Wenn das Essen zur Religion wird

Ohne Zusatzstoffe, vegan und glutenfrei – Spezialnahrungsmittel gelten als gesund. Vor allem aber bieten sie Industrie und Handel schöne Wachstumsraten und Margen.

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Welches Joghurt soll es sein? Jenes aus Schafmilch oder Sojamilch? Die verdauungsfördernde Variante oder jene mit besonders hohem Proteingehalt? Das Produkt mit Bifidus oder das ohne Lactose? Oder doch lieber das normale Kuhmilchjoghurt?

Wer vor dem Kühlregal eines Detailhändlers steht, hat die Qual der Wahl. Nicht nur bei Joghurts. Brot ohne Gluten, Schinken ohne Milch, Rahmglace ohne Ei, Weine ohne Schwefel, Getränke ohne Zusatzstoffe, Schokolade ohne Zucker – der Kunde findet heute Hunderte Varianten von Lebensmitteln. Dabei ist nicht nur das Prädikat «ohne» beliebt. «Mit» ist ebenso in Mode. Pasta mit Gemüse, Cracker und Müesli mit Vitaminen und Ballaststoffen gibt es ebenso wie den Power-Riegel mit viel Protein.

Strengere Gesetze

Die Absicht ist freilich überall dieselbe: Ob frisch, bio, vegetarisch, vegan, angereichert oder pur – alles soll dabei helfen, gesund zu bleiben. Der Gesundheitstrend bei Lebensmitteln geht einige Jahre zurück. Zuerst wurde alles light, kein Fett und künstlicher Süssstoff hiess die Devise. Nach dem Null-Kalorien-Joghurt kam der Alleskönner Milchdrink. Er konnte die Abwehrstoffe stärken und die Verdauung ankurbeln, versprachen die Hersteller. Vor allem Milchverarbeiter und Müeslihersteller haben ihre Lebens­mittel mit Funktionen ange­reichert. Functional Food erreichte die Küchen der Konsumenten.

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Wer erinnert sich nicht an die vollmundigen Versprechen des französischen Milchverarbeiters Danone, sein probiotischer Milchdrink stärke die Abwehrkräfte und das Joghurt-Pendant beuge Durchfall vor. Die Franzosen mussten inzwischen zurückbuchstabieren, nachdem die EU Beweise für die Versprechen und verlässliche Studien gefordert hatte.

Auch in der Schweiz müssen die Hersteller eine Bewilligung beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinär­wesen (BLV) einholen, wenn sie Gesundheitsversprechen auf Produktpackungen drucken wollen. Die Regulierung der Behörden hat das rasante Wachstum der Produkte gebremst. In der Schweiz werden funktionelle Nahrungsmittel im Wert von 800 Millionen Franken pro Jahr verkauft, wie der Marktforscher Euromonitor errechnet hat. Die zwischenzeitliche Wachstumsdelle hat sich wieder etwas geglättet, und im letzten Jahr konnte der Verkauf der Produkte leicht zulegen, wie Euromonitor schreibt.

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Dennoch sagt Konsumentenschützerin Sara Stalder, seit die EU die Werbung mit Gesundheitsversprechen bei Nahrungsmitteln vor drei Jahren stärker geregelt habe, sei sie auch in der Schweiz deutlich weniger verbreitet. «Die Vor­gaben in der EU sind streng, die Schweiz zieht mit etwas Verzögerung nach», so die Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz. Stalder begrüsst dies, denn Konsumenten werden so nicht durch zweifelhafte Versprechen zum Kauf verlockt.

Anstatt die Lebensmittel funktionell aufzurüsten, setzen Produzenten und Händler heute auf andere Trends. Das Vertrauen in gezielte Nahrungsergänzungsprodukte sei in der Schweiz geringer als etwa in den USA, sagt Emmi-Sprecherin Sibylle Umiker. «Schweizer Konsumenten, die sich bewusst ernähren, bevorzugen einen ganzheitlichen oder natürlichen Ansatz.» Functional-Food-Produkte, die der Luzerner Milchverarbeiter auf den Markt gebracht hatte, wie Evolus oder Lacto Tab verschwanden denn auch bald wieder aus den ­Regalen. Die beiden Drinks Aktivit und Benecol laufen hingegen gut.

Für ein künftiges Wachstum setzt Emmi heute stärker auf nachhaltige, natür­liche Produkte. Joghurts namens Pur, ohne Zusatzstoffe, oder Yoqua mit einem hohen Proteingehalt kamen auf den Markt. Und auch mit salzigen ­Joghurts oder Joghurts mit Gemüse führt Emmi in den eigenen Geschäften Tests durch.

Lukrativer Trend

Auch die Migros setzt auf neue Trends. «Heute geht es mehr darum, den Zucker- und den Salzgehalt in den Lebensmitteln zu senken, ohne Zusatzstoffe zu produzieren und vor allem zielgruppenspezifische Nahrungsmittel zu produzieren», sagt Walter Huber, Chef der Migros-Nahrungsmittelindustrie. Mit Letzterem meint er die Produktion von gluten- und lactosefreien Nahrungsmitteln. Der Migros-Industriebetrieb Jowa hat in Huttwil BE eine Produktionsstätte aufgebaut, die ausschliesslich glutenfreie Produkte herstellt. Der Detailhandelsriese setzte im vergangenen Jahr 70 Millionen Franken mit dem Aha-Allergikersortiment um, rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei Coop waren es 135 Millionen, mit ähnlichen Wachstumsraten.

Über 6 Prozent der neu in der Schweiz eingeführten Lebensmittel waren im vergangenen Jahr als glutenfrei gekennzeichnet. Noch vor fünf Jahren lag dieser Anteil bei knapp 2,5 Prozent, wie Zahlen des Marktforschers Mintel zeigen.

Der Markt mit Nahrungsmitteln für Allergiker sei trotz schönen Wachstumsraten eine Nische, sagt Huber. Denn von Zöliakie ist rund 1 Prozent der Bevölkerung betroffen. An Laktoseintoleranz leidet jeder fünfte Schweizer. Trotzdem besteht ein Wachstumspotenzial. In der Migros kauft fast die Hälfte der Konsumenten zumindest gelegentlich allergenfrei ein. Gewisse glutenfreie Produkte wie Müesli, Riegel oder Reiswaffeln würden von einem breiten Publikum gekauft und nicht nur von Betroffenen, heisst es bei der Migros.

«Sich gesundessen» ist heute für viele nicht nur ein Trend, sondern wird zum Lebensinhalt. Oder wie Christine Brombach, Ernährungssoziologin der Zürcher Hochschule ZHAW, dem Deutschlandfunk sagte: «Viele Leute befassen sich heute sehr intensiv mit dem Essen, so ­intensiv, dass das Essen so etwas wie ein Ideologie- oder Religionsersatz wird.»

Die neue Religion ist bei Industrie und Handel willkommen. Kommen neue Trends wie die vegane Ernährung auf, bauen Detailhändler schnell ein entsprechendes Sortiment auf. Coop arbeitet seit kurzem mit der deutschen Supermarktkette Veganz zusammen. Die Produkte sollen im Vergleich zu deutschen Geschäften teurer sein. Von Preisunterschieden von 60 Prozent gegenüber Deutschland war die Rede. Man habe in der Schweiz höhere Einstandspreise, so Coop im «Blick».

Speziallebensmittel wie solche für Allergiker kosten mehr als herkömmliche Ware. Wird also nur Marge abgeschöpft? Für Konsumentenschützerin Stalder ist der Fall klar: «Mit veganen, gluten- oder laktosefreien Produkten wird massiv gespielt.» Sie bieten den Konsumenten ein reines Gewissen oder eine bessere Verträglichkeit. Für die Detailhändler sind sie ein gutes Geschäft. Sie könnten dabei eine Nische bearbeiten, in der sich hohe Margen erzielen liessen, so Stalder.

Erstellt: 18.07.2016, 00:00 Uhr

Wie wir uns ernähren

Serie zum Thema Nahrung

In einer mehrteiligen Serie widmet sich Tagesanzeiger.ch/Newsnet dem Thema Nahrung. Nach dem Auftaktartikel zur grossen Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln steht heute das Geschäft mit «gesunder» Ernährung im Zentrum. Fortgesetzt wird die Serie mit den USA. Dort setzt allmählich eine Gegen­bewegung zum Fast Food ein. Ähnlich wie in Europa setzen die Amerikaner vermehrt auf gesunde und qualitativ höherwertige Nahrungsmittel. Im Anschluss folgt ein Artikel zum französischen Chemiker Hervé This. Er arbeitet daran, Fleisch, Obst und Gemüse komplett im Labor zu erzeugen, um so die Menschheit zu ernähren. Alle Artikel der Serie sind nach der Veröffentlichung auf food.tagesanzeiger.ch zu finden.(mka)

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