US-Zeitungen: gemeinsam gegen Facebook und Co.

Ein neues Gesetz soll Verlegern erlauben, sich im Wettbewerb gegen Facebook und Google abzusprechen.

In den USA gibt es heute noch rund 7000 Zeitungen – 1800 weniger als 2004: Blick auf die Auslage eines New Yorker Kiosks. Foto: Getty Images

In den USA gibt es heute noch rund 7000 Zeitungen – 1800 weniger als 2004: Blick auf die Auslage eines New Yorker Kiosks. Foto: Getty Images

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In den USA lobbyiert die notleidende Zeitungsbranche für ein Gesetz, das sie gegen die Übermacht der Tech-Konzerne stärken soll. An einem Kongresshearing beteuerten Branchenvertreter, es gehe um das Überleben der lokalen Presse im Land.

Über das Internet verbreitete Nachrichten finden zwar wachsenden Zuspruch. Doch davon profitieren mehrheitlich die grossen Onlineplattformen, vor allem Google und Facebook. Für die News-Produzenten fallen vergleichsweise Brosamen ab. Deshalb fordern Amerikas Zeitungen jetzt die Erlaubnis, gegenüber den Tech-Konzernen gemeinsam auftreten zu dürfen. Sie hoffen, auf diese Weise bessere Abnahme- und Werbeverträge aushandeln zu können.

«Verheerende Entwicklung»

Eine entsprechende Gesetzesvorlage wurde im April im Repräsentantenhaus eingereicht. Sie würde Verlegern eine vier Jahre dauernde Freistellung vom kartellrechtlichen Abspracheverbot einräumen.

David Chavern von der Branchenorganisation News Media Alliance (NMA) warnte am 11. Juni vor dem Kongress: «Wenn es so weitergeht, werden wir enorme Mengen von Qualitätsjournalismus verlieren. Das ist nicht nur geschäftlich schlecht, sondern auch verheerend für unsere Zivilgesellschaft.» Der Verbandspräsident begründete seine Prognose mit den schlechten Zahlen der letzten Jahre. Von 2004 bis 2018 gingen in den USA fast 1800 Zeitungen ein; es verbleiben rund 7000. 200 Landkreise haben keine Zeitungen mehr, und in der Hälfte der Bezirke im Land erscheint nur noch eine Zeitung, berichtete im Mai das «Wall Street Journal». Die Zahl der Zeitungsjobs sank zwischen 1990 und 2016 um 60 Prozent von 465'000 auf 183'000.

Nicht alle Blätter welken. In der Trump-Ära blühen drei nationale Zeitungen auf. Der «New York Times», der «Washington Post» und dem «Wall Street Journal» gelang es zwischen 2012 und 2018, ihren Umsatz mit zusätzlichen Digital-Abos zu steigern, obwohl die gedruckte Auflage im Schnitt um 29 Prozent abnahm. Diesen Gewinnern stehen viele Verlierer gegenüber: Kleinere und lokale Zeitungen verloren mehr als 41 Prozent ihrer Auflage, ohne dass die digitale Bezahlschranke unter dem Strich einen wesentlichen Unterschied machte.

Die Rechnungen seien ungenau, sagt Google

Die Verleger ärgert es, dass die Werbeeinnahmen heute fast vollständig an die Tech-Giganten gehen. Wie der «Wall Street Journal» darlegt, gingen 2017 auf dem Werbemarkt 86 Prozent des Wachstums an Google und Facebook. Auf dem nationalen Markt saugten die zwei Giganten 58 Prozent der Werbeeinnahmen ab, auf dem Lokalmarkt sogar 77 Prozent. Nach einer Hochrechnung der Verlegerallianz bescherten News-Inhalte letztes Jahr allein Google einen Profit von 4,7 Milliarden Dollar.

Google bestreitet die behaupteten Zahlen. «Diese Überschlagsrechnungen sind nicht akkurat», teilte der Konzern mit. Stattdessen macht er geltend, seine Such- und News-Funktionen sendeten jeden Monat zehn Milliarden Klicks auf die Websites der Verleger. Doch dies bremse die ­Talfahrt der Zeitungen nicht, sagt Terrance Egger, ein Grossver­leger in Philadelphia. «Die heutige Dynamik im Verhältnis zwischen den Plattformen und unserer Industrie ist vernichtend.»

Kritik an der Forderung

Gemeinsam auftretend, könnten die Verleger mit der Drohung Druck machen, den Tech-Riesen allenfalls Inhalte vorzuenthalten. Dazu brauchen sie indes eine kartellrechtliche Freistellung.

Die vierjährige Ausnahme von den Antitrust-Gesetzen sei die «harmloseste unter den vorhandenen Optionen», sagt NMA-Chef Chavern. An eine direkte Einflussnahme des Staats – wie etwa in der Schweiz mit Vergünstigungen beim Zeitungsversand – werde nicht gedacht. Gleichwohl halten manche Kritiker wenig von dem Gesetzesvorschlag. Für Jack Shafer von «Politico» ist die Lobby-Kampagne der Verlegerallianz «peinlich». Kein Segment der Branche könne ein Recht auf Umsätze anmelden, die es einmal genossen habe, schreibt Shafer. «Das ist fast so verrückt wie Trumps protektionistische Zölle.»

Erstellt: 25.06.2019, 21:17 Uhr

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