Uber will wie Amazon sein – doch der Vergleich hinkt

«Autos sind für uns, was Bücher für Amazon waren», sagt der Uber-Chef fünf Tage vor Börsengang. Wenn da nur nicht die vielen Baustellen wären.

«Uber raus»: Ein Taxifahrer protestiert in Sao Paulo, Brasilien gegen den Fahrdienst. (Archivbild)

«Uber raus»: Ein Taxifahrer protestiert in Sao Paulo, Brasilien gegen den Fahrdienst. (Archivbild) Bild: Andre Penner, AP Photo/Keystone

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Jeff Bezos brauchte 14 Jahre, bis er Amazon nach dem Börsengang über die Gewinnschwelle gebracht hatte. Amazon wurde zu einem der drei höchstbewerteten Techkonzerne und machte viele Anleger reich.

Das sind Perspektiven, von denen Uber träumt: «Autos sind für uns, was Bücher für Amazon waren», sagt Uber-Chef Dara Khosrowshahi vor dem Börsengang vom kommenden Freitag. Der Fahrtenvermittler peilt eine Bewertung von 80 bis 90 Milliarden Dollar an. Es ist die grösste Publikumsöffnung eines Unternehmens in den USA, seit Facebook 2012 für 104 Milliarden und Alibaba zwei Jahre später für 167 Milliarden Dollar Kapital an der Börse beschafften.

Experte schraubt Erwartungen nach unten

Doch Uber plant einen Börsenstart mit angezogenen Bremsen. Nachdem Erzrivale Lyft seit seinem Börsengang vor einem Monat rund 20 Prozent eingebüsst hat, schraubte der grösste Fahrtenvermittler der Welt die Erwartungen auf 80 bis 90 Millionen Dollar nach unten. Von der bis vor kurzem herumgebotenen Bewertung von 120 Milliarden Dollar ist keine Rede mehr.

Selbst das sei noch zu hoch, sagt Aswath Damodaran, Ökonom der angesehenen Stern-Wirtschaftsschule der Universität New York. Damodaran kommt zum Schluss, dass Uber zwischen 58,6 und 61,7 Milliarden Dollar wert ist. Er prophezeite schon für Lyft einen tieferen Wert und setzte die Aktie auf 59 Dollar an, also 20 Prozent tiefer als beim Börsengang – und tatsächlich sind die Papiere fast exakt so tief gefallen. Damodaran rät zur Vorsicht: «Ich glaube, die Märkte sind manisch-depressiv. Wenn sie deprimiert sind, kaufe ich, wenn sie manisch sind, verkaufe ich.»

Einen Flop kann sich Uber nicht leisten. Investoren haben mehr als 20 Milliarden Dollar in das Unternehmen gepumpt. Sie wollen sicherstellen, dass sich ihr Engagement auszahlt, und werben denn auch kräftig für den Börsengang. So erklärt der Finanzchef des saudischen Regierungsfonds, der vier Prozent des Uber-Kapitals besitzt, in TV-Auftritten die Überlegenheit von Uber im Vergleich zu Lyft. Auch haben Banken durchsickern lassen, dass die Nachfrage nach den Uber-Aktien das Angebot bereits um das Doppelte übertroffen habe, Investoren also jetzt zugreifen sollten.

«Es handelt sich um ein völlig unterschätztes Problem. Die Zahl der Übergriffe steigt, während wir noch zählen»Uber-Chefjurist Tony West über sexuelle Attacken von Uber-Fahrern auf Frauen

Doch das stärkste Argument, glaubt Uber-Chef Khosrowshahi, ist der Vergleich mit Amazon. «Wie Amazon auf der Basis von Büchern eine aussergewöhnliche Infrastruktur bauen und anderen Märkte erschliessen konnte, so wird das auch Uber tun.» Der Vergleich ist gemäss Shawn Carolan von Menlo Ventures, einem frühen Uber-Investor, berechtigt. «Die Nachfrage im Transportmarkt wird so gross sein, dass Uber über das Grundangebot der Fahrtenvermittlung in andere Märkte expandieren kann». Positiv zu sehen sei auch, dass Jeff Bezos persönlich 37 Millionen in Uber investiert habe und seine Investition nach dem Börsengang 400 Millionen wert sein dürfte.

Raum für Wachstum ist durchaus vorhanden, wie Berechnungen der Credit Suisse zeigen. Die Ausgaben für den individuellen Verkehr in den USA (Autos, Busse, Taxis) liegen bei rund 1260 Milliarden Dollar pro Jahr. 744 Milliarden entfallen auf das Zielpublikum der urbanen Bevölkerung, doch davon haben Uber und Lyft erst knapp vier Prozent abgezweigt. Mit dem Börsengang will Uber rund zehn Milliarden Dollar beschaffen, welche die Expansion in neue Märkte – den Hauslieferdienst von Restaurants, die Velo- und Scooter-Vermietung und die Lastwagen-Spedition in den USA und Europa – beschleunigen sollen.

Der Vergleich ist indessen auch tief irreführend. Amazon erlebte in der Firmengeschichte nur zwei Quartale mit einem Umsatzwachstum von weniger als 20 Prozent und wies fast von Anfang an einen positiven Cashflow aus. Uber dagegen erlebt bereits ein sinkendes Umsatzwachstum, schreibt rapid steigende Verluste und bewegt sich zudem in einem stark gesättigten Markt. Mehr und mehr Firmen wollen alles umfassende Dienstleister im Verkehrsmarkt der Zukunft sein. Amazon erfand sich neu, indem das Geschäft mit der Internet-Cloud forciert wurde und zur grössten Gewinnmaschine gemacht wurde. Eine ähnliche Diversifikation für Uber ist nicht zu sehen.

Gravierend ist dafür Ubers Imageproblem. Amazon hatte nie Führungsprobleme und erlebte keine Sex- und Diskriminierungsskandale wie Uber, das diese Krisen noch nicht ausgestanden hat. Chefjurist Tony West gestand kürzlich, dass er nach einer mehr als 16 Monaten dauernden Untersuchung zu den sexuellen Attacken von Uber-Fahrern auf Frauen keine Entwarnung geben könne. «Es handelt sich um ein völlig unterschätztes Problem. Die Zahl der Übergriffe steigt, während wir noch zählen.» Die Aufgabe ist schwierig und kostspielig: Uber muss Fahrer in 64 Ländern mit unterschiedlichen Kulturen und Sitten für Trainingskurse aufbieten.

Ein positiver Börsengang ist allerdings keine Garantie, dass das Unternehmen die erreichte Bewertung halten kann. Fast die Hälfte der bekannten Tech-Unternehmen, die in den letzten Jahren an die Börse gingen, mussten noch nie eine Rezession überstehen. Sie profitierten von aussergewöhnlich günstigen Zinsen und vom zweitlängsten Börsenboom aller Zeiten. Wenn sich Uber mit Amazon vergleicht, sollte auch bedacht werden, dass Bezos’ Unternehmen zwei Börsencrashs standgehalten hat. Das mag erklären, warum Uber mit aller Macht noch diesen Frühling an die Börse gehen wollte. Günstiger als jetzt dürfte es nicht mehr werden.

Erstellt: 06.05.2019, 17:38 Uhr

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