Versicherer tun wenig für Kohleausstieg

In Europa gehören Einschränkungen beim Versicherungsschutz von Kohlebergwerken zur gängigen Praxis. Die US-Konkurrenz ist dazu hingegen nicht bereit.

Das Kraftwerk Hunter Power in Castle Dale im US-Bundesstaat Utah produziert Elektrizität aus Kohle. Foto: George Frey (Getty)

Das Kraftwerk Hunter Power in Castle Dale im US-Bundesstaat Utah produziert Elektrizität aus Kohle. Foto: George Frey (Getty)

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Wie halten es die Versicherungen mit der Kohleindustrie, die aufgrund ihres hohen CO2-Ausstosses umstritten ist? Sehr unterschiedlich – je nachdem, ob das Versicherungsunternehmen in Europa oder den USA ansässig ist. Während bei europäischen Versicherern eine langsame, aber doch wahrnehmbare Absetzbewegung von der Kohle zu verzeichnen ist, lässt sich das von den Konkurrenten jenseits des Atlantiks nicht behaupten. Sie versichern Kohleunternehmen, -bergwerke und -kraftwerke weiterhin uneingeschränkt. Ebenso investieren sie ihre Gelder in alle Arten von Kohleprojekten.

Der Graben zwischen europäischen und amerikanischen Versicherungen in Bezug auf ihr Kohle-Engagement hat sich zuletzt noch vertieft, wie das Kampagnennetzwerk Unfriend Coal im soeben veröffentlichten Bericht feststellt. Das mag erstaunen, ist es doch die Versicherungswirtschaft insgesamt, die von häufigeren und heftigeren Naturkatastrophen als Folge der Erderwärmung unmittelbar über höhere Aufwendungen für Schäden betroffen ist. Die Kohleverfeuerung gilt als grösste Verursacherin von CO2-Emissionen, die wiederum Hauptverursacherin des Klimawandels sind.

Die Assekuranzfirmen verfügen zusätzlich wie kaum eine ­andere Branche über die Hebel, um einen Ausstieg aus der Kohle zu beschleunigen. Denn ohne Versicherungsschutz können schlicht keine Kohlekraftwerke betrieben oder neu erstellt werden. Gemäss Zahlen von Unfriend Coal sind derzeit weltweit rund 1380 solcher Kraftwerke im Bau oder in Planung. «Die Fertigstellung dieser Projekte würde es unmöglich machen, den Zusammenbruch des Klimas noch zu vermeiden», schreiben die Autoren.

Pionierleistung von Axa

Von den 24 Versicherungen, die im Bericht benotet werden, schnitt Swiss Re am besten ab, gefolgt von der italienischen Generali, der Zurich, der deutschen Allianz und der französischen Axa, die 2015 als erster Versicherer überhaupt den Rückzug aus der Kohle einläutete. Der Zürcher Rückversicherer verdankt seine Top-Platzierung den striktesten Richtlinien für die Zeichnung von «Kohlegeschäft»: Versicherungsschutz bekommen nur mehr Unternehmen, die höchstens 30 Prozent ihres Umsatzes mit thermischer Kohle erzielen – und dies über alle Versicherungssparten und -formen hinweg.

Schrittweiser Ausstieg

Bei der Zurich zum Beispiel liegt der entsprechende Schwellenwert bei einer Kohleabhängigkeit von 50 Prozent – zudem gilt der Versicherungsausschluss laut dem Bericht nur für neue Projekte, nicht aber für bestehende. Die Generali beabsichtigt, ihre angestammten Kunden in Polen und Tschechien ab 2019 nicht mehr zu versichern oder ihnen eine zweijährige «Gnadenfrist» einzuräumen, wenn sie glaubwürdige Pläne für einen Kohleausstieg vorlegen. Die Allianz wiederum hat angekündigt, bis 2040 schrittweise aus allen kohlebezogenen Risiken im Nichtleben-Geschäft auszusteigen.

Auch hinsichtlich ihrer Investitions- oder besser: Desinvestitionspolitik gilt Swiss Re laut Unfriend Coal als Vorbild für die Versicherungsbranche. Dies vor allem deshalb, weil der Rückversicherungskonzern seine Ausschlusskriterien für die Investition der Kapitalanlagen über die Kohleindustrie hinaus auch bei der Förderung von Teersand und bei Meeresbohrungen in der Arktis anwendet.

Noch tiefer Marktanteil

Wie der Bericht von Unfriend Coal aber auch deutlich macht: Die Versicherungsbranche ist noch weit davon entfernt, ihre Einflussmöglichkeiten beim Übergang zu einer emissionsarmen Wirtschaft voll auszuspielen. Der Marktanteil jener Versicherer, die ihr Kohle-Engagement einschränkten, beläuft sich 2018 auf gerade mal gut 7 Prozent des globalen Prämienvolumens im Nichtleben-Geschäft. In der Rückversicherung beträgt dieser Anteil ein Drittel.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.12.2018, 06:40 Uhr

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