versteckt und oft irreführend beschrieben. Oft fehlen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen.


  • Unaufgeforderte Faxangebote sind suspekt. Sie drängen zu raschem Handeln oder beziehen sich auf ein angebliches Gespräch, das nie stattgefunden hat.


  • Verträge für Verzeichniseinträge müssen laut Gesetz folgende Kriterien erfüllen: die Entgeltlichkeit und den privaten Charakter des Angebots; die Laufzeit des Vertrags; den Gesamtpreis entsprechend der Laufzeit; die geografische Verbreitung, Form, Mindestauflage und den spätesten Zeitpunktder Publikation. (TA)

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