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Hier winkt die Superrendite

Kaltblütige Investoren wittern im Fastpleite-Land Venezuela ihre Chancen. Mit welchem Kalkül sie die grosse Wette eingehen.

In Caracas demonstrieren fast täglich Menschen gegen Nicolás Maduro und dessen Politik.
In Caracas demonstrieren fast täglich Menschen gegen Nicolás Maduro und dessen Politik.
Carlos Garcia Rawlins, Reuters

Von einem kompletten Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung ist Venezuela nur noch einen Wimpernschlag entfernt. Demonstrationen gegen den zunehmend diktatorisch regierenden Präsidenten Nicolás Maduro gehören seit Monaten zur Tagesordnung – mehr als 60 Menschen sind dabei schon zu Tode gekommen. Die Wirtschaft des ölreichen Landes ist längst kollabiert: Seit 2013 ist dessen Bruttoinlandprodukt um geschätzte 27 Prozent geschrumpft, und der Internationale Währungsfonds veranschlagt die Inflationsrate in diesem Jahr auf 720 Prozent. Die Bevölkerung leidet unter Mangelernährung und Hunger.

Die jahrelange Misswirtschaft und die chaotische Lage in dem lateinamerikanischen Land haben indes längst nicht alle Investoren vertrieben. Ganz im Gegenteil: Grossanleger mit klingenden Namen – darunter laut Medienberichten BlackRock, Fidelity, Pimco, J. P. Morgan Chase, Goldman Sachs und HSBC – haben es auf Anleihen Venezuelas sowie der staatlichen Ölgesellschaft Petróleos de Venezuela abgesehen.

Welche Gewinnchancen dabei kaltblütige Investoren haben, illustriert das Beispiel einer Petróleos-Anleihe, die der Ölförderer im April 2017 termingerecht zurückbezahlt hat: Im Februar 2016 wurden diese Schuldtitel noch zu einem Preis von 36 Cent je Dollar gehandelt, weil damals mit einer baldigen Insolvenz der Gesellschaft gerechnet wurde. Wer zu diesem Zeitpunkt die Papiere kaufte, konnte also seinen Einsatz innert 14 Monaten um gut das Zweieinhalbfache vergrössern.

Schuldendienst kommt zuerst

Manche Anleger im Ausland halten ­einen Zahlungsausfall (Default) von Petróleos de Venezuela auch künftig für wenig wahrscheinlich. Dies trotz der seither weiter verschlechterten Wirtschaftslage im Land und den anhaltend tiefen Ölpreisen. Da die Ölgesellschaft 95 Prozent der Dollareinnahmen Venezuelas generiert, dürfte die Regierung von Maduro alles daransetzen, eine Insolvenz abzuwenden. Davon hängt letztlich ihr politisches Überleben ab – so das Kalkül der Investoren. Hinzu kommt, dass Venezuela über die weltweit grössten Rohölreserven verfügt. Und diese wiederum grösstenteils auf die Ölgesellschaft des Landes überschrieben sind.

Infografik: Venezuelas wirtschaftlicher Kollaps

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Dem stehen die stark schwindenden Devisenreserven der Südamerikaner gegenüber. Sie belaufen sich noch auf gut 10 Milliarden Dollar – verglichen mit 30 Milliarden vor Maduros Amtsantritt vor rund vier Jahren. Laut Schätzungen von Experten muss Venezuela aber in diesem Jahr 17 Milliarden allein für seine finanziellen Verpflichtungen aufbringen.

Der Linkspopulist Maduro hat dem Schuldendienst bislang oberste Priorität eingeräumt. Da seinem Land der Zugang zum Kapitalmarkt verschlossen ist, hat er die Importe von Lebensmitteln und Medikamenten drastisch gekürzt, um so Devisen einzusparen. Dass viele Landsleute deswegen zu wenig zu essen haben und nicht mehr medizinisch versorgt werden können, nimmt der Präsident in Kauf. Aus diesem Grund werden venezolanische Schuldscheine inzwischen als «Hungeranleihen» bezeichnet.

Verscherbeltes Staatsvermögen

Nicolás Maduro weiss: Sollte sein Land in Zahlungsverzug geraten, werden die Gläubiger umgehend dessen Öllieferungen im Ausland in Beschlag nehmen. Der Geldhahn wäre damit ein für alle Mal zugedreht – und ein Regimewechsel unausweichlich. Um dies abzuwenden, ist der bedrängte Präsident darauf angewiesen, dass Privatinvestoren Anleihen des Landes und seines Ölförderers kaufen. Umgekehrt versuchen Oppositionspolitiker nach Kräften, ausländisches Kapital fernzuhalten. Dieses diene einzig dazu – so ihre Begründung –, ein Regime am Leben zu erhalten, das die Menschenrechte sowie die Verfassung des Landes mit Füssen trete.

Seit April gehen fast täglich Menschen auf die Strassen: Der Musiker Wuilly Arteaga (oben Mitte) spielt neben den Demonstranten während der Proteste in Caracas. (27. Mai 2017)
Seit April gehen fast täglich Menschen auf die Strassen: Der Musiker Wuilly Arteaga (oben Mitte) spielt neben den Demonstranten während der Proteste in Caracas. (27. Mai 2017)
EPA/Mauricio Dueñas Castañeda, Keystone
Er ist Zielscheibe der Proteste: Venezuelas Präsident Nicolás Maduro, hier an einer Veranstaltung mit seinen Anhängern. (3. Mai 2017)
Er ist Zielscheibe der Proteste: Venezuelas Präsident Nicolás Maduro, hier an einer Veranstaltung mit seinen Anhängern. (3. Mai 2017)
Ariana Cubillos, Keystone
Die Polizei geht mit Tränengas gegen die Protestierenden vor.
Die Polizei geht mit Tränengas gegen die Protestierenden vor.
Ariana Cubillos, Keystone
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Zugleich befürchtet die Opposition nicht zu Unrecht, dass Maduro öffentliche Vermögenswerte zu Billigstpreisen an Auslandsinvestoren veräussert, um an Devisen zu kommen. Wie Ende Mai bekannt wurde, hat Goldman Sachs Asset Management Schuldtitel von Petróleos de Venezuela mit Fälligkeit 2022 im Wert von rund 2,8 Milliarden Dollar erworben – dafür aber nur 0,865 Milliarden bezahlt und somit einen «Discount» von 69 Prozent erhalten.

Selbst wenn es dereinst zu einer Umschuldung für Venezuela und seine Ölgesellschaft kommen sollte – wovon die Investoren nach einem Sturz Maduros ausgehen – und selbst wenn die Gläubiger dabei auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten müssen, was ein ungewöhnlich heftiger Einschnitt wäre, würde Goldman Sachs mit seinem «Schnäppchen» nach Expertenberechnungen immer noch einen Gewinn von über 530 Millionen Dollar erzielen.

Daraus wird deutlich, weshalb Venezuela für risikobereite Anleger so attraktiv ist, insbesondere in Zeiten minimaler Renditen auf konventionellen Anleihen und Aktieninvestments. Auf einem anderen Blatt stehen indes die mit einem solchen Engagement verbundenen Reputationsgefahren.

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