Wenn Youtuber für Klicks über Leichen gehen

Die Brüder Jake und Logan Paul sind durch Onlinevideos reich geworden. Inzwischen haben sie ihre eigenen Modelinien. Ihr Erfolg beruht allerdings nicht nur auf ihrem Witz.

Logan (l.) und Jake Paul: Sie haben das System Youtube zur Geldmaschine gemacht. Foto: Youtube

Logan (l.) und Jake Paul: Sie haben das System Youtube zur Geldmaschine gemacht. Foto: Youtube

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ganze 30 Tage, 21 Stunden und 15 Minuten hat sich Logan Paul selbst gegeben, um zu reflektieren, wie er auf Twitter schrieb. Keine Tweets, keine Fotos auf Instagram, keine täglichen Videos auf Youtube. Der Social-Media-Star Logan Paul geriet massiv in die Kritik, nachdem er an Silvester ein Video hochgeladen hatte, in dem er in dem japanischen Wald Aokigahara ein Suizidopfer filmt. An Tag 31 fand Logan offenbar, er habe genug Reue gezeigt, und machte im Prinzip dort weiter, wo er aufgehört hatte: witzig sein um jeden Preis. Dafür schiesst er auch mal mit einem Elektroschocker auf eine tote Ratte, kippt saure Milch in seinen Swimmingpool und zerschmettert Teller.

Logan Paul, geboren 1995, und sein kleiner Bruder Jake Paul, 1997, gehören zu den beliebtesten Youtubern weltweit. Die Brüder sind blond, gross, athletisch und vom Typ Klassenclown. Beide wohnen in Los Angeles und laden seit mehr als einem Jahr täglich Videos hoch, die ihr Leben dokumentieren sollen – im Youtube-Jargon heissen sie Vlogs. Unabhängig voneinander hat jeder Millionen damit verdient. Die meisten ihrer Fans sind 13 bis 15 Jahre alt, ausserhalb davon machen die Brüder Schlagzeilen mit Rockstarallüren und krassen Fehltritten, wie jüngst mit dem Aokigahara-Video. Beide stehen ausserdem wie kaum zwei andere Youtuber für das, was auf dem Videoportal schiefläuft.

Logan Paul tritt ins Fettnäpfchen: Beim Besuch des Suicide Forest in Japan macht sich US-Comedian Logan Paul über eine Leiche lustig.

Anfänge bei Vine

Angefangen hat die Social-Media-Karriere der Paul-Brüder im Frühjahr 2013 auf der Videoplattform Vine, die zu Twitter gehörte. Logan und Jake, damals zwei Highschool-Jungs aus Ohio, begreifen unheimlich schnell, wie man einen Witz in wenigen Sekunden erzählt. Beispiel: Jake wirft eine Bananenschale weg, Logan rutscht darauf aus, aber fängt sich artistisch mit einem Rückwärtssalto, Pointe: Logan stolpert über eine Mülltonne. Innerhalb eines halben Jahres sammeln beide unabhängig voneinander mehr als eine Million Follower. Bald folgen die ersten Werbe-Vines für Donuts, Elektronikmärkte und Cola.

Rund ein Jahr später ziehen die Brüder nach Los Angeles, um ihre Karrieren weiter anzukurbeln. Logan bricht dafür sein Studium ab, Jake die Highschool. Beide nehmen Schauspiel- und Improvisationsunterricht, finanzieren sich ihr Leben mit gesponserten Vines und experimentieren auf anderen Plattformen wie Snapchat, Facebook, Instagram. So kommen sie auch zu Youtube, wo sie ab 2015 regelmässig Videos posten. Jeder baut seine eigene Marke auf. Etwa zur selben Zeit sinkt langsam die Popularität von Vine, Anfang 2017 stellt Twitter den Kurzvideodienst ein. Da konzentrieren sich die Paul-Brüder längst jeweils auf ihre Youtube-Kanäle. Jake spielt ausserdem die Hauptrolle in der Disney-Channel-Serie «Bizaardvark», sein grosser Bruder hat diverse Auftritte in Fernsehserien und dem Youtube-Film «The Thinning».

Der Algorithmus belohnt Youtuber, die möglichst regelmässig, am besten täglich, Videos hochladen.

Auch auf Youtube lernen die Brüder schnell, wie man möglichst effektiv wächst. Der Algorithmus der Plattform belohnt Youtuber, die möglichst regelmässig, am besten täglich, Videos hochladen. Ausserdem können sie in langen Videos – ab zehn Minuten – mehr Werbeanzeigen platzieren. Mit ihren Daily Vlogs achten Jake und Logan Paul auf beide Kriterien. Ein Phänomen, das sich bei vielen derzeit erfolgreichen Youtubern beobachten lässt. Auch wenn das Videoportal Faktoren wie Zuschauerbindung miteinberechnet, profitieren derzeit vor allem jene, die auf Quantität setzen, nicht auf Kreativität.

Jake hat mehrere Influencer in einem Unternehmen um sich geschart, genannt Team 10. Das jüngste Mitglied: Ben Hampton, sechs Jahre alt. Einige der Team-10-Mitglieder wohnen mit Jake zusammen in einem Haus in Los Angeles. Das führte im Sommer 2017 zu Jakes bisher grösstem Skandal, der ihn seinen Vertrag mit Disney kostete: Die Nachbarn beschweren sich, weil Fans die Strasse belagern und Jake und seine Entourage zum Beispiel Möbel im Swimmingpool verbrennen – für ein Video. Mittlerweile wohnen beide Brüder in millionenteuren Villen mit riesigen Grundstücken und abgeschirmt von der Nachbarschaft.

«Sei ein Rebell»

Die Botschaft, die die Brüder ihren Zuschauern mit ihren Videos vermitteln wollen, ist banal wie altbekannt: «Carpe diem», geniesse jeden Tag. Die beiden haben natürlich ihre jeweils eigene Formulierung dafür: «It’s everyday, Bro», lautet Jakes Variante, die er in ein gleichnamiges Lied gegossen hat. Logan empfiehlt seinen Zuschauern: «Be a maverick. Do it different», sei ein Rebell, sei anders. Maverick heisst Logans eigene Modelinie.

Dazu wiederholen sie beide mantraartig in nahezu jedem Video: Bleibt positiv, lasst die Kritiker reden. Um ganz dazuzugehören, fordern Logan und Jake ihre Zuschauer auf, Teil der «Lo-Gang» beziehungsweise der «Jake Paulers» zu werden, indem sie die Kanäle abonnieren. Und wer ganz sicher gehen möchte, bestellt sich am besten noch Hoodie, Rucksack und Trainingshose aus dem jeweiligen Fanshop dazu. Während andere Youtuber sich beschweren, dass ihre Werbeeinnahmen zurückgehen, haben die Paul-Brüder also einen neuen Weg gefunden, ihre Reichweite auszunutzen. Als Reaktion auf den Aokigahara-Skandal und einige Wochen später auf die Tierquälerei mit der toten Ratte hat Youtube Logan erst von der Liste der bevorzugten Werbebotschafter gestrichen und ihn vor ein paar Tagen ganz aus dem Werbeprogramm geschmissen. Logan dürfte darüber müde gelächelt haben.

Auch Jake, der nach wie vor Werbung schalten darf, setzt weniger auf Fremdanzeigen in seinen Videos. Neben dem Umsatz mit seiner Modelinie kassiert er angeblich 20 Prozent der Einnahmen aller Team-10-Mitglieder. Für 64 US-Dollar verrät er in seiner jüngst gegründeten Onlineschule für Social-Media-Stars «Edfluencer» alle seine Tricks. Jakes Ziel: Er möchte der erste Social-Media-Milliardär werden.

Erstellt: 04.03.2018, 20:07 Uhr

Artikel zum Thema

Youtube steckt in der Krise

Googles Videoplattform laufen Werbekunden davon, und ein grosses Kanäle-Sterben hat eingesetzt. Besonders betroffen sind auch Schweizer Youtuber. Mehr...

Die neuen Rockstars

SonntagsZeitung Sie sind blutjung und haben Hunderttausende Fans auf Youtube oder Instagram: Schweizer Influencers und Creators. Nächste Woche laden sie ins Hallenstadion. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wollen Sie einen echten Cyborg treffen?

Ihnen gehen Technik und Innovation unter die Haut? Gewinnen Sie 2x2 VIP-Tickets für die Volvo Art Session.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...