Was der wachsende Widerstand gegen 5G für Folgen hat

Auf dem Spiel stehen gemäss 5G-Lobby Tausende Arbeitsplätze. Das sagen Branchenkenner dazu.

Die Wirtschaft will so schnell wie möglich 5G. Doch die Umrüstung stösst auf Widerstände: Installation einer neuen 5G-Antenne in Chêne-Bougeries GE. Foto: Keystone

Die Wirtschaft will so schnell wie möglich 5G. Doch die Umrüstung stösst auf Widerstände: Installation einer neuen 5G-Antenne in Chêne-Bougeries GE. Foto: Keystone

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Hochauflösende Filme auf dem Smartphone schauen und mobil schneller im Internet surfen: Wenn es ums Vermarkten des fünften Mobilfunkstandards geht, zielen die hiesigen Telecomanbieter in erster Linie auf die Privatkunden ab. Dabei tritt in den Hintergrund, dass 5G vor allem die Wirtschaft verändern wird – und damit das Umfeld vieler Arbeitnehmer.

Das hat mit den Möglichkeiten von 5G zu tun: Die Netze werden in neuem Ausmass Geräte miteinander verbinden. Leistungsstarke Programme im Hintergrund werden es erlauben, die gesammelten Daten beinahe in Echtzeit zu sammeln und auszuwerten – und automatisierte Entscheidungen zu treffen.

Eine Schweizer Firma, die bereits heute auf 5G zurückgreift, ist der Baulogistikkonzern Amberg Loglay mit Sitz in Zürich. Seine Mitarbeiter nutzen die Technologie mit ihren schnellen Übertragungsgeschwindigkeiten, um auf Baustellen mit digitalen Plänen und computergestützten dreidimensionalen Modellen zu arbeiten.

Der Burgdorfer Insulinpumpen-Hersteller Ypsomed hat 5G getestet, um seine Abläufe in der Produktion zu verbessern. Anhand der gesammelten Daten sollte die Zahl der Unterbrüche verringert werden. Ypsomed wertet derzeit die Ergebnisse aus.

137'000 neue Stellen

Wie gross der Nutzen von 5G für die hiesige Wirtschaft sein könnte, hat der Branchenverband der Telekommunikation erstmals in einer Studie beziffert. Demnach bringt die neue Technologie im Jahr 2030 einen Produktionszuwachs von 42,2 Milliarden Franken. Zudem sollen zu diesem Zeitpunkt 137'000 neue Arbeitsplätze dank 5G entstehen.

Wie realistisch sind diese Lobbyzahlen? Unabhängige Branchenkenner weisen auf die bekannten Unzulänglichkeiten von Studien hin, wonach punktgenaue Voraussagen in den seltensten Fällen eintreffen. Telecomprofessor Michel Tripet von der Fachhochschule Bern bestätigt indes den in der Studie festgestellten Trend: 5G ermögliche völlig neue Geschäftsmodelle und habe deshalb einen grossen Einfluss auf die zukünftige Geschäftswelt. Es werde auf dem Arbeitsmarkt zu Verlagerungen kommen. «Das heisst, die vorausgesagten neuen Stellen werden auch andere ersetzen.»

Die Voraussetzung für Wachstum dank 5G ist allerdings, dass die Mobilfunkbetreiber die Netze rasch aufbauen. Die Eidgenossenschaft hat die entsprechenden Lizenzen im vergangenen Februar vergeben. Zwar versorgen die Swisscom und Sunrise bereits erste Orte mit dem neuen Standard. Doch die Kritiker von 5G haben derzeit Auftrieb.

«Grössere Unternehmen werden in Länder ausweichen, wo diese Technologie zur Verfügung steht.» Swissmem-Sprecher Ivo Zimmermann

Die Kantonsregierungen von Genf, Jura und Waadt haben entschieden, wegen Gesundheitsbedenken den Antennenbau vorerst auf Eis zu legen. Sie wollen zuerst die Resultate einer Expertenstudie des zuständigen Kommunikationsdepartements abwarten.

In den Parlamenten der Kantone Bern, Aargau, St. Gallen und Schwyz haben Politiker ähnlich lautende Vorstösse eingereicht. Am vergangenen Freitag kam es zudem in Bern zur ersten nationalen Kundgebung gegen 5G.

Entscheidend für den Export

Die Schweizer Wirtschaft warnt vor den Folgen, sollte sich die Einführung von 5G verzögern. Der Dachverband der Unternehmen zeigt sich besorgt, dass die unbegründeten Ängste die Digitalisierung «bremsen oder verteuern». Gerade für eine exportorientierte Volkswirtschaft wie die Schweiz sei es entscheidend, dass neue Technologien rasch nutzbar würden, sagt Kurt Lanz, Leiter Infrastruktur bei Economiesuisse.

Der Verband der Maschinenindustrie befürchtet, dass der Werkplatz Schweiz technologisch ins Hintertreffen gerät und damit an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Leidtragende wären mittelständische Firmen, sagt Swissmem-Sprecher Ivo Zimmermann: «Grössere Unternehmen werden in Länder ausweichen, wo diese Technologie zur Verfügung steht.» Damit gingen hierzulande auch Arbeitsplätze verloren.

«Der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung darf nicht wirtschaftlichen Interessen untergeordnet werden.»Andrea de Meuron, Grünen-Politikerin BE

Die Befürworter von 5G-Stopps weisen die Kritik zurück, sie hinderten mit ihren Begehren die Wirtschaft. «Der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung darf nicht wirtschaftlichen Interessen untergeordnet werden», sagt Andrea de Meuron, Fraktionspräsidentin der Grünen im bernischen Grossen Rat. Ihre Fraktion hat ein Moratorium eingereicht.

So funktioniert der 5G-Stopp

Die Mobilfunkanbieter jedenfalls rechnen mit Verzögerungen, sollten Kantone die Moratorien wirklich umsetzen. In der Praxis sähe das so aus, dass die zuständigen Verwaltungen Gesuche für die Aufrüstung von bestehenden Antennenstandorte auf 5G oder für den Bau neuer Sendemasten nicht mehr bearbeiten. Weil die Kantone aber damit gegen Bundesrecht verstossen würden, könnte es zu zahlreichen und langwierigen Rechtsstreitigkeiten kommen.

Die Swisscom verzichtet auf Klagedrohungen und setzt auf den Dialog mit der Politik und den 5G-Gegnern. Der Marktführer glaubt an seine Überzeugungskraft. Er geht nach wie vor davon aus, bis Ende Jahr 90 Prozent der Bevölkerung mit 5G abdecken zu können.

Die Nummer zwei in der Schweiz hingegen verschärft die Gangart und pocht auf ihr Recht. Wenn alle Vorschriften erfüllt seien, gebe es einen juristischen Anspruch auf eine Baubewilligung, so Sunrise. «Wird uns eine Baubewilligung willkürlich verweigert, werden wir dies rechtlich prüfen», sagt Sunrise-Sprecher Rolf Ziebold.

Salt weist darauf hin, dass sich Behinderungen beim 5G-Aufbau auch auf das bestehende Mobilfunknetz auswirken. 5G sei technologisch eng mit der aktuellen 4G-Infrastruktur verbunden. Verbote des neuen Standards führten dazu, dass Salt bei der Modernisierung und Verbesserung von 4G aufgehalten werde. Der kleinste Schweizer Mobilfunkanbieter plant, 5G im dritten Quartal einzuführen.

Erstellt: 13.05.2019, 21:17 Uhr

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