UBS-Präsident warnt vor Flächenbrand in Europa

Die neue Eurokrise werde Jahre dauern und könne sich ausweiten, sagt Axel Weber. Mit Folgen für die Schweiz.

UBS-Präsident Axel Weber beim Swiss International Finance Forum im Juni 2016 in Bern. Foto: Michèle Limina (Bloomberg, Getty Images)

UBS-Präsident Axel Weber beim Swiss International Finance Forum im Juni 2016 in Bern. Foto: Michèle Limina (Bloomberg, Getty Images)

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Italien versinkt im Politchaos – und löst damit Turbulenzen an den Finanzmärkten und Angst vor einer erneuten Eurokrise aus. UBS-Verwaltungsratspräsident Axel Weber teilt diese Angst. Er befürchtet eine lang anhaltende wirtschaftliche und politische Krise auf dem europäischen Kontinent. «Europa wird über längere Zeit mit sich selbst beschäftigt sein», sagte Weber gestern an einer Veranstaltung in Zürich, zu der die Vereinigung Schweizerischer Unternehmen in Deutschland geladen hatte.

Weber hält es für möglich, dass die neue Eurokrise mindestens ein halbes Jahrzehnt dauern wird. «In fünf Jahren», so der UBS-Präsident, «wird es ein Erfolg gewesen sein, wenn Europa noch gleich stark integriert ist wie heute und das gleich hohe Wirtschaftswachstum aufweisen kann wie heute.»

Ausgelöst wurde die jüngste Krise durch das Scheitern der geplanten Regierungskoalition der Protestpartei Fünfsternbewegung und der rechtsnationalen Lega. Nach den Kurseinbrüchen am italienischen Anleihen- und Aktienmarkt vom Dienstag setzte gestern wenigstens eine sanfte Gegenbewegung ein. Auch der Euro konnte seine vorausgegangenen Verluste eindämmen: Gestern um 18 Uhr stand die Gemeinschaftswährung bei 1.1548 Franken, was einem Tagesgewinn von 0,7 Prozent entsprach.

Drohende Ansteckungsgefahr

Für die leichte Stimmungsaufhellung an den Märkten sorgten Berichte, wonach die zwei besagten Parteien einen neuen Anlauf nehmen wollen, um doch noch eine Regierung zu bilden. Gelänge dies, könnten Neuwahlen verhindert werden – und damit eine womöglich noch stärkere Vertretung eurokritischer Kräfte im italienischen Parlament. Vor allem die Aussicht auf einen Wahlkampf, bei dem sich alles um das Für und Wider des Euros drehen würde, hatte am Dienstag an den Börsen für Panik gesorgt.

Italien ist in besonderem Mass auf das Vertrauen der Märkte angewiesen. Wirtschaftlich liegt das Land weltweit auf Platz 8, ist aber zum drittgrössten Schuldner aufgestiegen, wie Weber bemerkte. Nur die ungleich grösseren und wirtschaftlich potenteren USA und Japan haben noch mehr Schulden angehäuft. Italien befindet sich zudem seit Jahren in einer Wachstumsflaute und hat eine der tiefsten Geburtenraten in Europa. All dies ist Gift für die Eurozone, denn Italien ist nach Deutschland und Frankreich das wirtschaftlich wichtigste Land der EU.

Axel Weber befürchtet, dass die von Rom ausgehende neue Eurokrise andere Mitgliedsländer erfassen werde. «Es besteht eine Ansteckungsgefahr für Griechenland, aber auch Spanien und Portugal», sagte er. Der Grund: Diese Länder leiden trotz aller Bemühungen immer noch unter hohen Schuldenlasten. Webers Einschätzung hat Gewicht, da er ein intimer Kenner der Vorgänge innerhalb der Europäischen Währungsunion ist. Vor seinem Wechsel zur UBS war er von 2004 bis 2011 Präsident der Deutschen Bundesbank und damit eine Schlüsselfigur während der Eurokrise.

Damals drohte die Gefahr, dass der Euroraum auseinanderbrechen könnte. Dieses Risiko sieht Weber derzeit nicht. «Ich glaube nicht, dass Italien eine ernsthafte Bedrohung für den Euro und die EU ist», sagte er. Denn populistische Parteien würden sich, sobald sie Regierungsverantwortung übernehmen, üblicherweise gemässigter verhalten, als es ihre radikalen Wahlversprechen befürchten lassen. Der UBS-Präsident führte noch einen zweiten Grund an, wieso er keinen Austritt Italiens aus der Eurozone erwartet: Es gebe keine se­parate Euro-Austrittsklausel. Das heisst, Italien müsste aus der EU austreten, wenn es den Euro aufgeben will. Einen kompletten EU-Ausstieg hält Weber jedoch für unrealistisch: «Ich sehe in Italien null Appetit dafür.» Die Bevölkerung wisse, dass ihr Land als eine der wichtigsten Exportnationen besser innerhalb als ausserhalb der EU fahre.

Negativzinsen bleiben bestehen

Weber erwartet, dass die Turbulenzen um Italien und die drohende neue Eurokrise negative Folgen für die Schweiz haben werden. Erstens werde der Franken, wie bereits in den vergangenen Tagen deutlich sichtbar, unter Aufwertungsdruck stehen. Ein starker Franken jedoch ist schlecht für die Exportindustrie, den Tourismus und im schlimmsten Fall auch für den Detailhandel und die grenznahen Restaurants – Stichwort Einkaufstourismus.

Zweitens glaubt Weber, dass die für die zweite Hälfte 2019 erwartete Anhebung der Leitzinsen durch die Nationalbank «noch längere Zeit» auf sich warten lassen werde. «Die Nationalbank wird wohl während zwei weiterer Jahre eine abwartende Position beibehalten», sagte Weber. Das wiederum würde bedeuten, dass die Schweizer Notenbank die Negativzinsen beibehält, die sie Ende 2014 eingeführt hatte. Seit damals belastet sie Guthaben, die Geschäftsbanken bei ihr parkieren, mit einem negativen Zins, der aktuell 0,75 Prozent beträgt.

Das hat negative Auswirkungen für weite Teile der Schweizer Bevölkerung. Die Negativzinsen schmälern die Ren­diten von Pensionskassen, Krankenver­sicherungen und der dritten Säule, was zu tieferen Rentenleistungen, höheren Krankenkassenprämien und zu einer Belastung der Sparer führt, die für ihr Alter vorsorgen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2018, 06:21 Uhr

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