Wagt Draghi jetzt den nächsten Tabubruch?

Ökonomen fordern, die Europäische Zentralbank solle sich die Schweizerische Nationalbank als Vorbild nehmen.

Kommt bald der nächste Coup? EZB-Chef Mario Draghi. Foto: Boris Rössler (Keystone)

Kommt bald der nächste Coup? EZB-Chef Mario Draghi. Foto: Boris Rössler (Keystone)

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Die Idee mag vielen abwegig erscheinen. Das sagt Karsten Junius selbst. Doch das sei sie gar nicht, schiebt der Chefökonom der Basler Bank J. Safra Sarasin nach. Die Schweiz, mache das, was er jetzt der Europäischen Zentralbank empfiehlt, schon seit Jahren vor: Aktien kaufen. «Das Beispiel der Schweizerischen Nationalbank, die seit Jahren in Aktien investiert, zeigt, dass dies auch für die EZB sinnvoll sein könnte», sagt er.

Er ist mit dieser Meinung nicht allein. Und nicht nur von der EZB fordern immer mehr Finanzexperten, ihre Notenpresse noch schneller rotieren zu lassen und die Kaufprogramme auf Aktien auszudehnen. In Grossbritannien ist eine ähnliche Diskussion bereits in vollem Gang. «Wer will, dass Unternehmen mehr investieren, muss höhere Aktienkurse wollen», argumentiert beispielsweise Eric Lonergan von der britischen Fondsgesellschaft M&G für Aktienkäufe durch die Bank of England.

Infografik: Notenbanken kaufen Finanzmärkte auf Grafik vergrössern

Damit bahnt sich ein weiterer Tabubruch an. Bereits seit Jahren kauft die Europäische Zentralbank Staatsanleihen, Kreditverbriefungen und Pfandbriefe am Markt auf, seit Juni zusätzlich auch noch Unternehmensanleihen.

Ziel des Ganzen ist es, die Firmen zu mehr Investitionen zu bewegen, so die Konjunktur in Fahrt zu bringen und dadurch letzten Endes auch die Preissteigerungsraten zu erhöhen.

Bald nicht mehr genug Anleihen im Markt

Das Problem: Schon bald gehen der EZB die Anleihen aus, die sie unter den bisher geltenden Vorgaben kaufen kann. Nach Berechnungen der Investmentbank Société Générale wird das Limit bei finnischen Staatsanleihen schon im November erreicht, bei deutschen etwa im März kommenden Jahres.

Sollte die EZB die Bedingungen für die kauffähigen Anleihen im September lockern, wäre noch etwas mehr Zeit. Doch auch dann käme irgendwann der Punkt, an dem die EZB entweder die Kaufprogramme einstellen oder aber sich neue Anlageklassen aussuchen müsste. «Der logische nächste Schritt sind natürlich ETFs auf Aktien», sagt Markus Zschaber von der V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft.

Er verweist ebenfalls auf das Vorbild der Schweiz, aber auch auf Japan. Denn die Bank of Japan kauft bereits seit sechs Jahren ETFs, also börsengehandelte Indexfonds. Erst vor Kurzem verdoppelte sie sogar die jährliche Anlagesumme von drei auf sechs Billionen Yen (rund 53 Milliarden Euro). Dadurch mutierte sie mittlerweile bei 81 japanischen Firmen zu einem der fünf grössten Investoren.

Bank of Japan kauft seit Jahren ETFs

Der Finanznachrichtendienst Bloomberg hat ausgerechnet, dass die Notenbank Ende kommenden Jahres sogar bei 55 Firmen der grösste Anleger sein wird, wenn das Kaufprogramm so fortgeführt wird wie bisher. Beim Klavierhersteller Yamaha ist die Notenbank schon jetzt Investor Nummer eins, bei Olympus wird sie diesen Rang voraussichtlich Ende des Jahres erreichen.

Infografik: Japan als Vorbild für die EZB? Grafik vergrössern

Das Ziel der Aktienkäufe in Japan ist es, die Inflation anzuheizen. Genau das versucht auch die EZB zu erreichen, bisher allerdings ebenso erfolglos wie die Kollegen in Tokio. In der Logik der Zentralbanken bleibt da nur eine Konsequenz: Noch mehr Geld drucken und damit noch mehr Wertpapiere am Markt aufkaufen.

Für Karsten Junius hätten Aktienkäufe durch die EZB aber noch einen weiteren Vorteil: Sie würden die Risiken für die Notenbank verringern. «Aktien mögen in der kurzen Frist riskant erscheinen, da sie höhere Kursschwankungen als andere Anlagen aufweisen können – daher kommen sie als Anlage für Zentralbanken kaum infrage, wenn diese ihre Bilanzsumme nur temporär ausweiten wollen.» Genau dies sei aber bei der EZB kaum mehr zu erwarten. Vielmehr werde diese noch auf Jahre weiter Geld drucken, und dann sei eine bessere Mischung der gekauften Papiere wichtig.

SNB ist Grossinvestor bei Apple

Das macht er am Beispiel der Schweiz deutlich. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hält inzwischen rund ein Fünftel ihrer Bilanzsumme in Form von Aktien. Allerdings kauft sie im Gegensatz zur Bank of Japan keine ETFs. Vielmehr investiert sie direkt in einzelne Aktien, und zwar vor allem in ausländische, denn ihr Ziel ist es, den Aussenwert des Franken zu deckeln.

60 Prozent der Anlagen entfallen auf amerikanische Aktien. Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres haben die Schweizer Notenbanker ihren Bestand an US-Papieren um 50 Prozent gesteigert, von rund 41 auf etwa 61 Milliarden Dollar. Rund 1,1 Milliarden haben sie beispielsweise in Microsoft investiert, 1,2 Milliarden in Exxon Mobil und in Apple sogar 1,5 Milliarden Dollar. Bei Apple ist die SNB dadurch inzwischen ein grösserer Anteilseigner als grosse Investmentbanken wie Morgan Stanley oder grosse Fondsgesellschaften wie Janus oder Calpers.

«Negative Auswirkungen sind für die Geldpolitik nicht auszumachen», sagt Junius. «Ganz im Gegenteil.» Denn Aktien werfen einen deutlich höheren Ertrag ab als Anleihen. Und dies würde auch für die EZB gelten, wenn sie Aktien kaufen würde. «So beträgt die Dividenenrendite beim deutschen Dax aktuell immerhin drei Prozent und beim EuroStoxx 50 sogar 4,9 Prozent.»

«Der direkte Weg in den Sozialismus»

Kritiker warnen jedoch, dass mit diesem neuerlichen Tabubruch ein Weg beschritten würde, der am Ende zu ungewollten Konsequenzen führen würde. Am explizitesten hat das Marc Faber, einer der alten Hasen unter den Fondsmanagern, ausgedrückt. In einem Interview bei CNBC warnte er vor dem Kaufrausch der Notenbanken. «Letzten Endes werden sie sämtliche Staatsanleihen aufkaufen, alle Unternehmensanleihen und alle Aktien, die es am Markt gibt», so Faber.

Wenn dann der Immobilienmarkt in die Knie gehe, würden sie auch noch Immobilien kaufen, und dann gehöre den Notenbanken und damit den Staaten alles. Und damit wäre das gesamte Wirtschaftssystem infrage gestellt. «Das ist der direkte Weg in den Sozialismus.»

Doch selbst wenn es nicht so weit kommt und die EZB nur einen kleinen Anteil der Aktien kauft, wäre dies gefährlich. Dann gäbe es nämlich kaum noch ein Zurück. Denn wenn es zu einem Kursrückgang käme, müsste sie praktisch sofort intervenieren – indem sie noch mehr Aktien kauft und damit den Wert der eigenen Anlagen wieder nach oben treibt. Verkaufen dagegen könnte sie kaum noch, da sie dies stets vorher ankündigen müsste – was sofort die Kurs verfallen liesse. Allein solche Szenarien sollten die Idee von Aktienkäufen durch die EZB eigentlich weiterhin abwegig erscheinen lassen. Eigentlich.

Erstellt: 18.08.2016, 12:38 Uhr

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