Sein schneller Finger ist nicht Gold wert

Man könnte meinen, Donald Trumps Mitteilungssucht komme Twitter zugute. Doch der Kurznachrichtendienst kann das Trump-Spektakel nicht in Geld umsetzen. Warum?

Dieser Status ist schon nicht mehr aktuell: Donald Trump hat mittlerweile mehr als 20 Millionen Follower.

Dieser Status ist schon nicht mehr aktuell: Donald Trump hat mittlerweile mehr als 20 Millionen Follower. Bild: Patrick Pleul/Keystone

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Eigentlich müsste Donald Trump für Twitter Gold wert sein. Der künftige Präsident hat der Plattform eine weltweite Aufmerksamkeit verschafft und hält Politiker, Unternehmer und Bürger auf Trab. Soeben leistete sich Trump auch einen Schnitzer, als er eine falsche Ivanka für seine Tochter hielt und sie überschwänglich lobte. Doch Twitter-Chef Jack Dorsey kann das Trump-Spektakel nicht in Umsatz und Gewinn umsetzen. Im Gegenteil, das Kernproblem des Unternehmens – die passive Rolle der meisten Nutzer – wird durch Trump noch verstärkt. Sie ergötzen sich zwar am Selbstdarsteller Trump, liefern aber selber keine Tweets und geben zu wenig von sich preis, als dass sie für Werbung attraktiv würden.

Der Dauerwahlkampf seit dem Sommer 2015 hat die Bekanntheit von Twitter zwar erhöht, aber hat den 140-Zeichen-Dienst auch in eine Ecke gedrängt, die ihn bremst, wenn nicht gar ihm schadet. Die «oft feindselige und anonyme Plattform» zusammen mit einem Mangel an einer klaren Strategie belaste Twitter, meinen die Analysten des Finanzmagazins Barron’s.

Das Problem ist, dass Twitter rassistische Sprüche und Aufrufe schon vor Trump lange tolerierte, ohne einzuschreiten.

Für sie ist Jack Dorsey der Schuldige. Er hat bereits versucht, Twitter zu verkaufen, doch sahen Disney und Google zu grosse Risiken und winkten ab. Deshalb ist Dorsey weiterhin gezwungen, neben Twitter auch noch den Online-Bezahldienst Square zu führen. Nicht zum Vorteil der beiden Firmen. Twitter hat seit dem Börsengang mehr als 60 Prozent des Unternehmenswerts eingebüsst; und Square hält sich nur ganz knapp auf dem Kurs des Börsengangs. Obwohl Dorsey einen Streaming-Videodienst eingerichtet hat und Spiele der Football-Profiliga NFL ausstrahlt, verliert er im wichtigen Heimmarkt USA ständig Boden. Im letzten Berichtsquartal vom Herbst 2016 sank die Zahl der Nutzer erneut und sogar beschleunigt um fünf Prozent.

Einblick in @realDonaldTrump

Der «Trump-Bump», der zum Beispiel der «New York Times» und der «Washington Post» markant mehr zahlende Leser gebracht hatte, ging an Twitter vorbei. Aus dem zwei- bis dreistelligen Nutzerzuwachs wurde während des Trump-Wahlkampfs ein Nullwachstum. Twitter ist heute nur knapp profitabel, wenn die äusserst grosszügigen Bonuszahlungen einberechnet werden, die Dorsey leistet. Bei Twitter winken im Branchenvergleich die höchsten Boni, aber das genügt offenbar nicht, das Management beisammenzuhalten. Dorsey musste in den letzten Monaten ein halbes Dutzend Topkader ziehen lassen, unter ihnen der Chef des operativen Geschäfts, der Technologiechef sowie die für China zuständige Managerin.

Vorderhand nicht sorgen muss sich Dorsey nur um den fleissigsten Nutzer. Trump hat 20,2 Millionen Followers, 5 Millionen mehr als vor der Wahl. Er setzt jeden Tag bis zu ein Dutzend Tweets ab und hält Politiker, Manager, Medien und Bürger in einem Zustand der gespannten Vorfreude oder Besorgnis, je nach Standpunkt. Nichts scheint Trump zu schaden.

Trump wettert gegen Meryl Streep: Der designierte US-Präsident Donald Trump hat auf Twitter auf eine Rede von US-Schauspielerin Meryl Streep reagiert.

Einer seiner übelsten, rassistischen Tweets war diese Woche gegen den demokratischen Abgeordneten John Lewis gerichtet, einen der mutigen Bürgerrechtler der ersten Stunde. Statt sich zu besinnen, doppelte Trump gestern nach und bezichtigte Lewis der Lüge. Der fragile Charakter des Egomanen wurde sichtbarer denn je.

Bei Ivanka Majic geriet Trump jedoch an die Falsche: Die Frau aus dem englischen Brighton war über Nacht Opfer eines Trump-Tweets geworden, als dieser sie mit seiner Tochter Ivanka verwechselte und sie als «eine grosse Frau mit echtem Charakter und Klasse» lobte. Das Trump-Lob führte zu einer scharfen Replik: «Sie sind ein Mann von grosser Verantwortung», tweetete Majic zurück. «Darf ich um mehr Sorgfalt auf Twitter bitten und darum, etwas über den Klimawandel zu lernen.»

Dorsey könnte versucht sein, die Beleidigungen von Trump zu zensurieren oder das Konto zu sperren. Das Problem ist nur, dass Twitter rassistische Sprüche und Aufrufe schon vor Trump lange tolerierte, ohne einzuschreiten. Erst im letzten Sommer sperrte es den Provokateur und Hetzer Milo Yiannopolous, Mitarbeiter der ultrarechten «Breitbart News». Daneben aber lässt Twitter den Nutzern weit mehr Freiheit als Facebook oder Google. Nichts aber wäre kontraproduktiver, als nun gegen @realDonaldTrump durchzugreifen, macht Ben Wizner von der American Civil Liberties Union geltend. «Von seinem Auftritt in diesem ungefilterten Medium lernen wir sehr viel über Trump. Davon profitiert unser demokratischer Diskurs mehr, als wenn seine Einflüsterer ihn zügeln würden.»

Erstellt: 18.01.2017, 08:39 Uhr

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