Interne SBB-Weisung: Wagen mit defekten Türen bleiben im Einsatz

Die SBB lassen Züge auch mit Schäden an «sicherheitsrelevanten Komponenten» weiter fahren. Das hätte auch für den Unfallzug von Baden gegolten.

Die SBB haben bezüglich Rollmaterial keinerlei Reserven: Wagen im Reparaturcenter in Zürich-Altstetten. Foto: Ennio Leanza, Keystone

Die SBB haben bezüglich Rollmaterial keinerlei Reserven: Wagen im Reparaturcenter in Zürich-Altstetten. Foto: Ennio Leanza, Keystone

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Auf der geschlossenen Zugtüre klebt ein Zettel: Sie ist defekt, Passagiere müssen woanders einsteigen. Etwas, das immer wieder passiert bei den SBB. Nun ist es aber möglich, dass die Türe länger kaputt unterwegs sein kann. Seit kurzem ist SBB-intern eine neue Weisung in Kraft. Diese besagt: «In begründeten Fällen dürfen auch Fahrzeuge mit Schäden» aus der Instandhaltung dem Betrieb übergeben werden.

Dabei sind aber nicht etwa nur defekte Toiletten, Sitzpolster oder Steckdosen gemeint. Solche Schäden sind zwar ärgerlich für die Passagiere, aber nicht gefährdend. Das Brisante daran ist, dass die Weisung ausdrücklich Schäden «an sicherheitsrelevanten Komponenten» betrifft.

Was die neue Regelung konkret bedeuten kann, zeigt der Fall des Wagens beim kürzlich verunglückten Zugbegleiters: Laut der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle hat eine Türe nicht richtig funktioniert. Der Einklemmschutz war gemäss der ersten Untersuchung defekt. Die Türe hat sich also nicht wieder geöffnet, als sie auf einen Widerstand gestossen ist. Der Zugbegleiter wurde vom Zug mitgeschleift und starb. Der Wagen mit der defekten Türe würde gemäss der neuen Weisung im Betrieb bleiben.

Dies zeigt eine Ergänzung zur internen Weisung. Dort heisst es: «Wäre der Defekt des Einklemmschutzes bereits bei der letzten Kontrolle des Wagens am 31. Juli bestanden (was nicht der Fall war), hätte der Wagen gemäss dieser Weisung mit verschlossener und ‹bezettelter› Tür in Betrieb genommen werden dürfen.»

«Gängige Praxis»

Die Regelung dürfte intern den Konflikt zwischen Mitarbeitenden und der Führung anheizen. Denn sie kommt zu einem äusserst unglücklichen Zeitpunkt. Zugbegleiterinnen und Zug­begleiter zeigten sich empört darüber, dass trotz Hinweisen zu wenig gut hingeschaut werde bei den Türen des sogenannten Einheitswagens IV. Der tödliche Unfall passierte in einem solchen Wagen.

Ein Zug fährt entlang des Zürichsees: Solche sogenannten Einheitswagen IV stehen in der Kritik. Foto: Gian Vaitl, SBB

Die SBB beteuern auf Anfrage: «Das besagte Vorgehen ist nur erlaubt, wenn der Mangel dank anderweitiger Vorkehrungen nicht sicherheitsrelevant wird.» Und sie führt zwei Beispiele an: Ein Zug mit defekter Neigetechnik könne gemäss Vorschriften trotzdem sicher verkehren, wenn die Geschwindigkeit reduziert werde. Und wenn eine Fensterscheibe einen Sprung hat, kann die Scheibe mit einer Folie abgeklebt werden, und der Zug darf dann mit reduzierter Geschwindigkeit fahren. Zudem sei in den Arbeitsanweisungen für die betroffenen Mitarbeitenden klar und abschliessend festgehalten, worauf sie achten müssen.

Und: Das Vorgehen sei gängige Praxis. Zu kurz sei die Zeit jeweils bei einem sogenannt kleinen Unterhalt dafür, den Mangel zu beseitigen. Mit der neuen Weisung haben die SBB diesen Umstand nun offizialisiert. Die Regelung zeigt aber auch: Die SBB haben bezüglich Rollmaterial keinerlei Reserven. Und die Personalsituation in den Werkstätten ist bekanntlich angespannt.

Der Aufsicht, dem Bundesamt für Verkehr, sei die Weisung bekannt und wird geduldet. Das Bundesamt sagt jedoch, dass es bei solchen Fällen in der Schnittstelle zwischen Instandhaltung und Betrieb «Optimierungsbedarf» gebe. Das habe letztes Jahr ein Audit ergeben. «Das BAV wird diese Mängel gegenüber den SBB auch im Jahr 2019 ansprechen.» Die nächsten Gespräche finden im September statt.

Türe bleibt zu

Vergangene Woche haben Recherchen dieser Zeitung aufgezeigt, dass nicht das erste Mal Probleme mit dem Einklemmschutz bei den Einheitswagen IV aufgetaucht sind. Mindestens zweimal seit 2017 werden in einer Datenbank des Bundes Störungen bei diesem Wagentyp vermerkt. Für die SBB sind die Vorfälle «bei gegen 200 Millionen Türschliessungen pro Jahr allein bei den Einheitswagen IV Einzelfälle».

Das System, das bei den Zügen die Sicherheit gewährleisten soll, ist seit Jahren im Einsatz. Und es ist, anders als bei modernen Zügen, keine Hightechinstallation. Dass der Einklemmschutz nicht in jedem Fall funktioniert, zeigt ein Video, welches in Bähnlerkreisen verbreitet wird. Ein Mann, offensichtlich in SBB-Kleidung, hält seinen Arm in die Türe eines Einheitswagens IV. Diese schliesst und bleibt zu, der Arm ist eingeklemmt. Der Einklemmschutz schlägt also nicht an, wie er sollte.

Voraussichtlich am Mittwoch wollen die SBB darüber informieren, wie nach dem Tod des Zugbegleiters die Sicherheit verbessert werden soll.

Erstellt: 12.08.2019, 21:59 Uhr

Unfallberichte sollen geheim bleiben

Die Unfallprotokolle der SBB zeigen, dass der Einklemmschutz bei den Wagen schon vor dem tragischen Unglück mehrfach versagt hatten, bei dem am Wochenende ein Zugbegleiter tödlich verunfallte. Der 54-jährige Mann war in einer Tür eingeklemmt und anschliessend kilometerweit mitgeschleift worden.

Diese und andere Nachrichten zur Sicherheit in den Zügen sollen eigentlich nicht öffentlich werden. So zumindest sehen es Bundesrat und Parlament. Letzteres schrieb vor knapp einem Jahr ins Eisenbahngesetz, dass das Öffentlichkeitsgesetz mit dem solche Informationen zugänglich gemacht werden, nicht für «Audits, Betriebskontrollen und Inspektionen» des Bundesamtes für Verkehr gelte. Insbesondere der Zugang zur Ereignisdatenbank sollte damit verhindert werden. Der Vorschlag war von Bundesrätin Doris Leuthard in die Bahninfrastrukturvorlage eingebaut worden, bei der es eigentlich um ganz andere Dinge ging.

Die Begründung aus der Botschaft von Ende 2016 lässt aufhorchen: Es gehe darum sicherzustellen, dass das Bundesamt für Verkehr von den beaufsichtigten Unternehmen weiterhin die sicherheitsrelevanten Informationen erhalte, die es benötige, um die Sicherheit im öffentlichen Verkehr aufrechtzuerhalten. Das BAV ist die Aufsicht über die SBB und andere konzessionierten Bahnunternehmen.

Es befürchtete also, nicht mehr alle Vorkommnisse gemeldet zu bekommen, wenn solche Berichte auf Anfrage der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden müssen. Dies, obwohl das Öffentlichkeitsgesetz den Schutz von Personen gewährleistet, also zum Beispiel Namen ­geschwärzt werden. Genau darauf hatte der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte bereits in der Ämterkonsultation hingewiesen. Auch das Bundesgericht hatte 2017 festgehalten, dass das Öffentlichkeitsprinzip der Aufsichtstätigkeit des BAV nicht entgegen stehe. Im Parlament regte sich trotzdem nur wenig Widerstand gegen das Ansinnen. Die vorberatenden Kommissionen der beiden Räte waren zwar anderer Meinung als der Bundesrat. In den Räten selber obsiegte aber die Haltung des Bundesrates. Es sei dem Schutz der Personendaten dem Persönlichkeitsschutz das höhere Gewicht beizumessen als dem Interesse der Öffentlichkeit auf Einblick in die Dokumente. Das Bundesamt für Verkehr kann nun zwar selber Berichte über die Sicherheit der SBB und anderer Verkehrsbetriebe veröffentlichen, die Originalberichte bleiben jedoch unter Verschluss.

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