Trump in Davos löst Unbehagen aus

Die WEF-Organisatoren halten Distanz zu Donald Trump. Trotzdem wird der US-Präsident am WEF die Schlussrede halten.

Treffen sich am WEF wieder: Die britische Premierministerin May, der französische Präsident Macron und US-Präsident Trump. Foto: Stephane De Sakutin (Reuters)

Treffen sich am WEF wieder: Die britische Premierministerin May, der französische Präsident Macron und US-Präsident Trump. Foto: Stephane De Sakutin (Reuters)

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«Leadership» war im Umfeld von WEF-Präsident Klaus Schwab stets ein Lieblingswort. Von Leadership konnte das World Economic Forum in den letzten Jahren nie genug bekommen. Nun reist mit Donald Trump kommende Woche der amtierende US-Präsident nach Davos. Ein Leader, der sich selbst für ein Genie hält. Den WEF-Organisatoren ist Trumps Erscheinen nicht geheuer. In diesen Worten sagte das an der gestrigen Medienkonferenz am WEF-Headquarter in Genf natürlich niemand. Doch die ­Zurückhaltung war spürbar. Das Schweigen auf die Frage, ob der von den WEF-Verantwortlichen auch gestern beschworene «Geist von Davos» und Trump zusammenpassten, war fast ohrenbetäubend. Die WEF-Führung fürchtet wohl, Trump könnte die WEF-Bühne für eine seiner ungezügelten Selbst­inszenierungen nutzen und Seitenhiebe in alle Richtungen verteilen.

Klaus Schwab erinnerte gleich mehrmals an den Auftritt und die historische Rede des chinesischen Präsidenten Xi Jinping im letzten Jahr. Ein deutliches Zeichen nach Washington. Was Schwab nicht wusste: Im Moment, als er Jinpings Bekenntnis zur wirtschaftlichen Öffnung Chinas würdigte, warb Trump auf Twitter für den Bau der Grenzmauer nach Mexiko.

Das Thema Trump versuchte auch Borge Brende, ehemaliger norwegischer Aussenminister und geschäftsführender Direktor des WEF, zu umgehen. Borge bewies diplomatische Wendigkeit. Man empfange in Davos 70 Staatsoberhäupter, alleine 10 reisten aus Afrika an: «Es wäre unfair, all die anderen Staatenvertreter zu ignorieren», so Brende. Einen Kontrapunkt zu Trump setzte der Norweger mit der Bemerkung, nebst dem US-Präsidenten als Vertreter der grössten Volkswirtschaft habe man auch den indischen Premierminister als Vertreter der grössten Demokratie in Davos. Modi hält am Dienstag die Eröffnungs-, Trump am Freitag die Schlussrede.

Geopolitische Krisen

Die Präsenz des US-Präsidenten dürfte den einen oder anderen Staatschef in den letzten Tagen dazu bewogen haben, nach Davos zu reisen. Doch das WEF wird auch für andere Zwecke als die Pflege bilateraler Wirtschaftsbeziehungen genutzt. Der kanadische Premier Justin Trudeau hält ­Vorbereitungstreffen für den kommenden G-7-Gipfel ab. Der argentinische Premier Mauricio Macri bereitet seinerseits den G-20-Gipfel vor, den er in diesem Jahr organisiert. Wegen der geopolitischen Krisen um Nord­korea und Venezuela werden multilaterale Treffen stattfinden. Etwas über­raschend finden sich auf der Gästeliste aber weder Vertreter aus Nordkorea noch Venezuela.


Wie empfängt man eigentlich einen US-Präsidenten? Der Davos-Profi gibt Auskunft

«Ein Hotelier hat ein persönliche Meinung, aber ich würde ihm sicher nichts Belehrendes sagen»: Ernst Wyrsch hat im Jahr 2000 Bill Clinton im Davoser Belvedere Willkommen geheissen. (Video: Nicolas Fäs)


Auffallend ist die Dichte von europäischen Staatschefs. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der italienische Premierminister Paolo Gentiloni, die britische Premierministerin Theresa May und der griechische Regierungschef Alexis Tsipras treten in Davos an Veranstaltungen auf, ebenso EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Die Schweiz ist mit Bundespräsident Alain Berset sowie den Bundesräten Ignazio Cassis, Doris Leuthard, Ueli Maurer und Johann Schneider-Ammann vertreten. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bleibt dem Anlass fern, wohl aus innenpolitischen Gründen. Aus Nahost reist Israels Premierminister Benjamin Ne­tan­­yahu nach Davos, wo er auf den iranischen Aussenminister Jawad Sarif und den irakischen Premier Haider al-Abadi trifft. Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds, analysiert die Weltwirtschaft. Staffan de Mistura, der UNO-Gesandte für Syrien, spricht über seine Friedensmission im Bürgerkriegsland.

Über 400 Veranstaltungen zählt das WEF in diesem Jahr. Als Thema hat WEF-Gründer Schwab «Schaffen einer gemeinsamen Zukunft in einer zerrütteten Welt» ausgegeben. Die Weltwirtschaft habe sich von der Finanzkrise vor zehn Jahren erholt, befinde sich nun aber in einer sozialen Krise. Wirtschaftliches Wachstum dürfe nicht dazu führen, dass Menschen ausgegrenzt und lediglich kurzfristige Erfolge angestrebt würden, so Schwab. Wer denke, diese Krise alleine meistern zu können, irre. Staaten und Wirtschaft müssten dies gemeinsam tun. Ohne Kollaboration gehe nichts. «Es liegt in unseren Händen, den Zustand der Welt zu verbessern, und dafür steht das WEF», schloss Schwab.

Trump und die Davos-Doktrin

Die Frage an den WEF-Gründer, ob mit Trumps nationalistischer Wirtschaftspolitik die Davos-Doktrin einer konsequent globalisierten Weltwirtschaft vom Tisch sei, blieb unbeantwortet. «Es ist entscheidend, dass wir Trump bei uns haben», sagte Schwab lediglich.

Geschäftsführer Borge Brende, der die Friedensverhandlungen zwischen der Farc-Guerilla und der kolumbianischen Regierung als Mediator vorangetrieben und zum Abschluss gebracht hat, erinnerte: «Wo es Konflikte gibt, fehlt es an wirtschaftlicher Entwicklung.» Kolumbien erlebt seit dem Friedensschluss einen veritablen Wirtschaftsboom. Auch dank am letztjährigen WEF getätigter Deals wird derzeit kräftig in die Elektrifizierung des Landes investiert. Borge Brende hat den kolumbianischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos kommende Woche nach Davos eingeladen. Santos’ Erfahrungen sollen die Vertreter Indiens und Pakistans animieren, die zwischen den Ländern seit Jahrzehnten schwelenden Konflikte anzugehen. Delegationen Indiens und Pakistans ­haben in Davos Gespräche vereinbart.


«Trump wird den Spirit von Davos mitnehmen»

WEF-Geschäftsleitungsmitglied Alois Zwinggi ist überzeugt, dass Donald Trump sich dem Geist der Alpenstadt nicht verschliessen können wird. (Video: SDA-Keystone)


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2018, 23:33 Uhr

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Zürcher Anti-WEF-Demo

Juso beteiligen sich an «Trump Not Welcome»

Die Jungsozialisten wollen sich offiziell an der von der Bewegung für den Sozialismus angekündigten Anti-WEF-Demonstration in Zürich beteiligen. Gestern erteilte das städtische Sicherheitsdepartement die Bewilligung für die Demo unter dem Motto «Trump Not Welcome», die zur Eröffnung des World Economic Forum am kommenden Dienstagabend starten soll. Auch die Zürcher Kommunisten, die Partei der Arbeit und der Revolutionäre Aufbau mobilisieren.

Die Juso Schweiz engagieren sich auch organisatorisch an der Demo. «Wir hoffen auf eine friedliche, aber grosse Demo», sagt Präsidentin Tamara Funiciello. Der Besuch von US-Präsident Donald Trump sei der Zünder der Proteste, aber nicht der Hauptkritikpunkt. «Wir wollen gegen das undemokratische WEF auf die Strasse.» Die Juso Schweiz hätten zudem ein Gesuch für eine Demonstration am 25. Januar in Davos eingereicht, wenn der Besuch von Donald Trump erwartet wird. «Ich fände es sehr problematisch, wenn die Behörden eine Demonstration am Ort des Geschehens untersagen würden», sagt Funiciello. Die Organisation Campax erhielt vom Flughafen Zürich und der Stadt Kloten keine Bewilligung für eine Empfangsdemonstration bei Trumps Anreise.

Bei einer Anti-WEF-Demonstration vergangenen Samstag in Bern, zu welcher der Revolutionäre Aufbau aufgerufen hatte, liefen zwischen 1000 und 1500 Demonstranten friedlich durch die Stadt. Gegen Ende der Demonstration wurde die Parole «Kill Trump» skandiert. «Ich finde das nicht zielführend», sagt Funiciello. Es bringt uns nichts und lenkt von der eigentlichen Problematik ab.» (rar)

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