Vom Helden zum Verräter: Ein griechisches Drama

Ex-Finanzminister George Papaconstantinou schildert in einem Buch, wie ihm Schweizer Bankdaten zum Verhängnis wurden.

In Griechenland verhasst: George Papaconstantinou. Foto: Giannis Liakos (Reuters, Icon)

In Griechenland verhasst: George Papaconstantinou. Foto: Giannis Liakos (Reuters, Icon)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf einmal war er der Gejagte. George Papaconstantinou wurde von den Griechen als Held gefeiert, der sein Land vor der Pleite rettete. Dann wurde er zum Verräter gestempelt, der sein Volk an die internationalen Geldgeber verkaufte. Und es kam noch schlimmer. Dem Ex-Finanzminister Griechenlands wurde vorgeworfen, wichtige Beweise in einem Verfahren unterschlagen zu haben.

Papaconstantinou war nicht einmal zwei Jahre Finanzminister Griechenlands. Doch in dieser Zeit hat der Sozialdemokrat das Land mit seinen Entscheiden nachhaltig geprägt. Er war es, der 2010 den ersten Deal mit der sogenannten Troika aus EU, Weltbank und Internationalem Währungsfonds unterzeichnete. Das habe ihn später zum meistgehassten Mann Griechenlands gemacht, schreibt Papaconstantinou in seinem neuen Buch. In «Game Over» schildert er nicht nur die Wut der Griechen und die Überforderung der Griechenland-Retter, sondern auch, wie ihn politische Intrigen nach seiner Amtszeit beinahe ins Gefängnis brachten.

Papaconstantinou selbst war es, der 2010 von seiner damaligen französischen Amtskollegin Christine Lagarde eine CD mit Schweizer Bankdaten erhielt. Darauf gespeichert waren die Namen von rund 2000 Griechen, die Konten mit mutmasslich unversteuerten Vermögen bei der Genfer Filiale der HSBC-Bank führten. Der Vorwurf der griechischen Ermittler: Papaconstantinou habe die Daten manipuliert und die Ermittlungen bewusst verzögert. So habe er sein Land während der Wirtschaftskrise um dringend benötigte Steuereinnahmen gebracht.

Flug von Davos nach Zürich

Papaconstantinou hat kein einfaches Buch geschrieben. Er beschreibt darin detailliert die Krisensitzungen mit den EU-Finanzministern und die politischen Ränkespiele zwischen Deutschland und Frankreich, als es darum ging, Griechenland rasch vor dem Bankrott zu retten. Im Krisenjahr 2010 wurde er im Wochentakt nach Brüssel oder Luxemburg zitiert oder machte Aufwartungen in Berlin oder Paris. Ein Krisengipfel jagte den nächsten. Komplexe Stabilitäts­mechanismen wurden geschaffen und milliardenschwere Rettungsprogramme aus dem Nichts kreiert. All das sei schwer zu verstehen gewesen, habe aber damals Sinn ergeben, schreibt Papaconstantinou. Das meiste würde er wieder tun – nur der Schuldenschnitt hätte umfassender sein sollen, kritisiert er.

Die Krise machte den vergleichsweise unbedeutenden Finanzminister Griechenlands zu einem der wichtigsten Entscheidungsträger der Welt. Das hatte auch positive Begleiterscheinungen für den Karriereökonomen. Etwa eine Einladung an die illustre Bilderberg-Konferenz. Fast schon rührend ist es, wie er einen Helikopterflug mit der Schweizer Armee von Davos nach Zürich schildert. Die Schattenseiten folgten. So wurde er von Politaktivisten mit Farbe übergossen oder von Journalisten gejagt, als klar wurde, dass gegen ihn wegen der Lagarde-Liste ermittelt wurde.

Ging es zu Beginn der Krise im Jahr 2010 vor allem darum, die griechischen Gläubiger bei Laune zu halten, folgte ab 2011 der Versuch, mehr Geld in die Staatskasse zu holen. Unversteuerte griechische Vermögen in der Schweiz wurden in dieser Zeit zum Heiligen Gral der Eurokrise. Keiner weiss, wie viel griechisches Geld in der Schweiz war. Die Schätzungen lagen zwischen 20 und 200 Milliarden Euro. Würden die reichen Griechen diese Vermögen versteuern müssen, wäre die Schuldenkrise entschärft, so die Hoffnung.

Die von Whistleblower Hervé Falciani in Genf gestohlenen und via französisches Finanzministerium nach Athen gelangten Daten waren also Gold wert für Griechenland. Papaconstantinou erhielt die CD 2010 über die französische Botschaft in Athen zugestellt. Er gab die grössten 20 Dossiers an die Steuer­ermittler weiter, die erst einmal abklären sollten, ob die Informationen aus der Schweiz verlässlich waren. Von der CD entstanden danach mehrere Kopien auf USB-Sticks, das Original aus Frankreich ging aber verloren. Danach passierte lange nichts mehr.

Der Finanzminister stolperte in der Zwischenzeit über ein vorschnell lanciertes Privatisierungsprogramm. 2011 gab er bekannt, dass Staatsbetriebe wie die Bahn oder Energiekonzerne sowie staatliche Beteiligungen und Grundstücke verkauft werden sollten, um dem Staat dringend benötigtes Kapital zu beschaffen. Er unterschätzte aber die politische Sprengkraft des Ausverkaufs. Vor allem, als er das unrealistische Ziel bekannt gab, mit dem Programm 50 Milliarden Euro einnehmen zu wollen. Heute liegt die offizielle Vorgabe der griechischen Regierung bei weniger als 10 Milliarden Euro. Papaconstantinou musste als Minister abtreten.

Kleider fürs Gefängnis dabei

Er zog sich in der Folge zurück. Ende 2011 holte ihn die Lagarde-Liste wieder ein. Ihm wurde vorgeworfen, dass auf den von ihm hinterlassenen USB-Sticks Daten fehlten. Das belegte eine in der Zwischenzeit angeforderte neue CD aus Frankreich. Sie zeigt, dass Namen von Verwandten Papaconstantinous gelöscht wurden. Der Verdacht fiel auf den Ex-Minister. In der Folge wurde seine parlamentarische Immunität aufgehoben und ihm der Prozess gemacht.

Papaconstantinou drohte eine lebenslange Haftstrafe, da die Sabotage der Daten als Landesverrat gewertet wurde. Beim Prozess im letzten Jahr habe er eine Tasche mit Kleidern fürs Gefängnis bereits dabeigehabt, schreibt er in seinem Buch. Gebraucht hat er sie nicht. Die schwerwiegenden Vorwürfe wurden fallengelassen – zu dünn war die Beweislage. Papaconstantinou wurde nur in einem Nebenpunkt schuldig gesprochen und erhielt eine Bewährungsstrafe. Es sei ein Komplott gegen ihn gewesen, schreibt Papaconstantinou.

Der Ex-Politiker lässt im Buch durchblicken, dass sein Nachfolger im Finanzministerium, der Sozialdemokrat Evangelos Venizelos, ihm politisch schaden wollte. Das hat er erreicht. Im Zentrum der europäischen Macht ist Papaconstantinou nicht mehr. Nicht einmal in Griechenland spielt er noch eine Rolle.

Für seinen angeschlagenen Ruf ist er aber selbst mitverantwortlich. Auch das beschreibt er in seinem Buch. Denn die Versprechen der Troika und der damaligen Regierung haben sich in Luft aufgelöst. 2010 gingen die Griechenland-Retter davon aus, dass die griechische Wirtschaft nur kurz einbrechen werde. Auch die Arbeitslosigkeit sollte bloss zwischenzeitlich ansteigen. Die Realität ist eine andere. Sechs Jahre nach der ersten Griechenland-Rettung ist das Land schon fast so verschuldet wie beim Ausbruch der Krise, und die Arbeitslosenquote verharrt bei 25 Prozent. Auch die griechischen Vermögen in der Schweiz wurden nie angezapft.

Erstellt: 23.09.2016, 22:38 Uhr

Artikel zum Thema

Touristischer Rekordsommer für Griechenland

Ägypten, Tunesien und die Türkei sind als Urlaubsziele momentan unbegehrt. Griechenland dagegen erwartet einen Rekordsommer. Die Flughäfen profitieren. Mehr...

«Hardliner wollen griechischen Sparbeschluss auf Vorrat»

Interview Die Eurofinanzminister beraten über die griechische Schuldenkrise. Droht wieder ein heisser Sommer um Griechenland? Antworten von Korrespondent Stephan Israel. Mehr...

Das Parlament spart, das Volk demonstriert

Die Abgeordneten in Griechenland haben die Forderungen der internationalen Gläubiger erfüllt. Hunderte Randalierer haben eine friedliche Demonstration ins Chaos gestürzt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Warum Hafer (fast) so wirksam ist wie Medizin

Geldblog Der Crash wird über kurz oder lang kommen

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...