Was der Frankenschock angerichtet hat

Warum kommt es zu Massenentlassungen, obschon die Schweiz den Aufwertungsschock gut verdaut hat? Aktuelle Studien geben Auskunft.

Die Wirkung im Detail: Während die Schweizer Uhrenbranche zulegt, schrumpft die Industrie.

Die Wirkung im Detail: Während die Schweizer Uhrenbranche zulegt, schrumpft die Industrie. Bild: Stefan Meyer/Keystone

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Gemäss Konjunkturbeobachtern hat die Schweizer Wirtschaft den Frankenschock überstanden, der vor allem nach der Aufgabe des Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank im Januar 2015 zu einer massiven Aufwertung der Schweizer Währung geführt hatte. Gleich sechs Studien, die das Staatssekretariat für Wirtschaft heute publiziert hat, gehen der Frage nach, wie sich die Frankenaufwertung auf die Wirtschaft unter anderem in Bezug auf die Beschäftigung, die Investitionen, die Forschungsausgaben oder die Branchenstruktur ausgewirkt hat. Und welche bleibenden Folgen der Aufwertungsschock auch in Zukunft noch für die Schweizer Wirtschaft haben wird.

Eine der Studie bestätigt die schon bekannte stark negative Wirkung der Mindestkursaufhebung auf die Beschäftigung vor allem in der Industrie. Der Einbruch belief sich dort in einem durchschnittlichen Industrieunternehmen auf 4,6 Prozent. Wie die Autoren schreiben, haben die Unternehmen praktisch sofort nach der Verkündigung durch die SNB und dem damit verknüpften Aufwertungsschock die Beschäftigung reduziert. Schon im ersten Quartal 2015 hat sich die Anzahl der offenen Stellen um 15 Prozent verringert. Grosse Unternehmen haben mit durchschnittlich 7 Prozent deutlich mehr Stellen abgebaut als kleinere. Jene unter ihnen, die noch im Vorfeld expandiert hatten, reduzierten ihre Beschäftigung sogar um 11 Prozent. Wie die Autoren dieser Studie schreiben, bleiben die Aussichten für die Industrie auch weiterhin getrübt.

Schweizer Export wird krisenanfälliger

Das liegt für die Zukunft aber nicht nur am Währungskurs, sondern gemäss den Studien auch an einem schon länger andauernden, generellen Strukturwandel in der Schweizer Wirtschaft. Obwohl der reale Wechselkurs zwischen 1975 und 2015 um etwa 30 Prozent zugenommen hat, haben die Exporte langfristig über die ganze Wirtschaft nur relativ wenig darauf reagiert. Das gilt auch für die Beschäftigung bis zum Frankenschock im Januar 2015. Der Umstand, dass viele Unternehmen von währungsbedingt günstigeren importierten Vorprodukten profitiert haben, hat den Negativeinfluss der Währungsaufwertung auf die Exporte weitgehend zu kompensieren vermocht.

Die Gesamtbetrachtung verdeckt aber die Wirkung im Detail. Das Gewicht der Industrie bei den Güterexporten nimmt immer mehr ab, während jenes vor allem der Pharmaindustrie, aber auch der Uhren- und Präzisionsinstrumente zulegt. Der Anteil dieser drei Branchen an den Güterexporten belief sich im Jahr 1990 noch auf 20 Prozent. Bis zum Jahr 2015 ist er auf 50 Prozent angestiegen. Der Absatz dieser Branchen ist weniger preissensitiv und deshalb auch weniger vom Währungsverhältnis abhängig. Weil ihr Anteil zunimmt und jener der Industrie ab, werden die Exporte der Schweiz insgesamt gegenüber Währungsschwankungen immer widerstandsfähiger. Umgekehrt nimmt dagegen die Wirtschaftsentwicklung im Ausland eine deutlich grössere Bedeutung ein, weil sie die Nachfrage nach diesen Gütern vor allem bestimmt. Die Konzentration der Schweizer Exporte auf nur noch wenige besonders produktive Branchen macht die Schweizer Wirtschaft zwar einerseits reicher, andererseits aber auch krisenanfälliger.

Standort Schweiz verliert an Attraktivität

Dennoch dürfte der Frankenschock sich auch weiter auf die zukünftige Entwicklung der Schweizer Wirtschaft auswirken: Wie eine der Studien zeigt, hat er sich vor allem auf die Investitionstätigkeit und die Forschungs- und Entwicklungsausgaben bei jenen Unternehmen ausgewirkt, die von der Aufwertung am stärksten negativ betroffen waren. Die Autoren schätzen, dass der Investitionsrückgang bei diesen Unternehmen sich in den Jahren 2015 und 2016 auf durchschnittlich rund 12 bis 15 Prozent belaufen hat. Zurückgefahren haben diese Unternehmen sowohl die Bau- und die Ausrüstungsinvestitionen, aber auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung.

Gemäss der Studie wären daher die Forschungsausgaben deutlich höher ausgefallen, wenn es keinen Frankenschock gegeben hätte. Auch die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft gemessen an der Produktivität ist gemäss den Autoren als Folge des Frankenschocks zurückgegangen. Die ausgebliebenen Investitionen und Forschungsausgaben sowie das tiefere Produktivitätswachstum haben gemäss der Studie zur Folge, dass sich die Deindustrialisierung der Schweiz noch weiter akzentuiert, und sie lassen eine geringere Attraktivität des Standorts Schweiz erwarten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2017, 21:03 Uhr

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