Was Zuwanderung und Umverteilung verbindet

Die Bereitschaft zur Umverteilung gerät dort am meisten unter Druck, wo die Bevölkerung immer weniger einheitlich wird. Das zeigt eine neue Studie.

Asylsuchende auf dem Weg zum Asylzentrum in Schafhausen im Emmental. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Asylsuchende auf dem Weg zum Asylzentrum in Schafhausen im Emmental. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Geht die Migration zu weit, ist in den europäischen Ländern der Sozialstaat gefährdet. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Ökonomen Alberto Alesina, Elie Murard und Hillel Rapoport. Vor allem der an der US-Eliteuniversität Harvard lehrende Alesina gehört zu den Stars der Wissenschaft. Rapoport lehrt an der ­Paris School of Economics in der französischen Hauptstadt, und Murard ist beim Institute of Labour Economics in Deutschland beschäftigt.

Die drei Wirtschaftswissenschafter haben für ihre Studie Daten aus 16 westeuropäischen Ländern – inklusive der Schweiz – ausgewertet. Dabei haben sie zwei Arten von Daten untersucht: Erstens solche aus Erhebungen zur Einstellung der im jeweiligen Land Geborenen zur Migration in verschiedenen Jahren. Dann haben sie diese Daten mit solchen zur tatsächlichen Zuwanderung verglichen.

Die Ökonomen konnten zeigen, dass die Bereitschaft der Leute zu einer Umverteilung umso stärker zurückgeht, je grösser der Anteil der Eingewanderten in einer Region zugenommen hat. Dabei spielt nicht nur die aktuelle, sondern auch die vergangene Zuwanderung eine grosse Rolle. Am deutlichsten zeigt sich das dort, wo der Sozialstaat besonders stark ausgebaut ist: In den skandinavischen Ländern und in Frankreich.

Der Fokus der Erhebungen lag nicht bei den Ländern, sondern auf insgesamt 140 Regionen innerhalb der betrachteten Länder. Je höher der Anteil der Zugewanderten in einer Region ist, desto höher schätzen die im Land ­Geborenen auch den Anteil der Migranten im ganzen Land ein. Die Schweiz wird in der Studie zum Beispiel in fünf Regionen eingeteilt.

Die Einteilung in Regionen war eine von vielen Massnahmen, um einen klaren Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung herausfiltern zu können. Wenn zum Beispiel ein Land mit weniger grosszügigen Sozialleistungen auch weniger Zuwanderung verzeichnet, hat das mit der Einstellung der im Land geborenen Leute möglicherweise weniger zu tun als mit einer geringeren Sogwirkung. Betrachtet man dagegen Regionen innerhalb eines gleichen Landes, gehen die jeweiligen Anteile der Zugewanderten kaum auf unterschiedliche sozialstaatliche Regelungen zurück, da diese im ganzen Land Gültigkeit haben.

Hoher Anteil in der Schweiz

Eine detaillierte Auswertung der Daten nach einzelnen Ländern und Regionen findet sich in der Studie nicht. Damit ist auch nicht ersichtlich, wie stark der Effekt in der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern ist.

Aus den Daten ergibt sich aber, dass der Anteil der Immigranten an der gesamten Bevölkerung in der Schweiz deutlich grösser war als in allen anderen betrachteten Ländern. Und dass die Bereitschaft zur Umverteilung im Jahr 2002 geringer war als in den meisten betrachteten Ländern, aber höher als etwa in Deutschland und dass sie zu Beginn des Jahrzehnts deutlich abgenommen hat, jüngst aber wieder etwas anstieg.

Untersucht haben die Ökonomen auch, welche Eigenheiten von Migranten und der im Inland geborenen die Bereitschaft zu einer Umverteilung besonders stark beeinflussen. So zeigen sie, dass die sinkende Bereitschaft zur Umverteilung stark von der Herkunft der Migranten beeinflusst wird: Bei der Zuwanderung aus dem mittleren Osten und aus Nordafrika ist diese Bereitschaft mehr als dreimal kleiner als bei anderen Migranten. Umgekehrt ist die Umverteilungsbereitschaft bei Einwanderern aus ähnlichen Kulturen und mit einem ähnlichen ethnologischen Hintergrund weniger negativ, ebenso bei solchen mit einer guten Ausbildung.

Bei den im Land Geborenen ist die Bereitschaft zur Umverteilung im Zusammenhang mit der Migration am geringsten bei weniger Gebildeten, aber auch in der Mittel- und Oberschicht. Deutlich und erwartbar ist zudem das Ergebnis im Bezug auf die politische Ausrichtung der Inländer: Wer sich klar links einstuft, der ändert seine Bereitschaft zur Umverteilung auch bei einer grösseren Immigration nicht. Umgekehrt sieht es bei den Einheimischen aus, die sich innerhalb des politischen Spektrums in der Mitte und rechts davon einschätzen.

Die Autoren folgern daraus, dass es die Linke deshalb schwer hat, Wählermehrheiten gleichzeitig für eine weitere Zuwanderung wie für einen Ausbau des Sozialstaats zu gewinnen. Parteien, die einen Abbau der Umverteilung anstreben, können ihrerseits mit guten Erfolgschancen die Migration für ihr Ziel ins Feld führen. Anti-Immigrations-Parteien hätten einen Anreiz, negative Informationen über die Zuwanderungen zu übertreiben, weil diese besonders gut verfangen würden.

Dass die Ergebnisse der Studie sich in allen betrachteten Regionen zeigen und frühere Untersuchungen auch zu anderen Ländern zum gleichen Schluss gekommen sind, zeigt, dass der Zusammenhang zwischen der Einwanderung und dem Sozialstaat sehr weit verbreitet ist. Die Autoren führen auch frühere Untersuchungen aus den USA an, die zeigen, dass der geringere Ausbau des Sozialstaats dort ebenfalls mit den deutlich grösseren Unterschieden innerhalb der Struktur der Bevölkerung in Bezug auf die Religionen, die ethnische Herkunft, die Kultur und die Rassen erklärt werden kann.

Bruch des Vertrags

Wie schon andere Ökonomen und Historiker gezeigt haben, sind die heutigen Sozialstaaten und Umverteilungssysteme in den westlichen Ländern historisch als Institutionen gegenseitiger Rechten und Pflichten sowie Absicherungen entstanden und gewachsen.

Die Öffnung dieser Systeme für Aussenstehende – besonders für solche aus gänzlich unterschiedlichen Ethnien und Kulturen – wird dann von vielen als Bruch einer Art von implizitem Gesellschaftsvertrag empfunden.

Erstellt: 19.04.2019, 21:50 Uhr

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