US-Firmen bringen Pflegeurlaub in die Schweiz

Microsoft und Google geben Angestellten bis zu vier Wochen bezahlt frei, um kranke Angehörige zu betreuen.

«Der Pflegeurlaub bietet Mitarbeitern die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen», heisst es bei Microsoft. Foto: Getty

«Der Pflegeurlaub bietet Mitarbeitern die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen», heisst es bei Microsoft. Foto: Getty

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Die Hiobsbotschaft kam aus heiterem Himmel. Bei Manuela Breiters* Ehemann wurde vor einigen Monaten eine Krebserkrankung diagnostiziert. Die Zürcherin musste ihr Leben unverhofft umstellen. Um ihrem Mann im Spital beistehen zu können, bezog sie auf einen Schlag ihre gesamten Ferientage. Doch das reichte nicht. Damit sie ihren Liebsten weiter pflegen konnte, liess sich Breiter von ihrem Arbeitgeber freistellen. Das ist eine extreme Massnahme – aber oft unumgänglich. Denn gesetzlich haben Arbeitnehmer nur Anspruch auf drei bezahlte Absenztage, wenn das eigene Kind krank ist. Es gibt keine Regelung, wenn Eltern, Geschwister oder Partner Pflege brauchen.

Nun ändern dies zwei grosse Schweizer Unternehmen. Die hiesige Tochter des Softwareherstellers Microsoft bietet Angestellten seit Anfang Jahr bis zu vier Wochen bezahlten Pflegeurlaub pro Jahr an. Dieser kann etwa bezogen werden, wenn ein enger Verwandter ernsthaft erkrankt und Hilfe nötig hat. «Wir verlangen viel von unseren Mitarbeitern, gleichzeitig wollen wir jedoch auch, dass sie Zeit haben, sich um die Familie zu kümmern», sagt Jochen Schmidmeir, Personalverantwortlicher bei Microsoft Schweiz. Er rechnet mit zwei bis drei Fällen pro Quartal. Microsoft beschäftigt in der Schweiz rund 600 Personen und hat jüngst auch den Urlaub für Mütter auf zwanzig Wochen und für junge Väter auf sechs Wochen verlängert.

Der Technologiekonzern Google bietet allen Mitarbeitern weltweit – und damit auch in der Schweiz – bis zu 14 Tage Pflegeurlaub. Danach sei man «sehr flexibel» und biete einen unbezahlten Urlaub oder eine Pensumsreduktion an, sagt ein Sprecher von Google Schweiz.

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Traditionelle Familienmodelle sind seltener geworden. Das habe bei Notsituationen in der Familie gewisse Nachteile, heisst es bei Microsoft Schweiz. Im Softwareunternehmen arbeiten zudem viele ausländische Mitarbeiter, die oft ohne Familie hier leben. «Sie können nicht auf ihre Eltern zählen, wenn der kranke Ehepartner Pflege braucht», sagt Schmidmeir. «Der Pflegeurlaub bietet unseren Mitarbeitern die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und für ihre Familie da zu sein.»

Bei Microsoft müssen die Mitarbeiter den Bedarf nicht durch ein ärztliches Zeugnis belegen, sondern einzig ein Antragsformular ausfüllen. «In diesem Prozess geht es um gegenseitiges Vertrauen und darum, dem Mitarbeiter das Gefühl zu geben, auch in einer schwierigen Situation handlungsfähig zu bleiben», sagt Personalchef Schmidmeir. «Wenn wir die Genehmigung zu kompliziert gestalten, hätten wir unseren Mitarbeitern in einer besonders belastenden Situation nicht geholfen.»

Bund prüft einen Pflegeurlaub

Auch der Bundesrat hat erkannt, dass die bestehenden Regeln nicht ausreichen. Er hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit einer Untersuchung beauftragt, wie eine bessere Lösung aussehen könnte. Im Vergleich mit dem Ausland steht die Schweiz schlecht da. In Frankreich erhalten Arbeitnehmer drei Wochen bezahlte Ferien, um ihre kranken Eltern zu pflegen. In den Niederlanden können Beschäftigte sechs Wochen unbezahlten Pflegeurlaub pro Jahr beziehen. Als Erstes untersucht nun das BAG, wie gross der Bedarf nach Pflegeurlaub ist und wie sich dieser am besten abdecken lässt. Mit einem Vernehmlassungsentwurf ist in diesem Frühjahr zu rechnen.

Schon heute unterstützen einige Schweizer Unternehmen ihre Mitarbeiter in Notsituationen freiwillig. Sie versprechen ihren Leuten für diesen Fall spontane und pragmatische Lösungen. «Wir halten starre Lösungen für wenig zielführend, denn jede Situation ist anders», sagt eine Migros-Sprecherin. In der Regel werde gemeinsam mit dem Chef, dem Personalverantwortlichen und allenfalls der Beratungsstelle für Mitarbeiter geschaut, in welcher Form Betroffene entlastet werden können. Beim Pharmakonzern Novartis können Angestellte in solchen Situationen vorarbeiten und früher ins Wochenende gehen sowie unbezahlten Urlaub nehmen. In Ausnahmefällen würden auch Tage geschenkt, falls die Anreise zu Verwandten länger dauere, sagt ein Sprecherin.

Die Swisscom verfügt über zwei miteinander kombinierbare Modelle, wie ein Sprecher erklärt. Bei einem kurzen Betreuungsaufwand von drei bis vier Monaten können Mitarbeiter weniger arbeiten und dies via Gleitzeitkonto regeln. So können sie während der Betreuungsdauer weniger arbeiten und die verpasste Arbeitszeit später nachholen, ohne finanzielle Folgen. Das zweite Modell richtet sich an Swisscom-Angestellte, die ihre Angehörigen über einen längeren Zeitraum neben der Arbeit pflegen. Sie können während mindestens drei bis maximal zwölf Monaten ihr Pensum vorübergehend senken.

Der Pharmakonzern Roche bietet zur Pflege erkrankter oder verunfallter naher Angehöriger eine kurze unbezahlte Pflegezeit von bis zu zehn Tagen oder eine lange unbezahlte Pflegezeit von bis zu sechs Monaten an. Roche unterstützt Mitarbeitende mit pflegebedürftigen Angehörigen und stellt interne sowie externe kostenlose Beratungsservices zur Verfügung. Diese bieten Unterstützung bei psychischen Belastungen, Hilfe bei der Suche nach passenden Wohnplätzen für Angehörige oder Informationen rund um das Thema Pflege. Das halten auch andere Grossfirmen wie die UBS, die Zürcher Kantonalbank oder einzelne Migros-Betriebe so.

Gewerkschaften wollen Gesetz

Was gut gemeint ist, ist für die Betroffenen oft nicht ganz einfach. Oft gerieten Arbeitnehmer in die Lage des Bittstellers, wenn kein geregelter Anspruch bestehe, kritisieren Fachleute. Für Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik beim Arbeitnehmerdachverband Travailsuisse, ist deshalb klar: «Es ist notwendig, dass eine umfassende gesetzliche Regelung für einen Urlaub für die Pflege aller Angehörigen und nicht nur für minderjährige Kinder eingeführt wird.»

Es sei heute für viele Eltern schwierig, das gesetzliche Minimum von drei Tagen für die Pflege der Kinder einzufordern – auch wenn sich viele Arbeitgeber in solchen Situationen verständnisvoll zeigten. Gehe es aber um chronische Leiden, werde es problematischer. «Wenn Arbeitnehmer ihre Pensen reduzieren, um ihre Angehörigen zu pflegen, entstehen ihnen bei den Vorsorgewerken finanzielle Nachteile», sagt Borioli. «Hier braucht es einen Ausgleich.»

* Name geändert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2018, 20:27 Uhr

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