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Unerfahrenheit als Hypothek

Präsident Donald Trump setzt mit Jerome Powell auf Stabilität. Doch der künftige Notenbank-Chef ist weniger berechenbar, als es scheint.

Der neue Fed-Chef Jerome Powell segelte bisher im Fahrwasser von Janet Yellen. Foto: Olivier Douliery (Bloomberg, Getty Images)
Der neue Fed-Chef Jerome Powell segelte bisher im Fahrwasser von Janet Yellen. Foto: Olivier Douliery (Bloomberg, Getty Images)

Die Finanzmärkte behandelten die Nomination des 64-jährigen Jerome Powell als Nichtereignis, so, als ob der künftige Chef der mächtigsten Bank der Welt ein Klon seiner Vorgängerin Janet Yellen sei. Die Anleger erwarten offenbar eine Fortsetzung der bekömmlichen Tiefzinspolitik, einen anhaltenden Aktienrausch und eine tiefe Inflation. Zu den Optimisten gehört auch der US-Präsident, der zudem den Aktienmarkt als Massstab seines Erfolgs betrachtet. Ob Powell dem politischen Erwartungsdruck standhalten kann, ist fraglich. Hätte Trump nicht einen flexibleren Notenbank-Chef gewollt, so hätte er genauso gut Janet Yellen behalten können.

Der heimliche Gewinner der Wahl ist Finanzminister Steven Mnuchin. Der frühere Goldman-Sachs-Banker legte sich energisch für Powell ins Zeug. Er ist einer der Architekten der massiven Steuersenkungen, mit denen Trump seine erste Amtszeit retten will, und er bereitet ein Deregulierungs­paket für die Wallstreet-Banken vor. Mnuchin war es, der Trump davon überzeugte, dass Powell der richtige Mann in diesem Umfeld sei und eher beeinflussbar als die Gegenkandidaten.

Eine versteckt politische Wahl

Das Geplänkel vor der Nomination lässt erahnen, dass Trump diese politische Komponente vertuschen wollte. Zunächst schient er seinem Wirtschaftsberater Gary Cohn zuzuneigen, dann dem Yellen-Kritiker John Taylor und später dem jugendlichen Kevin Warsh, nur um wieder die Verdienste von Janet Yellen zu rühmen. Trump konsultierte selbst Casino-Mogul Steve Wynn und einen ihm nahestehenden Fernsehmoderator, so, als ob es um einen Popularitätswettbewerb ginge.

Bildstrecke: Trump will Jerome Powell für Fed-Spitzenposten

Gratuliert zur Nominierung: Trump reicht seinem Wunschkandidaten Jerome Powell die Hand in Washington. (2. November 2017)
Gratuliert zur Nominierung: Trump reicht seinem Wunschkandidaten Jerome Powell die Hand in Washington. (2. November 2017)
Getty Images/Drew Angerer
Powell sei für die Führungsaufgabe bei der US-Notenbank bestens geeignet, engagiert und klug, sagte Trump.
Powell sei für die Führungsaufgabe bei der US-Notenbank bestens geeignet, engagiert und klug, sagte Trump.
Getty Images/Drew Angerer
Vor seiner 2012 begonnenen Aufgabe in der Notenbank hat der 64 Jahre alte Jurist Powell eine erfolgreiche aber wechselvolle Karriere in der Finanzwelt hingelegt.
Vor seiner 2012 begonnenen Aufgabe in der Notenbank hat der 64 Jahre alte Jurist Powell eine erfolgreiche aber wechselvolle Karriere in der Finanzwelt hingelegt.
Getty Images/Drew Angerer
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Leider ist die Realität weniger kitschig als die Trump-Show. Powell tritt sein Amt inmitten der bald längsten Aktienhausse und eines starken Arbeitsmarkes an. Es droht wie bereits 1999, damals unter Fed-Chef Alan Greenspan, ein Melt-up, eine finale Kursexplosion vor einem Crash. Anderseits sind die Zinsen noch so tief, dass jede jetzt noch nicht absehbare Erhöhung an den Obligationenmärkten einen Schock auslösen könnte. Die beiden Risiken können zwar nicht gleichzeitig einschlagen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Powell auf eines der beiden Szenarien reagieren muss, ist hoch. Anders als Alan Greenspan, Paul Volcker und Ben Bernanke hat Powell keine Erfahrung mit solchen Krisen. Seit er 2012 der Notenbank beitrat, segelte er im Fahrwasser von Yellen, er entschied stets wie sie. Seine Unerfahrenheit könnte zur Hypothek werden, sollte sie in einer Krise zur Unentschlossenheit werden. Wenn die US-Notenbank sich 2008 auszeichnete, dann gerade in diesem Punkt: Bernanke und Yellen liessen nie den kleinsten Zweifel an ihrer von rechts attackierten Tiefzinspolitik und führten die Wirtschaft schneller aus der Krise als die Notenbanker in Europa.

Riskante Deregulierung

Powell ist kein Ökonom, wie es die meisten Notenbank-Chefs waren. Aber er ist ein erfahrener Risikokapitalinvestor, der bei der Private-Equity-Gruppe Carlyle gemäss Schätzungen ein Vermögen von mehr als 100 Millionen Dollar erworben hat. Er ist deshalb auch am Deregulierungskurs der Regierung interessiert, was ihm den Support von Finanzminister Mnuchin sicherte. Doch jede Deregulierung an Wallstreet hatte oft unerwartete und negative Folgen. Die Finanzkrise 2008 ist nur das letzte Beispiel einer ausser Kontrolle geratenen Industrie. Dieses Risiko mache ihm «grösste Sorge», gestand vor kurzem der abtretende Vizechef der Notenbank, Stanley Fischer. Es wäre ein «immenser Fehler», die seit 2008 verschärften Kontrollen und Kapitalvorschriften der Banken wieder zu lockern, so Fischer.

Dass gerade Fischer seine Angst so klar äussert, hängt mit weiteren personellen Wechseln in der Notenbank zusammen. Trump muss zunächst einen Nachfolger von Fischer ernennen. Sollte er einen Zins-Falken wie John Taylor bestimmen, hätte Powell einen Gegenspieler im eigenen Haus. Eine gespaltene Notenbank-Führung wäre aber das Letzte, was die USA brauchen. Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Besetzung von fünf der sieben offenen Sitze im Zinsmarktausschuss. Trump kann diese Sitze im kommenden Jahr besetzen und der Institution noch mehr politische Färbung geben. Unter solch ungewissen Voraussetzungen könnte Powell noch froh um die sichere Hand einer Janet Yellen sein. Sie kann noch bis 2024 als Gouverneurin in der Notenbank-Führung bleiben, lässt aber noch offen, ob sie ausharren will.

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