Warum Mitarbeiter stehlen – und wann der Chef Mitschuld trägt

Jeder fünfte Angestellte klaut am Arbeitsplatz. Eine Umfrage enttarnt die dreistesten Diebe, ein Psychologe erklärt das Phänomen.

Kann ja mal passieren – oder nicht? Frau stiehlt einen Bostitch. Foto: iStock

Kann ja mal passieren – oder nicht? Frau stiehlt einen Bostitch. Foto: iStock

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Im Leben gerät der Mensch bisweilen in Notlagen. Zum Beispiel kommt es vor, dass er Überstunden macht. Er sitzt also im Büro, draussen haben die Läden längst geschlossen, und als er sich endlich losreissen kann von seinen Akten und Spesenabrechnungen, fällt ihm ein: Zu Hause hats kein WC-Papier mehr.

Was will man da machen?

Wer in einer solchen Lage einfach eine Rolle Papier aus der Firmen-WC einsteckt, mag denken, er habe eine pragmatische Lösung gefunden – aber streng genommen beklaut er in diesem Moment seinen Arbeitgeber. Also doch noch ein Umweg zum nächsten Laden. Oder nicht?

Umfrage

Jetzt mal ehrlich: Haben Sie schon mal im Job gestohlen?





Tatsächlich ist Diebstahl im Job ein weit verbreitetes Phänomen. Auch in der Schweiz. Gemäss einer repräsentativen Umfrage des Online-Vergleichsdienstes Moneyland stehlen die Schweizerinnen und Schweizer häufiger als erwartet. Häufigster Ort des Diebstahls sind die öffentlichen Verkehrsmittel (Schwarzfahren), gefolgt vom Arbeitsplatz. 18 Prozent der befragten 1500 erwachsenen Personen in der Deutsch- und Westschweiz gaben an, am Ort ihres beruflichen Wirkens schon einmal etwas gestohlen zu haben.

Bei der jüngsten Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen haben sogar 27 Prozent schon einmal etwas von ihrem Arbeitsplatz mitlaufen lassen. Deutschschweizer sind unehrlichere Mitarbeiter als Westschweizer: 20 Prozent der Deutschschweizer haben schon einmal Eigentum ihres Arbeitsgebers gestohlen, bei den Romands sind es nur 13 Prozent.

Nicht immer bleibt es bei notfallbedingten Bagatellen, wie das Beispiel der chinesischen Fluglinie Cathay Pacific zeigt. Sie beklagte eben erst, dass ihre Mitarbeiter sich offensichtlich grosszügig am Firmeneigentum bedienen. Häagen-Dazs-Glacebecher und Champagnerflaschen, die eigentlich für die Passagiere der ersten Klasse gedacht sind, kämen in grosser Stückzahl abhanden, auch Besteck verschwinde auf unerklärliche Weise. Konzernchef Rupert Hogg versuchte es erst mit einem diplomatischen Hinweis. Per Mail wurden alle Mitarbeiter des Unternehmens an die Regeln erinnert - ohne Erfolg. Also führte er stichprobenartige Kontrollen ein.

Schon beim ersten Versuch am Flughafen in Hongkong wurden sechs Mitarbeiter auf frischer Tat ertappt. Über die Jahre habe die mangelnde Integrität des Personals das Unternehmen wohl mehrere Hundert Millionen Hongkong-Dollar, umgerechnet Dutzende Millionen Franken gekostet, heisst es.

Das sagt der Arbeitspsychologe dazu

Sitzen in den Unternehmen also lauter moralbefreite Kleinkriminelle, die ihren Arbeitgebern ohne Grund finanziellen Schaden zufügen? So einfach ist die Sache nicht, findet zumindest der Salzburger Arbeitspsychologe Christian Blind. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Phänomen stehlender Mitarbeiter. Er kennt unterschiedliche Gründe, die Menschen zu dieser Form der moralischen Grenzüberschreitung führen – und fast alle haben auch etwas mit dem Arbeitgeber zu tun.

Blind sagt, man müsse zunächst nach der Schwere des Diebstahls unterscheiden. In weniger gut bezahlten Jobs, im Supermarkt zum Beispiel, hätten Vergehen oft einfach mit Missverständnissen zu zun: «Es ist heute schwerer zu verstehen, was erlaubt ist und was nicht», sagt Blind. Oft gebe es einfach einen Unterschied zwischen dem moralischen Empfinden der meisten Menschen einerseits und den Vorschriften des Unternehmens andererseits.

Öfter kollidiert zudem die individuelle Vorstellung von Recht und Unrecht mit den Vorschriften. «In früheren Zeiten war es ganz selbstverständlich, dass übrig gebliebene Backwaren nach Ladenschluss zwischen den Mitarbeitern aufgeteilt werden konnten», sagt Blind. Heute gehe das oft nicht, selbst wenn die Lebensmittel entsorgt werden – Hygienevorschriften oder komplizierte Logistikprozesse stehen dem entgegen.

Selbst Bagatelldelikte können bereits eine fristlose Entlassung rechtfertigen. Das zeigte vor vier Jahren ein Urteil des Bundesgerichts.

Wer einen Arbeitsvertrag unterschreibt, übernimmt Pflichten. Chefs haben eine Fürsorgepflicht, und Arbeitnehmer eine Pflicht zur Loyalität. Loyal zu sein bedeutet, der Firma nicht zu schaden. Bestiehlt ein Mitarbeiter seinen Arbeitgeber, einen Kollegen oder Kunden, dann verletzt er diese arbeitsvertraglichen Pflichten. Der Chef hat dann einen wichtigen Grund für eine ausserordentliche und damit meist fristlose Kündigung.

Selbst Bagatelldelikte können bereits eine fristlose Entlassung rechtfertigen. Das zeigte vor vier Jahren ein Urteil des Bundesgerichts. Dabei ging es um den Fall eines Restaurantmitarbeiters, der vom Arbeitgeber erwischt worden war, als er versuchte, eine billige Flasche Wein mitlaufen zu lassen. Als Folge davon wurde er sofort entlassen. Zu Recht, urteilte das Bundesgericht. Dass der Wein bloss einen geringen Wert gehabt habe, sei nicht massgebend. Selbst ein kleiner ­Deliktbetrag könne das Vertrauens­verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeberin nachhaltig zerstören.

Diebstahl als Rache am Arbeitgeber

Ganz anders hatte das Arbeitsgericht Zürich 2004 einen anderen Mitarbeiterdiebstahl beurteilt. Eine Serviceangestellte hatte damals ihrem Arbeitgeber geräuchertes Schweinefleisch im Wert von 60 Franken entwendet. Das Arbeitsgericht entschied, der Betrag sei zu gering, um das Vertrauen des Arbeitgebers definitiv zu zerstören; die fristlose Entlassung sei daher ungerechtfertigt.

Diebstahl sei bei höher qualifizierten Mitarbeitern fast immer die Reaktion auf eine Kränkung, sagt Arbeitspsychologe Christian Blind. Zum Beispiel, weil Mitarbeiter ihre Arbeit nicht gewürdigt sehen, weil sie bei einer Beförderung übergangen oder auch weil sie zu Unrecht für das Scheitern eines Projekts verantwortlich gemacht werden. «Diese Kränkung führt dann zu dem Wunsch, erlittenes Unrecht auszugleichen oder sich sogar zu revanchieren», sagt Blind. In einigen Fällen bleibe es dann auch nicht beim eingesteckten Locher oder ein paar entwendeten Kaffeekapseln, sondern der Ärger könne sogar in der heimlichen Sabotage des Betriebsablaufs münden.

Die Unternehmen haben an der mangelnden Loyalität ihrer Leute also mindestens eine Mitschuld.

Auch die strukturellen Veränderungen im Arbeitsleben laufen der Loyalität von Mitarbeitern zu ihren Arbeitgebern oft zuwider. Die Bindungen zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern werden seit Jahren immer loser. Traditionelle Festanstellungen sind in vielen Branchen nur noch schwer zu bekommen, Arbeitnehmer haben es stattdessen mit Stundenlohnverträgen, Arbeit auf Abruf oder befristeten Anstellungen zu tun. Zudem verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, der Job ist oft nicht mehr an einen bestimmten Arbeitsort gebunden. Das alles reduziere die Bedeutung, die die Firmenzugehörigkeit für die eigene Identität hat, sagt der Psychologe Blind: «Die Menschen definieren sich heute weniger über ihren Arbeitgeber, deshalb fühlen sie sich auch weniger an dessen Ziele gebunden.»

Die Unternehmen haben an der mangelnden Loyalität ihrer Leute also mindestens eine Mitschuld. Was aber können Arbeitgeber nun tun, um die Integrität ihrer Mitarbeiter sicherzustellen? Variante eins: Sie könnten, so wie es nun Cathay Pacific mit seinen klauenden Flugbegleitern gemacht hat, strengere Kontrollen einführen. Überwachungssysteme, Kameras, Stichproben-Checks beim Verlassen des Firmengeländes, diese Dinge. Allerdings, sagen Fachleute, sei das mit viel Aufwand verbunden und führe nicht unbedingt zum Erfolg – schliesslich sei es gerade bei Konzernen mit vielen Tausend Mitarbeitern fast unmöglich, die Integrität jedes Einzelnen durch Kontrolle sicherzustellen.

Gute Bezahlung beugt Diebstahl vor

Sinnvoller sei es dagegen, sagen Unternehmensberater, in der Firma auf Transparenz und ein gutes Betriebsklima zu achten – und möglichst klare Regeln zu definieren: Je eindeutiger deutlich gemacht wird, was erlaubt ist und was nicht, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Mitarbeiter in der konkreten Situation falsch entscheiden. Je klarer kommuniziert wird, warum die eine befördert wird und der andere nicht, desto geringer ist das Risiko, dass die Unterlegenen vor lauter Frust destruktiv werden und den Erfolg des Unternehmens gefährden.

Und dann ist da noch, natürlich, die Sache mit der Bezahlung. Geld ist die einfachste Form, mit der Unternehmen Liebe ausdrücken können – anständig bezahlt zu werden erhöht die Chancen deutlich, dass die Mitarbeiter diese Liebe erwidern. Und wenn sie in einem absoluten Notfall dann mal eine Rolle WC-Papier mitgehen lassen, wer weiss: Vielleicht bringen sie am nächsten Tag sogar zwei wieder zurück.

Erstellt: 07.05.2019, 13:35 Uhr

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