«Und dann: Knall, Blitz, Rauch!»

Reparaturtechniker Sepp Eisenriegler ist überzeugt, dass die Industrie absichtlich Haushaltsgeräte baut, die nicht lange halten. Eine Lösung sieht er im Teilen.

Lobbyiert in Brüssel für die Konsumenten: Sepp Eisenriegler in Wien. Foto: Philipp Horak (Anzenberger)

Lobbyiert in Brüssel für die Konsumenten: Sepp Eisenriegler in Wien. Foto: Philipp Horak (Anzenberger)

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Sie prangern in Ihrem Buch «Konsumtrottel» die Industrie an, dass sie die Lebensdauer ihrer Produkte absichtlich verkürzt. Haben Sie bei der Reparatur von Haushaltsgeräten denn jemals Beweise für diese sogenannte geplante Obsoleszenz gefunden?
Natürlich, häufig sogar. Zum Beispiel bei Waschmaschinen. Da gibt es billige Reibungs-Stossdämpfer, die die Unwucht beim Anschleudern abfedern sollen. Deren stossdämpfende Wirkung beruht auf zwei eingefetteten Schaumstoffstreifen. Nach zwei Jahren ist das Fett weg und der Schaumstoff zerbröselt. Nach drei Jahren ist das Lager zerstört, das es nicht als Ersatzteil gibt. Also müsste man die gesamte Wascheinheit, bestehend aus Bottich, Trommel und Lager, neu kaufen – zu einem höheren Preis als eine neue Waschmaschine. Eigentlich müsste man nur bessere Stossdämpfer einbauen, und die Maschine würde wesentlich länger halten.

In einer grossen Studie im vergangenen Jahr fand das deutsche Umweltbundesamt ­allerdings keine Beweise für geplante ­Obsoleszenz.
Wir setzten grosse Hoffnungen in diese Studie, wurden aber masslos enttäuscht. In meinem Buch erkläre ich, warum das Umweltbundesamt nichts fand: weil es der Elektrobranche nicht wehtun wollte und deshalb gar nicht nach Beweisen suchte. Auch ich wurde für die Studie befragt, aber nach einem vorgefertigten Fragebogen. Ich konnte meine Erfahrungen gar nicht einbringen.

Welche Erfahrungen meinen Sie?
Wir führten selbst Tests durch und befragten Hersteller zur geplanten Nutzungsdauer ihrer Produkte. Von den meisten Firmen erhielten wir keine oder unbefriedigende Antworten. Nur ein Her­steller zweier Marken schickte uns eine Liste, die vom Branchenvertreter des Elektrohandels erstellt worden war: Da wird verlangt, dass Waschmaschinen pro 100 Euro Verkaufspreis nur ein Jahr halten sollten. Eine Maschine um 400 Euro darf also nur vier Jahre halten. Die maximale Lebensdauer war acht Jahre, auch bei sehr teuren Maschinen. Für mich ist das der beste Beweis, dass Geräte nur für eine bestimmte Zeitspanne gebaut werden und dann nicht mehr wirtschaftlich zu reparieren sind. Wie lange diese Zeitspanne ist, bestimmt offenbar der Handel.

Alle drei, vier Jahre bringt die Elektro- und Elektronikbranche neue Geräte auf den Markt, die energieeffizienter arbeiten. Was ist schlecht daran, dass wir uns in regelmässigen Abständen neue, bessere Geräte kaufen?
Heute können wir uns das noch leisten, in zehn bis zwanzig Jahren aber nicht mehr. Weil dann die gestiegenen Rohstoffpreise ohnehin keine Produkte wie Wegwerf-Waschmaschinen mehr erlauben. Und wenn die Hersteller heute mit der guten Energiebilanz ihrer Produkte werben, dann täuschen sie uns.

Sie nennen das in Ihrem Buch die ­«Energieeffizienzlüge».
Genau. Denn Umweltschäden entstehen nicht so sehr während des Betriebs eines Gerätes, sondern hauptsächlich während der Produktion und Distribution. 60 Prozent des gesamten CO2-Ausstosses, die ein Laptop erzeugt, entstehen schon bei dessen Herstellung. Da kann ich als Konsument durch energiesparenden Betrieb kaum noch einen positiven ökologischen Beitrag leisten. Die Argumentation der Industrie und des Handels, dass es ökologisch sinnvoll sei, neue Geräte zu kaufen, ist entweder dumm oder gelogen. Wenn die Herstellung der Geräte schon so grosse ökologische Schäden verursacht, müssten wir sie extrem lange nutzen, um das zu kompensieren.

Manche Hersteller lassen eine lange Nutzung ihrer Geräte gar nicht mehr zu. Apple, zum Beispiel, hat Laptops . . .
. . . bei denen nicht einmal mehr die Akkus ausgebaut werden können. Was die Batterieverordnung der EU eigentlich verbietet. Wenn ein Verschleissteil nicht getauscht werden kann, ist das ein typisches Beispiel einer geplanten Obsoleszenz. Das gilt für Apple-Computer genauso wie für elektrische Zahnbürsten. Besonders schlimm sind elektrische Mixer. Auf vielen Gehäusen steht eine Formel, deren Bedeutung kaum jemand kennt. KB 4 oder KB 5 steht für «Kurzzeitbetrieb». Solche Geräte dürfen nur 4 oder 5 Minuten benutzt werden, danach müssen sie 15 bis 20 Minuten auskühlen.

Und wenn sie länger benutzt werden?
Das habe ich probiert: Für einen Wiener Gugelhupf musste ich einen leichten Hefeteig rühren. Länger als fünf Minuten. Die Folge: Knall, Blitz, Rauch, Gestank – der Motor brannte ab. Ich vermutete, dass noch mehr passiert war, konnte aber das Gehäuse des Geräts nur mit Gewalt öffnen, weil es verschweisst war. Danach verstand ich, dass dieser Mixer gar nicht zum Teigrühren gebaut war: Er hatte eine Metallschnecke, die ein Zahnrad aus schlechtem Kunststoff antreibt. Das Zahnrad war schon nach den ersten Betriebsminuten abgefräst. So etwas ist für mich geplante Obsoleszenz.

Aber der Mixer war billig?
Sehr billig sogar, um die 30 Euro.

Für mehr Geld hätten Sie vermutlich ein besseres Gerät bekommen.
Ja, noch geht das. Das deutsche Umweltbundesamt stellt jedoch fest, dass sich der Anteil der Haushaltsgeräte, die wegen eines Defekts innert fünf Jahren nach Kauf ausgetauscht wurden, fast verdreifacht hat. Das deckt sich mit unseren Erfahrungen. Der Trend geht in die Richtung, dass man alle drei Jahre die Grossgeräte im Haushalt erneuern muss. Übrigens gibt es auch im Hochpreissegment Produkte, die schlecht designt sind, das nenne ich dann eine nicht geplante Obsoleszenz.

Diese Schäden kann man dafür auch ­reparieren lassen?
Im Prinzip ja, aber: Da kommen angebliche Techniker, werfen einen Blick auf das Gerät und sagen: «Gnädige Frau, das zahlt sich nicht aus. Kaufen Sie sich etwas Neues.» Solche Techniker arbeiten nicht für die Service-, sondern für die Verkaufsabteilung.

Was halten Sie von Schweizer Produkten?
Da gibt es ja nicht viele, in der Unterhaltungselektronik ist mir nichts bekannt. Aber die Waschmaschinen von Schweizer Firmen sind für mich das Mass aller Dinge. So etwas würde ich mir gerne leisten können, um es hier anzubieten.

Deutlich billiger sind Haushaltsgeräte, die in asiatischen Staaten produziert werden. Was sagt der Reparaturtechniker zu diesen Geräten?
Der blanke Horror! Bei chinesischen Produkten brauchen wir gar nicht einmal zu versuchen, etwas zu reparieren. Es würde sich auch gar nicht lohnen. Neue Geräte aus Asien sind extrem billig, weil sie doppelt subventioniert werden: einerseits durch Rohstoffe, die nur so billig sein können, weil die Schäden, die bei Abbau und Transport entstehen, von der Allgemeinheit getragen werden. Anderseits durch die Ausbeutung der Menschen bei der Verarbeitung. Wenn Menschen 18 Stunden am Tag arbeiten, dafür 50 Cent bekommen, aber keine Pensions- und keine Krankenversicherung haben, dann ist das für mich Ausbeutung pur. Deshalb ­entsprechen die Preise für asiatische Haushalts­geräte weder der ökologischen noch der sozialen Wahrheit.

Ihre Reparaturen muss man sich auch leisten können. Billig sind sie nicht wirklich.
2014 waren wir von der Insolvenz bedroht, weil eine Bank plötzlich 30'000 Euro Kreditforderung stellte. Ich musste eine Fortbestehensprognose erstellen, und eine Konsequenz daraus war eine drastische Preiserhöhung. Wir verlangen jetzt etwa so viel wie die Serviceabteilungen von Bosch und Siemens – allerdings bei höherer Erfolgsquote. Das Problem ist, dass die Arbeitskosten viel zu hoch sind. Ich überweise meinen Aussendienst-Servicetechnikern pro Monat 1800 Euro, aber sie kosten mich das Doppelte. Wir sollten kritische, nicht regenerative Rohstoffe besteuern und nicht Menschen, die in der arbeitsintensiven Dienstleistungsbranche arbeiten.

Eine umfassende Änderung des Steuersystems wird wohl nur auf europäischer Ebene ­möglich sein?
Das glaube ich nicht. Schweden wird nächstes Jahr die Mehrwertsteuer für Reparaturdienstleistungen von 25 auf 12 Prozent senken und gleichzeitig neue Geräte verteuern.

Die EU sieht den Auswüchsen der ­Wegwerfgesellschaft tatenlos zu?
Ganz und gar nicht. Die EU-Kommission hat im vergangenen Dezember als Gegenmodell zur linearen Wirtschaft ihr Modell einer «Circular Economy» veröffentlicht. Im Zentrum dieses Modells stehen langlebige, reparaturfreundlich konstruierte und wiederverwendbare Produkte.

Ideen hatte die Kommission schon viele . . .
Das ist mehr als eine Idee. Die EU-Kommission, die ja konservativ agiert und die Wirtschaft in keiner Weise negativ beeinflussen will, hat das als Vorschlag veröffentlicht. Der Wirtschafts- und Sozialausschuss des EU-Parlaments hat allem zugestimmt. Sogar vom Rat kommen positive Zeichen. Es gibt einen Zeitplan, und es ist höchste Zeit dafür: Die Kommission macht sich zu Recht ernste Sorgen um den Wirtschaftsstandort Europa.

Warum?
Wir sind abhängig von Rohstoffimporten, und die kommen aus politisch sehr instabilen Ländern. Daher will die EU einen sparsamen Umgang mit Rohstoffen forcieren. Ich glaube, dass der Trend zu Wegwerfgeräten bis 2020 gestoppt werden kann. Nach einer Übergangsphase von fünf bis zehn Jahren wird es am europäischen Markt keine Produkte mehr geben, die nicht den Kriterien der Ressourcen­effizienz entsprechen.

Wer bestimmt diese Kriterien?
Die EU-Kommission hat das europäische Normungsinstitut beauftragt, bis 2019 Standards für Langlebigkeit und reparaturfreundliches Design zu entwickeln.

Wenn die EU diese Standards wirklich ­einführt, werden die Geräte deutlich teurer?
Sie werden nur vermeintlich teurer. Wenn sie dann für eine Waschmaschine 1000 Euro zahlen, hält die zwanzig Jahre und ist damit billiger, als wenn sie alle drei Jahre ihre Waschmaschine für 300 Euro wegwerfen müssen. In ein paar Jahren werden wir uns ohnehin keine Wegwerfgeräte mehr leisten können, weil die steigenden Rohstoffpreise das nicht erlauben. Wir probieren in unserem Reparaturzentrum ausserdem gerade ein neues Konsummodell aus und vermieten Waschmaschinen. Das werden die grossen Hersteller auch bald machen. Und wenn diese Hersteller dann selbst für die Instandhaltung verantwortlich sind, wird sich die Lebenszeit ihrer Geräte sehr schnell drastisch erhöhen.

Mit diesem Modell steht Ihr Unternehmen heute auf wirtschaftlich soliden Beinen?
Ja, es läuft gut, weshalb wir unsere erste Aussenstelle in Graz planen. Ausserdem habe ich viele Anfragen aus Deutschland und aus der Schweiz. Die kommen von Leuten, die mein Modell übernehmen wollen. Wir arbeiten deshalb an einem Handbuch für Social Franchising.

Wie soll ich mich als Konsument verhalten?
Solange wir die Früchte der Circular Economy noch nicht ernten können, ist mein Rat: Verwenden Sie Ihre Elektrogeräte, solange es möglich ist. Eine Reparatur mag teuer erscheinen, aber ein Neukauf ist nicht immer von Vorteil. Betrachten Sie eine Waschmaschine aus den 90er-Jahren als ­Wertanlage. Es kommt nichts Besseres nach. ­Überlegen Sie, ob Sie Geräte teilen können: Brauchen Sie wirklich eine eigene Bohrmaschine, die Sie nur ein- oder zweimal im Jahr benutzen? Teilen Sie Geräte mit Ihren Nachbarn, so kommen Sie auch ins Gespräch. Sie gewinnen neue Freunde und sparen Geld.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.11.2016, 18:09 Uhr

Sepp Eisenriegler

Kämpfer für Umwelt und Nachhaltigkeit

Unternehmer Sepp Eisenriegler (63) hat 1998 das Reparatur- und Service-Zentrum (R.U.S.Z) als sozialökonomischen Betrieb gegründet und 2007 privatisiert. Von 1988 bis 2007 war er Umweltberater in Wien. Eisenriegler tritt auch als Lobbyist für Nachhaltigkeit in Brüssel auf.

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