Grosser Schmiergeldfall erreicht Stadler Rail

Der Thurgauer Bahnbauer hat eine Firma gekauft, die für 273 Millionen Franken Diesellokomotiven nach Südafrika liefern sollte und nun fragwürdige Zahlungen erklären muss.

Die Afro 4000 aus dem spanischen Vossloh-Werk, das heute zu Stadler Rail gehört. Foto: André Kritzinger

Die Afro 4000 aus dem spanischen Vossloh-Werk, das heute zu Stadler Rail gehört. Foto: André Kritzinger

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Es schien ein grosser Tag in der Geschichte Südafrikas, als im Januar 2015 die erste Lokomotive des Typs Afro 4000 in Betrieb genommen wurde. 70 Stück dieser schweren und doch schnittigen, in strahlendem Blau lackierten Lokomotiven hatte die staatliche Bahngesellschaft Prasa gekauft. Ihr Einsatz vor Pendler- und Intercityzügen sollte ein Startschuss zur Modernisierung des völlig heruntergekommenen südafrikanischen Eisenbahnnetzes sein. Von einer «Revolution auf Schienen» war die Rede. Der damalige Bahnchef Lucky Montana versprach den Fahrgästen «Hightech» und einen Service «von Weltklasse».

Als Weltklasse beschreiben südafrikanische Medien seither höchstens das Ausmass an Inkompetenz und ungeklärten Geldflüssen beim Kauf der Lokomotiven. Seit zwei Jahren beschäftigt der mutmasslich grösste Schmiergeldfall, welche dieses an Bestechungsaffären nicht gerade arme Land je gesehen hat, die Gerichte, das Parlament, das Finanzministerium, die Medien.

Nun hat der Fall Afro 4000 auch den Schweizer Bahnbauer Stadler Rail erreicht. Er steht nicht unter Verdacht, bestochen zu haben. Allerdings soll er bei der Aufklärung nicht gerade offen mit Informationen umgehen. Mehr noch: Stadler soll dem südafrikanischen Finanzministerium (National Treasury) unzureichende Auskünfte gegeben und Geldflüsse aus Spanien nach Südafrika nicht offengelegt haben.

Dass Stadler überhaupt in den Sog des mutmasslichen Schmiergeldfalls am Kap geriet, hat mit der Expansionspolitik des Bussnanger Unternehmens zu tun: Die Lokomotiven für Südafrika wurden ab 2013 vom deutschen Konzern Vossloh in dessen spanischem Werk gebaut. Der Kaufpreis betrug 3,5 Milliarden Rand, rund 273 Millionen Franken.

Stadler Rail kaufte 2016 das Werk in Valencia, seither gehört Vossloh España den Thurgauern. Zu diesem Zeitpunkt waren erst 25 Lokomotiven der 70 gebaut und 13 davon nach Südafrika geliefert. Es tauchten aber schnell Anschuldigungen auf, dass die Regierungspartei ANC sowie das Umfeld des Staatspräsidenten Jacob Zuma an dem Geschäft mitgeschnitten hätten.

Vor allem die Vertragskonstruktion weckte Verdacht: Vossloh verkaufte seine Loks nämlich nicht direkt an die Personenverkehrs-Gesellschaft Prasa, sondern an eine Leasingfirma namens Swifambo. Diese verkaufte die Afro-4000-Loks weiter an Prasa. Üblich sind solche Zwischenhändler bei teuren Bahngeschäften eher nicht. Zudem war Swifambo erst wenige Monate vor dem grossen Deal gegründet worden, konnte keinerlei Erfahrung oder Referenzen vorweisen und wäre deshalb gar nicht berechtigt gewesen, an der Ausschreibung teilzunehmen. Das stellte ein Obergericht in Johannesburg 2016 fest.

5,9 Millionen aus Spanien

Damals sagte auch der frühere Verwaltungsratspräsident von Prasa, Popo Molefe, unter Eid aus, dass das staatliche Bahnunternehmen deutlich mehr an die Leasingfirma Swifambo gezahlt habe als diese an Vossloh España. Aus dem Geschäft seien 80 Millionen Rand (6,3 Millionen Franken) an einen Rechtsanwalt des ANC und an eine Freundin von ­Präsident Zuma geflossen.

Eine solche mutmassliche Kick-back-Zahlung wäre eine rein südafrikanische Angelegenheit. Doch liegen nun dem südafrikanischen Onlinemedium News24 und dieser Zeitung Informationen zu weiteren verdächtigen Geldflüssen vor: Vossloh España hatte direkt ähnlich hohe Summen ans Kap überwiesen. Eine spezielle Untersuchungsbehörde des Finanzamts in Pretoria fand vier Überweisungen von insgesamt 75 Millionen Rand (5,9 Millionen Franken) an eine südafrikanische Firma namens S-Investments. Die Zahlungen fanden zwischen Februar 2014 und Oktober 2015 statt. Als Zahlungszweck wird dreimal «Managementberatung» und einmal «Bautechnik und technischer Service» genannt.


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S-Investments gehört einem ehemaligen hohen Staatsbeamten namens Makhensa Mabunda. Er war nicht nur ein ­guter Freund von Bahndirektor Lucky Montana, er soll auch hinter der Gründung der Leasingfirma Swifambo stehen. Prasa-Chef Montana musste zurücktreten. Mabunda will die Zahlungen von Vossloh España auf Anfrage von News24, das mit dieser Zeitung recherchierte, weder bestätigen noch dementieren. Er sagt nur, dass «meine Firmen sehr viel für ausländische Unternehmen arbeiten».

Stadler Rail war Risiko bekannt

Die letzte Zahlung von Vossloh España an S-Investments erfolgte am 10. Oktober 2015. Zu diesem Zeitpunkt waren die Verhandlungen über den Verkauf des Unternehmens an Stadler Rail so gut wie abgeschlossen. Die erste Medienmitteilung über den Deal erschien Anfang ­November 2015. Damals hiess es noch, Stadler werde rückwirkend mit 1. Juli 2015 Eigentümer von Vossloh España. Später wurde als Übernahmetermin jedoch der 1. Januar 2016 genannt. Stadler-Sprecherin Marina Winder bestätigt eine umfangreiche Risikoprüfung (Due Diligence) vor dem Kauf. Das laufende Verfahren in Südafrika sei bekannt ­gewesen und es bestehe eine Haftungsgarantie von Vossloh für ein mögliches Fehlverhalten, «wofür es derzeit aber keine Anhaltspunkte gibt».

Das südafrikanische Finanzministerium bat im Frühjahr 2017 in einem Brief an Vossloh España (die damals schon Stadler gehörte) um die Namen aller südafrikanischen Geschäftspartner sowie eine Aufstellung sämtlicher Zahlungen. In seiner Antwort bestätigt der kaufmännische Vizedirektor von Stadler in Valencia, Mariano Marti, jedoch nur eine Zahlung über 197'000 Euro. Auch Stadler-Sprecherin Winder sagt dieser Zeitung, dass Vossloh «nach unserem Kenntnisstand während des angefragten Zeitraums Sublieferanten in Südafrika mit Aufträgen im Gesamtvolumen von knapp 200'000 Euro beauftragt hat». Zahlungen von knapp 6 Millionen Franken habe es «nach unseren Informationen» nicht gegeben.

Diese Auskunft widerspricht den Aufstellungen der südafrikanischen Finanzbehörden, die dieser Zeitung vorliegen. Ist es möglich, dass Stadler im Rahmen der Geschäftsprüfung von Vossloh España millionenhohe Überweisungen von angeblichen Beratungshonoraren an eine fragwürdige südafrikanische Firma nicht bemerkte? Oder sind sie dort nicht ersichtlich? Weshalb wurden sie nicht offengelegt? Die Stadler-Sprecherin bittet, solche Fragen direkt an Vossloh zu richten. Doch Vossloh España war ja an Stadler übergegangen, mit «allen legalen Rechten und Pflichten», wie der frühere Vossloh- und heutige Stadler-Manager Marti in seinem Schreiben nach Pretoria festhielt. Marti war trotz mehreren Versuchen telefonisch nicht zu erreichen und beantwortete die Mailanfrage dieser Zeitung nicht. In Südafrika beschäftigt der Skandal um den Kauf der spanischen Lokomotiven mittlerweile mehrere Ermittlungsbehörden und Zivilgerichte. Ein Report des nationalen Ombudsmanns bezeichnet das Beschaffungswesen der Bahngesellschaft Prasa als «Entgleisung». Prasa verklagte die Leasingfirma Swifambo, und ein Obergericht in Johannesburg ­annullierte den Leasingvertrag. Um die Rückzahlung des Kaufpreises wird weiterhin gestritten. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Lokomotiven stehen still

Stadler Rail wiederum hat ein Problem mit den noch nicht ausgelieferten Lokomotiven. Denn in Südafrika stehen die Afro 4000 mittlerweile wieder auf dem Abstellgleis. Angeblich sind sie zu hoch und deshalb auf dem südafrikanischen Schienennetz gar nicht einsetzbar.

Stimmt nicht, entgegnet Stadler-Rail-Spreche­rin Marina Winder: Die Lokomotiven seien gemäss den vertraglichen technischen Spezifikationen gebaut, «und haben von der zuständigen Behörde die Zulassung erhalten. Sie waren bereits im regulären Einsatz. Wir gehen davon aus, dass die momentane Stilllegung im Zusammenhang mit dem Verfahren steht.»

Der Journalist Pieter-Louis Myburgh von News24 beruft sich hingegen auf ein Urteil der Eisenbahn-Sicherheitsbehörde sowie auf Tests durch den Bahnbetreiber: Er enthüllte den technischen Mangel 2015 und brachte die ganze Affäre ins Rollen. Das Problem sei das Fahren der Dieselloks unter einer Oberleitung, erklärt Myburgh: Wo die Leitung tief hänge, etwa in Tunneln oder bei Brücken, komme sie dem Dach der Loks zu nahe: «Wir haben die Brandspuren durch Stromüberschlag gesehen.»

Südafrika will keine weiteren Lokomotiven aus Spanien übernehmen. 12 brandneue Maschinen stehen deshalb im Werk Valencia. Die Anpassung der Anzahl bestellter Lokomotiven sei aber auch das einzige Risiko, das für Stadler bestehen könne, sagt Sprecherin Winder. Und auch das halte sich in Grenzen: «Die bis heute angefallenen Kosten für Entwicklung und Bau der Lokomotiven sind durch die Anzahlungen des Kunden vollumfänglich gedeckt.» Was nun mit dem Dutzend Lokomotiven in Spanien geschehen soll, weiss niemand. Da sie für die schmale «Kapspur» in Südafrika gebaut wurden, ist der Markt für sie sehr begrenzt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2018, 22:45 Uhr

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