Warum die meisten Lebensweisheiten falsch sind

Sie können alles schaffen, wenn Sie es wirklich wollen: Das verspricht die Selbsthilfe-Literatur.

Meditiere täglich, und du wirst CEO: Der Glaube, mit einfachen Lebensweisheiten schnell erfolgreich zu werden, hält sich seit der Bibel hartnäckig. Foto: Getty

Meditiere täglich, und du wirst CEO: Der Glaube, mit einfachen Lebensweisheiten schnell erfolgreich zu werden, hält sich seit der Bibel hartnäckig. Foto: Getty

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Falscher Trost verkauft sich gut. Wir sind anfällig auf Erfolgsformeln, Sinnsprüche und Lifehacks. Kein Wunder, denn wir sind nicht geboren, um glücklich zu sein, sondern um zu überleben. Leider ist das mit allerlei Anstrengungen verbunden: In der Schule, bei der Arbeit, privat – ständig werden wir geprüft, gefordert, ­gegängelt. Hin und wieder straucheln wir. Dann zweifeln wir an uns. Und sind bereit für die Lebensweisheiten der Motivationsindustrie.

Diese hat zweitausend Jahre lang den Buchhandel dominiert, mit dem meistverkauften Selbsthilfebuch aller Zeiten, der Bibel. Da steht: «Fürchte dich nicht!», «Dein Licht kommt!», «Sei getrost und unverzagt!». Solche Verse trösten. Doch himmlischer Trost kann auf Erden nichts kaufen. Das merkten die Erdenbürger irgendwann. Genau genommen 1937, als Napoleon Hill mit seinem Büchlein «Denke nach und werde reich» die Heilige Schrift vom Thron stiess. Reich wurde mit dem Buch aber nur Hill selber. Genauso wie Norman Vincent Peale, der mit seinem 1952 veröffentlichten Elaborat «Die Kraft positiven Denkens» auch posthum viele Erfolgshungrige an der Nase herumführt: «Wer davon ausgeht, dass er erfolgreich sein wird, der ist bereits erfolgreich.» Schön wärs.

Er hat den christlichen Glauben mit dem Buch «Die Kraft positiven Denkens» in eine Erfolgslehre umgedeutet: Norman Vincent Peale. Foto: Nancy R. Schiff (Getty)

Die Schundliteratur der Lebens­weisheiten findet auch heute grosses Publikum. Der Zeitmanagement-Guru Lothar Seiwert verkündet: «In jedem Menschen steckt die Energie eines Tigers. Wer sie freisetzt, kann alles erreichen.» Das ist zum Lachen, aber nicht lustig. Denn wer sich an so etwas aufrichtet, hebt sich auf ein Podest, von dem er beim ersten Kontakt mit der Realität herunterfällt. Direkt in die Arme des nächsten Gurus.

Die Wahrheit will niemand hören

Das Internet verhilft dubiosen Sprücheklopfern zu einem Millionenpublikum. Dort verbreiten sie Fake-Lebensweisheiten wie: «Folge deiner Passion, dann wird das Geld dir ­folgen.» Nein, wird es nicht, denn es gibt hunderttausend andere Künstler, Sportler und Blogger. Alle stehen mit dir im direkten Wettbewerb. Der Comedian Michel Gammenthaler sagt dazu ganz unkomödiantisch: «Ich kenne viele, die leidenschaftlich ihrer Passion folgen, aber trotzdem keinen Erfolg haben. Einfach weil sie nicht gut genug sind.» Passion reicht nicht für Erfolg. Man muss wirklich gut sein. Talentiert. Und bereit, sich anzustrengen. Und dann muss man auch noch Glück haben.

Das sind unangenehme Wahrheiten. Davor würden sich viele lieber in einen Kokon aus wohlfeilen Lebensweisheiten zurückziehen, gewebt aus okkulten Merksprüchen und pseudowissenschaftlichem Halbwissen. Etwa, dass man am besten auf seinen Bauch hören soll. Falsch, denn das Gehirn ist dem Bauch in den meisten wichtigen Entscheidungssituationen überlegen (sonst hätten wir nämlich keins). Oder dass man niemals aufgeben soll. Doch das soll man, weil man sonst in unlösbaren Problemen stecken bleibt. Oder, dass man über dem stehen soll, was Kritiker sagen. Besser nicht, denn es ist möglich, dass diese recht haben. Oder dieses nicht auszurottende Mantra: Positiv denken! Das führt im Extremfall in die Depression. Denn wer sich die Welt rosa vorstellt, sieht schwarz, wenn er sie wirklich sieht.

Verbreitet, weil sie gut klingen, nicht weil sie stimmen

Wenn Selbsthilfe-Bullshit viral geht, entstehen unsterbliche Memes, die das Internet wie die Pest überziehen. Zum Beispiel die von Malcolm Gladwell in die Welt gesetzte Idee, dass man es durch 10'000 Stunden Übung an die Weltspitze schafft. Ich spiele mein Instrument seit vierzig Jahren, Weltspitze bin ich trotzdem nicht. Oder dass man mit einer 4-Stunden-Arbeitswoche ein Auskommen bestreiten kann: Was als inspirierendes Bonmot effektiven Selbstmanagements gedacht war, wird zum sozialmedialen Clickbait kastriert. Die Folgen sind fatal: Unzählige Millennials fantasieren davon, mit 30 reich in Rente zu gehen. Get a life!

Die meisten Lebensweisheiten hören sich einfach und einleuchtend an. Deswegen sind sie aber noch lange nicht richtig. Sie sind verbreitet, weil sie gut klingen. Nicht weil sie wirken. Zum Schluss noch eine Lebensweisheit von mir, die garantiert stimmt: Sie können alles schaffen, wenn Sie es wirklich wollen. Es sei denn, es ist zu schwer. Dann nicht.

Erstellt: 01.07.2019, 13:43 Uhr

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