US-Banken gehen auf Distanz zur Facebook-Währung

Mark Zuckerberg versucht erfolglos, neue Finanzinstitute für sein Projekt Libra zu gewinnen. Und selbst zugesagte Gelder sind noch nicht geflossen.

Mark Zuckerberg muss feststellen, dass er für sein Kryptowährung-Projekt keine Partner unter den Banken findet. Foto: Keystone

Mark Zuckerberg muss feststellen, dass er für sein Kryptowährung-Projekt keine Partner unter den Banken findet. Foto: Keystone

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Mark Zuckerberg kommt mit seinen Plänen für eine Kryptowährung nicht nur spät zur Party. Er stösst im Heimmarkt USA auch auf reichlich Skepsis. Die stärkste Gegenkraft erwächst ihm von der Wallstreet, allen voran vom Bankenkoloss JP Morgan Chase, der 80 Prozent der 500 US-Firmen für seine Pläne eines eigenen digitalen Zahlungssystems gewinnen will. Auch Goldman Sachs tüftelt an einer Blockchain-Währung.

Selbst die 27 Partnerunternehmen von Facebook, die ihren Namen für das Libra-Projekt geliehen haben, geben sich vorsichtig. Die zwei grössten Kreditkartenfirmen des Landes, Visa und Mastercard, haben zwar eine Einlage von 10 Millionen Dollar in die Libra-Plattform zugesagt, doch ist bisher kein Geld geflossen, und die Kooperation bleibt unverbindlich. Ein Grund für ihre Zurückhaltung liegt darin, dass Facebook vor zehn Jahren schon ein eigenständiges Bezahlungssystem erprobte, aber scheiterte.

Keine Sorgen für Google, Apple und Amazon

Der jüngste Versuch baut zwar auf der Blockchain-Technik auf, erschliesst aber keine neuen Gebiete und scheint den Rückstand gegenüber Google, Apple und Amazon raschestmöglich aufholen zu wollen. Die drei Facebook-Rivalen haben bereits globale Bezahlsysteme eingerichtet und dazu teilweise die gleichen Partner in der Finanzindustrie eingespannt, wie Facebook dies zu tun hofft. Die Risiken wegen Libra seien für die etablierten Konkurrenten limitiert, meinen UBS-Analysten. Facebook werde kaum neue Finanzkanäle bauen, sondern sich in die bestehenden Finanznetzwerke integrieren. Gerade das Beispiel USA beweise, wie schwer es sei, die dominanten Finanzdienstleister zu verdrängen, meinen die Experten. Diese seien mit ihren Kunden stark verbunden und böten günstig Kredite und Geldüberweisungen. Zusätzlich stellt sich die Frage des Vertrauens in die Kryptopläne von Facebook, wie Notenbankchef Jay Powell kürzlich betonte. «Unsere Ansprüche vom Standpunkt des Schutzes der Kunden und der Regulierung werden sehr, sehr hoch sein.»

Weiter fortgeschritten als Facebook ist die grösste und politisch einflussreichste US-Bank, JP Morgan Chase. Nach der Ankündigung einer digitalen, auf der Blockchain-Technik aufbauenden Währung im Februar wuchs das Interesse rasch, berichtet Projektleiter Umar Farooq. Vor allem Banken und institutionelle Kunden in Japan, Europa und den USA wollten mehr wissen.

Amazon, Google und Apple geniessen deutlich mehr Vertrauen als Facebook.

Angetrieben werden die Kryptowährungen nicht so sehr von spekulativen Bitcoin-Händlern, so Farooq, sondern von den weltweit investierenden Kunden. Pensionskasse, Anlagefonds und andere Grossinvestoren suchten eine stabile digitale Währung, die Geldüberweisungen und Wertschriftengeschäfte in Echtzeit erlaubten. In wenigen Jahren schon könnte der globale Obligationenhandel mit Blockchain-Währungen abgewickelt werden. JP Morgan will die Führung übernehmen. Die ersten Testläufe sind für Ende Jahr geplant, noch bevor Facebook mit Libra starten will. Die Bank setzte vorderhand nur auf Grosskunden, die regulatorisch auf Herz und Nieren geprüft sind, also geringere Risiken tragen.

Das Bekenntnis zur Kryptowährung ist eine scharfe Kehrtwende, hatte Bankenchef Jamie Dimon doch noch letztes Jahr Bitcoin als «Betrug» schlechtreden wollen. Nun glaubt die Bank, 80 Prozent der 500 grössten US-Firmen für die JPM Coin gewinnen zu können. Die Meinung geändert hat auch Goldman Sachs, nachdem die Bank vor kurzem noch das Projekt für einen Bitcoin-Handelsraum fallen gelassen hatte. Zwar sei unklar, welches System sich durchsetzen werde, erklärte vor wenigen Tagen Konzernchef David Solomon. Sicher sei aber, dass jede Finanzinstitution auf der Welt heute das Potenzial von Stablecoins und eines reibungsfreien digitalen Zahlungssystems ernst nehmen müsse. Goldman Sachs beobachte gespannt, wie sich die JPM Coin entwickle, und erwäge, eine eigene Kryptowährung zu starten.

Amazon, Apple und Google haben ausserdem eigene Finanzplattformen eingerichtet und sich dafür die Kooperation etablierter Institute wie Visa, Mastercard und Goldmann Sachs gesichert. Amazon etwa hat jede Absicht weit von sich gewiesen, ins Kryptogeschäft einzusteigen. Alle drei Techkonzerne entwickeln sich mehr und mehr auch zu Fintech-Unternehmen, geniessen aber gemäss Umfragen deutlich mehr Vertrauen als Facebook. Zuckerberg hat gemäss der «New York Times» versucht, Goldman Sachs, JP Morgan Chase und Fidelity für das Libra-Projekt zu gewinnen, erhielt aber wegen der drohenden verschärften Kontrolle von Facebook einen Korb. Mitte Juli wollen zwei Kommissionen des US-Kongresses Anhörungen zu Libra durchführen, die gemessen an der politischen Stimmung kritisch bis ablehnend verlaufen dürften.

Erstellt: 03.07.2019, 21:48 Uhr

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