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Billige Arbeiter für Schweizer Kleider

Die Kleiderproduktion in Burma boomt. Eine neue Studie berichtet von grossen Missständen in dortigen Textilfabriken. C & A und H & M als grosse Abnehmer treten den Vorwürfen entgegen.

Franziska Kohler und Matthias Pfander
Schwierige Arbeitsbedingungen: Arbeiterin in einer Textilfabrik in Rangun. Foto: Ye Aung Thu (AFP)
Schwierige Arbeitsbedingungen: Arbeiterin in einer Textilfabrik in Rangun. Foto: Ye Aung Thu (AFP)

«Es ist zu heiss in der Fabrik. Die Ventilation ist schlecht. Es gibt nicht genug sauberes Wasser. Deshalb sind wir manchmal sehr durstig», erzählt ein Arbeiter einer Textilfabrik in Rangun, der grössten Stadt Burmas. «Wenn die Kunden zu Besuch kommen, kriegen alle Angestellten eine Flasche Wasser und einen Becher, normalerweise bekommen sie das aber nicht.»

Burma ist das neue Eldorado der Kleiderhersteller. Der zuvor abgeschottete Staat erlebt eine rasante wirtschaftliche Öffnung, seit 2011 die Militärregierung abtrat. Zudem kennt er einen der tiefsten Mindestlöhne in ganz Südostasien. Und so entstanden in den letzten Jahren unzählige Textilfabriken. Zwischen 2010 und 2015 stiegen die Kleiderexporte laut dem Hong Kong Trade Development Council um 333 Prozent an – auf 1,5 Milliarden Dollar. Die Branche ist heute für ein Zehntel der gesamten Exporteinnahmen verantwortlich. Fast ein Fünftel der Ausfuhren geht nach Europa. Auch in die Schweiz gelangen immer mehr T-Shirts, Hosen oder Jacken «made in Burma». Die Kleiderimporte aus Burma verdoppeln sich hierzulande seit 2011 fast jedes Jahr.

Die Kleiderimporte aus Burma verdoppeln sich hierzulande seit 2011 fast jedes Jahr.

Mit den westlichen Kleiderfirmen kamen auch Nichtregierungsorganisationen und Branchenbeobachter ins Land. Letztes Jahr publizierten zwei schwedische Journalisten das viel beachtete Buch «Modesklaven», in dem sie die Arbeitsbedingungen in Burma beschreiben. Von Kinderarbeit und Arbeitstagen von bis zu 14 Stunden ist im Buch der Autoren die Rede.

Ähnliche Vorwürfe erhebt nun ein neuer Bericht. Das niederländische Centre for Research on Multinational Corporations (Somo) interviewte zwischen ­Februar und Juni 2016 rund 400 Angestellte aus zwölf Fabriken in Burma, unter ihnen auch den Arbeiter, der über Durst und schlechte Luft klagt. Laut der Studie der Partnerorganisation der Schweizer NGO Public Eye werden die Arbeitsbedingungen in all diesen Fabriken teilweise als sehr schwierig geschildert. Zahlreiche Angestellte sagten zum Beispiel aus, keinen Vertrag oder keine Kopie des von ihnen unterschriebenen Vertrags zu besitzen.

Weniger Lohn bei Krankheit

Ausserdem scheinen viele weniger als den Mindestlohn zu verdienen. Bei Auszubildenden oder neu eingestellten Arbeitern ist das zwar gesetzlich erlaubt. Doch diese Ausnahmen würden von einigen Arbeitgebern offensichtlich missbraucht, indem sie etwa Angestellte unabhängig von ihrer Erfahrung als Lehrlinge klassifizierten, schreibt die niederländische Organisation. Gleichzeitig halte diese Praxis viele Angestellte davon ab, den Arbeitsplatz zu wechseln, weil sie dann vorübergehend weniger verdienen. Das ist nicht alles: Auch Krankheitstage würden teilweise vom Gehalt abgezogen. Zudem ist von unbezahlten Überstunden und unerreichbaren Produktionszielen die Rede.

Laut dem Centre for Research on Multinational Corporations arbeiten in allen untersuchten Fabriken Jugendliche unter 18 Jahren, teilweise auch solche unter 15 Jahren. Einige der Fabriken hätten zwar eine Untergrenze eingeführt und verlangten Identitätskarten, um das Alter zu überprüfen. Doch diese seien oft gefälscht. «Junge Arbeiter werden auch eingestellt, wenn sie offensichtlich gefälschte IDs benützen», erzählt ein Angestellter. Auch die Schulungen und Informationen zu Gesundheit und Sicherheit bezeichnen viele Angestellte als ungenügend. Die Betriebsklinik sei nicht in Betrieb, wird weiter behauptet. Sie diene nur als Fassade, wenn Kunden zu Besuch kämen.

H & M verweist darauf, dass das gesetzliche Mindestalter für eine Erwerbstätigkeit in Burma 14 Jahre beträgt.

Im Bericht ist eine Liste von Modelabels enthalten, die in den Fabriken in Burma produzieren lassen. Der TA hat C & A und H & M als zwei der für die Schweiz bedeutendsten Marken mit den Vorwürfen konfrontiert. Eine Sprecherin von C & A verweist darauf, dass die Firma den finalen Bericht noch nicht zu sehen bekommen habe, sondern lediglich eine Vorversion. Sie könne die Endfassung deshalb nicht kommentieren. Im Dezember schrieb der Konzern in einer Stellungnahme an die Verfasser, dass man in einer der untersuchten Fabriken zwar bis 2015 produziert habe. Weil firmeninterne Prüfungen aber Missstände aufgezeigt hätten, habe man die Zusammenarbeit mit dem Lieferant gestoppt.

Löhne werden überprüft

Laut einem Sprecher von H & M spricht die Studie «Herausforderungen an, die wir seit vielen Jahren angehen». Der Konzern verlange von den Lieferanten in Burma, dass sie sich an das strikte Nachhaltigkeitsengagement des Moderiesen und an die nationale Gesetzgebung hielten. Dazu gehöre, dass Angestellte einen Vertrag und den Mindestlohn erhielten. Nehme ein Arbeiter an einer Ausbildung teil, müsse dies dokumentiert und der zeitliche Rahmen bekannt sein. Die bezahlten Löhne würden regelmässig überprüft.

H & M verweist darauf, dass das gesetzliche Mindestalter für eine Erwerbstätigkeit in Burma 14 Jahre beträgt. Kinderarbeit werde unter keinen Umständen toleriert. Der Rekrutierungsprozess bei den Lieferanten werde verbessert, was zu einem besseren Umgang mit den Ausweisen geführt habe.

«Grosse Herausforderungen»

In einer Studie sei die Nichtregierungsorganisation Wateraid ausserdem zum Schluss gekommen, «dass die Angestellten von Anbietern, die für die H&M-Gruppe in Burma produzieren, einen einfachen Zugang zu öffentlichen Krankenhäusern haben». Die Überstunden müssen laut H & M «innerhalb des gesetzlichen Rahmens liegen, freiwillig geleistet und korrekt entschädigt werden». Auch das werde regelmässig überprüft. Das Thema sei aber «eine der grössten Herausforderungen in der gesamten Textilbranche».

Es wird mit Sicherheit nicht das letzte Mal gewesen sein, dass europäische Modelabels zu den Produktionsbedingungen in Burma Stellung nehmen müssen. Denn die Industrie wächst in grossem Tempo weiter. Neue Textilfabriken, sagen Beobachter, eröffneten derzeit im Wochentakt.

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