Andermatt, wo ist der Aufschwung?

Vor zehn Jahren kam Samih Sawiris und versprach Grosses: Was daraus wurde. Besuch im Bergdorf.

Idyllisch gelegen, aber noch nicht vollständig entwickelt: Die Leute in Andermatt glauben nach wie vor an die touristische Aufwertung. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Idyllisch gelegen, aber noch nicht vollständig entwickelt: Die Leute in Andermatt glauben nach wie vor an die touristische Aufwertung. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

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Im Urserntal nannte man sie «Lachonige» – die, die man kommen liess, um zu arbeiten. Man grenzte die Zuzüger damit ab von den «Hiesigen». Jetzt strömen wieder Lachonige ins Tal. Das Projekt des Ferienresorts Andermatt Swiss Alps (lesen Sie hier den Hoteltest von Karl Wild - Teil 1 - Teil 2 - Teil 3) schafft Hunderte neue Stellen.

Ein mondänes Resort mit 6 Hotels, 500 Ferienwohnungen, 25 Chalets, 420-plätziger Tiefgarage und 18-Loch-Golfplatz in diesem abgelegenen Tal? Das kam vielen in der Schweiz nicht seriös vor, als die Pläne erstmals präsentiert wurden. Doch hoch oben auf 1436 Metern über Meer glaubte man an die Vision dieses völlig unbekannten ägyptischen Investors Samih Sawiris. Man wollte daran glauben. Und man glaubt trotz Rückschlägen noch heute daran.

Fotos – Blick ins The Chedi, das Prunkstück von Samih Sawiris' Resort:

Andermatt befand sich damals in einer kollektiven Depression. Über Jahrzehnte hatte die Schweizer Armee das Dorf zwischen Oberalp-, Furka- und Gotthardpass ernährt. Sie wirkte mit ihrer Präsenz vor Ort wie ein ununterbrochenes, massives Subventionsprogramm für die Region. Der lokale Waffenplatz beschäftigte in Spitzenzeiten 200 Menschen. «Man musste eigentlich nicht viel können. Trotzdem hatte man bei der Armee einen gesicherten Job bis zur Pensionierung», sagt Bänz Simmen, der im Ort einen Kiosk führt und historische Führungen anbietet.

Leben in der Blase

Das Militärdepartement sorgte auch für volle Beizen und Betten. Das Gewerbe bekam gute Aufträge. «Eigentlich war das hier oben Planwirtschaft wie in der DDR – nur ohne Kommunismus», sagt Simmen. Die Jahresplanung der Armee war die Budgetvorgabe für die lokalen Unternehmer. Davon profitierten alle. Andermatt lebte in einer mit Bundesgeldern aufgepumpten Blase.

Dann platzte diese Blase. Die Armee passte nach Ende des Kalten Krieges ihre Strategie an und zog sich aus dem Reduit zurück. Andermatt fiel in eine Krise. «Die Leute hatten plötzlich keine Perspektive mehr», erinnert sich Gemeindepräsidentin Yvonne Baumann. Es war deshalb hochwillkommen, dass jemand diesen Ort wieder zurück auf die Landkarte setzen wollte. Am 29. April 2007 segnete die Bevölkerung von Andermatt mit 96 Prozent Ja-Stimmen eine Anpassung des Zonenplans ab. Damit war der Weg frei für das Sawiris-Projekt.

725 Millionen Franken investiert

Zehn Jahre und 725 Millionen Franken an Investitionen später stehen das Luxushotel The Chedi beim Bahnhof und vier Apartmenthäuser auf der anderen Seite der Geleise. Damit ist erst ein Bruchteil des neuen Ortsteils fertiggestellt. Auch das der Bevölkerung als Zückerchen präsentierte Sportzentrum mit Hallenbad gibt es noch immer nicht. Das führt zu Frust im Dorf. Opposition ist trotzdem nicht auszumachen. Denn Alternativen gibt es hier oben keine.

Auf der Gemeindekanzlei streicht man denn auch lieber die positiven Veränderungen hervor. «Das Projekt wirkt wie ein Motor, der den Rest der Wirtschaft mit sich zieht», sagt Baumann. Das lokale Gewerbe profitiere ungemein und könne sogar neue Lehrstellen schaffen, freut sie sich. «Das gibt der Jugend eine Perspektive.» Nach einer Abwanderungsphase ziehen erstmals wieder Leute in die Urner Gemeinde. Die Bevölkerungszahl stieg seit Sawiris’ erster Ankündigung um ein Zehntel auf 1380. Die Steuereinnahmen haben sich verdoppelt, entsprechend konnte der Steuerfuss um 5 Prozentpunkte auf 110 Prozent gesenkt werden. Nicht zuletzt haben sich neue Unternehmer angesiedelt.

Einer von ihnen ist Thomas Rey. Zusammen mit einem Geschäftspartner übernahm er vor drei Jahren das Pinte Pub & Club an der Gotthardstrasse. «Ich war extrem euphorisch, als Sawiris seine Pläne bekannt gab», erzählt der Gastrounternehmer. Es war für ihn der Anlass, die Hotelfachschule zu besuchen und seine Zukunft im Urserntal zu planen. Nach wie vor findet Rey das Projekt faszinierend. Es habe sich viel verändert im Ort. «Andermatt wurde lebendiger, internationaler», so Rey. Doch auch er musste erkennen, dass alles länger dauert, als man anfänglich dachte.

Selbst an der Nase nehmen

Eine blühende Landschaft findet man in Andermatt heute nicht. Zwar entstanden vereinzelt neue innovative Hotels, Restaurants, Bars und Läden. Doch selbst an der Hauptstrasse stehen diverse Ladenlokale frei, mehrere Hotels suchen Käufer, gastronomisch dominiert noch immer der Skihütten-Standard mit Pizza Funghi und Schnipo. Wichtige Elemente der Grundversorgung wie etwa eine Apotheke fehlen. Die Betten in den Gaststätten ausserhalb des Resorts füllen sich schlecht. «Der Boom blieb aus», resümiert Simmen. Die Andermatter müssten sich aber selbst an der Nase nehmen, findet Pubbesitzer Rey. Viele hätten einfach gehofft, dass es so gehe wie früher, als das Militär für ein sicheres Einkommen sorgte. «Doch man muss selbst etwas anreissen», so der Jungunternehmer. Oder wie es Simmen sagt: «Das Projekt ist eine riesige Chance. Man muss sie nur nutzen.»

Fotos – auf dem neuen Golfplatz in Andermatt:

Der umtriebige Kioskbetreiber, der einst eine der ersten Schweizer Snowboardschulen gegründet hatte, sieht auch Mankos bei Andermatt Swiss Alps. Es habe anfänglich sehr viele Managementwechsel gegeben. Auch beim Personal sei die Fluktuation sehr hoch gewesen. Das liege auch daran, dass die Infrastruktur schlecht sei. Dem stimmt auch Rey zu. «Es gibt hier kein Fitnesscenter, kein Kino, nichts.» Kein Wunder, bleiben die jungen Leute nicht lange. Kommt hinzu, dass Andermatt Swiss Alps es verpasst hat, selbst Personalwohnungen zu bauen. Nun müssen die Angestellten in alten Gruppenunterkünften logieren oder in tiefer liegende Gemeinden ausweichen. Eine gute Wohnsituation sei aber wichtig für die Motivation, weiss Rey, der selbst an vielen Orten gearbeitet hat.

Mehr tun fürs Personal

Mit der Situation auf dem Wohnungsmarkt ist auch Gemeindepräsidentin Baumann nicht zufrieden. Trotz wirtschaftlicher Sogwirkung des Resorts liessen sich bisher kaum junge Familien nieder. «Die Schülerzahlen sinken», erzählt sie. Das liege daran, dass es kaum erschwingliche Wohnungen für Neuzuzüger gebe. «Es werden kaum Erstwohnungen gebaut», sagt sie. Das Problem wird sich kommendes Jahr nochmals verschärfen, wenn mit dem Radisson Blu das zweite Hotel eröffnet und nochmals Dutzende neuer Jobs entstehen. Während bei den Wohnungen Knappheit herrscht, ist es bei Häusern zu einer Preisexplosion gekommen. Seit Projektankündigung sind die Immobilienpreise um 160 Prozent gestiegen, wie Daten des Beratungsbüros Wüest Partner zeigen.

Fliegt auch mal mit dem Helikopter an: Samih Sawiris auf dem Oberalppass über Andermatt.

Bei Andermatt Swiss Alps weiss man um die Defizite. «Wir machen hier in ein paar Jahren das, was anderswo vierzig Jahre dauerte», sagt Geschäftsführer Franz-Xaver Simmen. Da könne es schon mal zu Verzögerungen und Problemen kommen. Auch das Problem mit den Personalwohnungen will er angehen. «Da tut sich was», verspricht er. Man suche derzeit nach einem idealen Standort. Denn auch das Unternehmen weiss: Das Resort kann nur Erfolg haben, wenn auch der Rest des Dorfes zu blühen beginnt. Bis dahin wird es gut und gerne noch ein paar Jahre dauern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2017, 21:39 Uhr

Orascom Development

Schwieriges Jahr

Samih Sawiris’ Immobilienkonzern Orascom Development hat 2016 einen Verlust von 196,4 Millionen Franken geschrieben. Vor einer Woche hatte die Führung einen Fehlbetrag zwischen 105 und 205 Millionen in Aussicht gestellt. Begründet wird die tiefrote Zahl mit der Abwertung des ägyptischen Pfunds, die zu Neubewertungen der ägyptischen Tochter­gesellschaften führten. Im Vorjahr hatte der Verlust noch 19,1 Millionen Franken betragen. Der Umsatz ging von 306,1 Millionen Franken auf 237,4 Millionen Franken zurück. Andermatt Swiss Alps gehört dem Konzern zu 49 Prozent. Das Resort fuhr mit 36,1 Millionen Franken einen quasi unveränderten Verlust ein. Dieser sei erwartet worden, so die Verantwortlichen. Lichtblick ist das Fünfsternhotel The Chedi. Die Zahl der Übernachtungen stieg um 17 Prozent, der Umsatz um ein Viertel auf 19,1 Millionen Franken. (SDA)

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